Sprache besteht nicht unwesentlich aus Wörtern. Man sollte sie deswegen gelegentlich beim Wort nehmen, umso mehr, als Wörter durch täglichen Gebrauch stumpf und hohl werden können, so dass man sich ihres Bedeutungskerns neu versichern muss. Das Verb „informieren“ bedeutet zunächst einmal: etwas in Form bringen. Das kann eine Nachricht, Meldung, Neuigkeit sein, die dadurch zu einer Information wird. Es kann aber auch irgend ein Material sein, eine Sprache, Bilder oder Klänge. Um von anderen Menschen gelesen, gesehen, gehört und gebraucht zu werden, muss jeder Stoff in eine Form gebracht werden. Material und Inhalt – egal um was es sich handelt – brauchen wenigstens Anfang, Verlauf und Ende, sprich Form, weil sie sonst im Kontinuum beliebig vieler anderer Materialien und Inhalte schlicht nicht unterschieden und wahrgenommen werden könnten.
Seite 40 der nmz 2026/03.
Musik informiert
In Bezug auf Musik sprach Arnold Schönberg von „musikalischen Gedanken“, die es in Detail und Verlauf in eine dem jeweiligen Gedanken angemessene Form zu bringen gilt, damit dieser „fasslich“ und in allen seinen Eigenschaften vollständig – wie Karlheinz Stockhausen gesagt hätte – „durchhörbar“ wird. Erst derart geformt wächst dem musikalischen Material struktureller, expressiver und gegebenenfalls auch themengebundener Informationsgehalt zu. Dieser Prozess ist komplex, mühsam, zeitraubend und nicht selten zum Scheitern verurteilt, weil sich Material, Form und Gehalt nur schwer oder gar nicht in stimmige Kongruenz bringen lassen. Wird diese Kernaufgabe von Komponieren aus Bequemlichkeit, Nachlässig- oder Unfähigkeit abgekürzt, indem man die Thematik, Idee oder Information eines Stücks kurzerhand durch Titel, Texte oder Bilder von vornherein setzt, ohne die gewollte Aussage aus der Formung der gewählten Materialien und Medien zu entwickeln, so handelt man eher journalistisch oder propagandistisch. Das Publikum macht dann keine ästhetische Erfahrung mehr, die Ergebnisoffenheit voraussetzt, sondern wird im Sinne von Nachrichten über welche Thematik auch immer gelenkt, belehrt, moralisiert, manipuliert, mithin informiert.
Beim Musikhören ist weniger entscheidend, was wir hören und welchen Gegenstand ein Musikstück zum Thema hat, sondern wie wir hören und dieser Inhalt verarbeitet, gestaltet, geformt und für uns Hörende erlebbar gemacht wird. Ebenso wichtig ist, wo und wie Musik präsentiert wird und in welche Zusammenhänge man sie stellt.
Wer im Vorfeld eines Konzerts etwas über die aufgeführte Musik aussagt, sollte sich überlegen, welche Informationen wichtig sind, um die Aufnahmebereitschaft zu öffnen und zu schärfen, ohne sie durch bestimmte Narrative, Dispositive oder Agenden auf bestimmte Wahrnehmungsweisen, Lesarten, Deutungen und Wertungen zu verengen. Denn wie die Kunst selbst lebt auch die ästhetische Erfahrung von der Freiheit der Rezeption. Als Individuen mit jeweils eigenen Prägungen und Sensorien sind wir eingeladen, uns selbständig auf Kunst und die durch Kunst bei uns ausgelöste Selbst- und Welterfahrung einzulassen. Kompositorisch informierte Musik wird dann schon von selbst ihren Gehalt durch dessen spezifische Form vermitteln.
Weitere Uraufführungen:
- 06.03.: Davidson Jaconello, Vermilion – Ballettmusik für die Choreografie von Vittoria Girelli, Staatsoper Stuttgart Bühne des Opernhauses.
- 07.03.: Simon Loffler, F.O.W.L. für Ensemble, Hilde Marie Holsen, Nimbostratus für sieben Musiker:innen, Musikfabrik im WDR Köln
- 14.03.: Bernd Franke, Coming up for air – Oper in drei Akten auf ein Libretto von Jessica Walker nach dem Roman von Sarah Leipciger, Oper Leipzig
- 16.03.: Krõõt-Kärt Kaev, neues Werk für Blechblasquartett des Ensemble Musikfabrik, Studio Musikfabrik Köln
- 20.–29.03.: MaerzMusik Berlin mit neuen Arbeiten von Ellen Fullman, Pelle Schilling, Laure M. Hiendl, Luxa M. Schüttler, Khabat Abas, Meredith Monk, Navid Navab, Garnet Willis, Okkyung Lee, Zesses Seglias, Viola Yip, Ken Ueno, Dirk Rothbrust, Jan St. Werner, Erwan Keravec, Nicholas Morrish und Wolfgang Mitterer.
- 27.03.: Geoffrey Gordon, Titus nach Shakespeare für WDR-Sinfonieorchester, Kölner Philharmonie
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