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OF Tobias Bonn, Manal Raga a Sabit, Marie Cécile Nest, Christoph Marti, Winnie Böwe, H. Litteer, Moritz C. Winklmayr © A. Schwanke - Siegersbusch - RT

Tobias Bonn, Manal Raga a Sabit, Marie Cécile Nest, Christoph Marti, Winnie Böwe, H. Litteer, Moritz C. Winklmayr © A. Schwanke - Siegersbusch

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Musical von Harold Faltermeyer: Am Berliner Renaissance-Theater oktoberfestelt es gewaltig

Vorspann / Teaser

Nicht überall, wo „Oktoberfest“ draufsteht, ist auch (echtes) Oktoberfest drin – oder zumindest dessen Ursprungssage. Im Berliner Renaissance-Theater versicherte sich Filmmusik-Legende Harold Faltermeyer einer Mitwirkung der Geschwister Pfister und platzierte sein neues Musical „Oktoberfest – The Musical. Beinah wahr... (An almost True Story)“ mit Songs in englischer Sprache. Das Stück reiht als Theater auf dem Theater ein Klischee ans Andere, verscherzt dadurch substanzielle Humor-Chancen und huldigt als massenkompatibles Comedy-Produkt der kultourigen Globalisierung. Die Vorstellungsserie läuft vorerst bis 11. August. 

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Der Beifall am Freitagabend (Vorpremiere) war wohlwollend und leicht bemüht. Das lag sicher nicht an den den sehr routinierten Melodien des zwischen US-Amerika und Oberbayern pendelnden Harold Faltermeyer, den Evergreen-Komponisten der Titelmelodie von „Beverly Hills Cop“ und anderer Movie-Raketen. Es lag auch nicht an den für Operette und niveauvolle Unterhaltung in der Bar jeder Vernunft, an der Komischen Oper und an den Bühnen Bern seit Jahren zu Recht inthronisierten Geschwistern Pfister und dem Berliner Boulevard-Tempel. 

Im Renaissance-Theater erhielt das Premierenpublikum einen gekonnten Ausblick auf das, was in globalisierten und multikultigen Comedy- und Songzeiten in rauen Mengen auf uns zukommen könnte. Die Entstehung des Münchner Oktoberfestes sowie eines Skandals im Königreich Bayern wurde zum Theater auf dem Theater – mit niederschwelligem Wissensreservoir, schablonenhaften Mustern und einer Jux-Lust, die zu hier allem und damit zu nichts so richtig passen will. Möglicherweise geraten die Pointen nach einigen Vorstellungen doch noch den richtigen Schliff. 

In „Oktoberfest – Beinah wahr...“ geht es also mit bekannten Klischees vor allem um die Kultur von Münchens und Bayerns fünfter Jahreszeit. Durch eine auf locker und lässig getrimmte Show-Brille betrachtet: Das Publikum soll an die um eine Woche vorverlegten Premiere eines Bayernstücks in Besetzung mit einem ethnisch-soziographisch knallbunten Ensemble glauben. Der Produzentin Valerie (Winnie Böwe) sind offenbar alle Kontrollfäden entglitten. Sie kennt die Crew nicht und hat alles auf diese einzige Karte eines kommerziellen Erfolgs gesetzt. 

Natürlich gibt es Vorbilder für solch eine In-Szene-Setzung mit der Hoffnung auf lange Laufzeiten – Vorstellungen von „Oktoberfest – Beinah wahr...“ stehen vorerst bis 11. August auf dem Spielplan und damit etwas unter Einnahmedruck. Vorbilder für die Absicht einer künstlerisch potenten Musical-Verschlamasselung gibt es: In „The Producers“ wird das schlechteste Musical der Welt (mit Hitler-Sujet) zum Mega-Erfolg, weil das Publikum ernst gemeintes als Parodie nimmt. Und natürlich denkt man an „Spamalot“, die Hommage schlechthin an alle retortenhaften Musical-Ingredienzien. Doch auf solch subtilen Doppelbödigkeiten zieht es Faltermeyer nur an wenigen Stellen – oder gar Richtung Bayerns weißblaue Regionalfolklore. Wohl deshalb artikulierten die für Musical einschlägigen Münchner Spielstätten bisher kein aktives Interesse an „Oktoberfest – Beinah wahr...“ und den von Faltermeyers mit Premium-Genrekenntnissen entfalteten Song-Schablonen. Schade – und dabei muss nicht unbedingt in Nostalgie an die Singspiel-Lyrik von Franz Hummels „Ludwig II. oder Sehnsucht nach dem Paradies“ verfallen. 

Im Renaissance-Theater schnurrt die Liebe Ludwigs I. von Bayern (Tobias Bonn) zu Therese von Sachsen-Hildburghausen (Marie Cécile Nest) am da noch neugierigen Publikum vorbei. Dann – nach lustig vorgeführtem königlichem Kinderreichtum – schiebt sich die Handlung Richtung Lola-Montez-Skandal, der Ludwig I. zu Fall und Abdankung brachte. Momme Röhrbein (Bühne) und Angelika Rieck (Kostüme) habe dafür ein für viele weitere Stücke funktionierendes Ausstattungsdesign entwickelt. Schön bunt und grell und bemüht wie die extrovertierte Musik. Unter dem Vorwand zeitgemäßen Abstands setzen Guntbert Warns und Karim Mezdour in ihrer Regie plakative Frauenbilder wie das Familien-Mutter-und-sonst-nichts-Bienchen Therese gegen die plakative Verruchtheit Lolas (Manal Raga a Sabit). Christoph Marti geht als historisch nicht ganz folgerichtig hereingebeamter Napoléon Bonaparte durchs Geschehen. 

Evviva la commedia! Im Berliner Stück feiert sich ein Weißwurstäquator-Klischee nach dem anderen. Von Bier bis Prosit. Das würde exzellent in den Europa-Park Rust zwischen Achterbahn und Autoskooter passen. „Oktoberfest – Beinah wahr...“ ist ein Etikett, was internationale Breitenwirkung verspricht, und gleichzeitig Ortsunabhängigkeit garantiert, wie sie in den Oktoberfest-Regionalablegern von der Westfalen bis Ostsachsen in greifbare Nähe geraten. Pointen und Prosit sind wichtiger als der inhaltliche Treibstoff. Aber ein bisschen Spaß muss sein: „Ein Prosit der Gemütlichkeit!“

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Nachtrag und Transparenzhinweis der online-redaktion (MH)
[20.07.2024: 19:55]

Unser Autor besuchte die Voraufführung am 5. Juli 2024 (Freitag). Die Publikumspremiere fand am Sonntag, dem 7. Juli 2024 statt. 

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