Im Flugzeug gibt es für jeden einen, im Fernzug kann man ihn reservieren, und im Stadtbus stellt man ihn gerne der älteren Generation zur Verfügung. Sitzplätze sind oft bequem, vor allem aber sind sie manchmal auch notwendig. Das gilt für das Auditorium in jedem Theater und Konzerthaus – wirklich ausgewiesene Stehplätze kenne ich bisher nur aus Wien. Wie aber ist die Situation im Foyer? Und wer hat sich dazu überhaupt schon einmal Gedanken gemacht?
Reihe 9 in Aalto-Theater Essen. Foto: mku
Reihe 9 (#109) – Sitzgelegenheiten
Ich muss gestehen: Auch für mich war das bisher nie eine Frage. Denn jedes Haus hat nicht nur ein individuelles räumliches Konzept, sondern muss auch den unbeugsamen Brand- und Rauchschutzvorschriften der DIN 18040 Folge leisten – und das ist wirklich gut so, wenn man an den fatalen Brand im Wiener Ringtheater am 8. Dezember 1881 mit nach inoffiziellen Schätzungen bis zu 1.000 Toten denkt. Auch Anton Bruckner soll damals eine Karte für den Abend gehabt haben, blieb aber unpässlich in den eigenen vier Wänden. Unvorstellbar! Was wäre die Welt ohne seine 7., 8. oder gar die unvollendete 9. Sinfonie?
Das Foyer sollte im Fall der Fälle also rasch durchschritten werden können und nicht durch lose Stühle zu einer Stolperfalle werden. Soweit, so gut. Inzwischen haben sich die Anforderungen allerdings geändert. Aus der ehemaligen «Wandelhalle» ist vielfach längst ein Ort geworden, an dem das Publikum gerne verweilt – sei es in der Pausen-Gastronomie oder bei Einführungen in den Abend (gleich ob Sinfonie oder Oper). Dabei kommt das Foyer seiner ursprünglichen Bedeutung wieder näher: Im französischen Original bedeutet «Foyer» schlicht «Raum mit Herd» – und umschreibt damit genau den Ort in einem Haus, an dem man sich gerne aufhält und kommuniziert. Dies scheint allerdings manch einem Architekten und Innenraumgestalter entfallen zu sein. Und so wird immer wieder improvisiert: von mobilen Klappstühlen (Kölner Philharmonie) über regelmäßig ad hoc gestellten Sitzreihen (Konzerthaus Berlin) bis hin zum Ausweichen in einen kleineren Saal (Feierabendhaus der BASF, Ludwigshafen). Glücklich ist, wer einen zweiten Ort im Haus hat.
Was aber tun, wenn eine angeblich «humane Architektur» gerade hier versagt?
doch eher Raum als «human»? Foto: mku
Gemeint ist das Aalto-Theater in Essen, das ich in den 1990er Jahren als wirklich modern und ästhetisch klar empfand, bei meinem neuerlichen Besuch sich indes als wenig funktional erwies. Die Einführung durch die Dramaturgin vor der Vorstellung fand in einer Art Schlauch oberhalb des eigentlichen Foyers statt; die vier Sofas mit großzügig geschätzten 24 Sitzplätzen waren sofort besetzt, das Groß der Interessierten lehnte indes an den Wänden oder erwies sich als standfest (ich nahm als einziger auf der Treppe mit einem reinen Hörplatz vorlieb).
Schlauch mit Pult und 24 Glückliche. Foto: mku
Da der Kulturbetrieb aber noch immer vom geschätzten «Silbersee» lebt, darf man eine solche Situation hier wie auch an vielen anderen Orten durchaus als Zumutung oder implizite Ausladung empfinden. Dass es auch anders geht, zeigte das Nachgespräch in der Cafeteria mit Sitzplätzen an Tischen…
Vielleicht war es dem mittleren Sonntagnachmittag geschuldet, dass die Vorstellung von Hindemiths Cardillac (in der Fassung von 1926) nicht so recht zünden wollte. Denn trotz der Anleihen bei „Film Noir” bleibt die Inszenierung von Guy Joosten an der Oberfläche. Der Goldschmied wird in seinem maßlosen Trieb so übertrieben dargestellt, dass er fast zur Persiflage wird. In keiner Szene sieht man ihn «am Werk», so dass am Ende die versöhnlichen und mahnenden Worte des Offiziers («Er war das Opfer eines heil’gen Wahn») kaum mehr gehört werden. Er nimmt den Maßregelvollzug vorweg, der auch 1931 bei Fritz Lang (M) vom Verteidiger angemahnt wird.
Cardillac und «das Volk». Foto: Matthias Jung
Dass Cardillac (vielfach mit großen Gesten zu einer geradezu kammermusikalischen Faktur) am Ende auch noch grinsend vor dem Theatervorhang steht, stellt diese einst avantgardistische und heute in Gesetzestexte gegossene Ethik geradezu infrage. Ein billiger, fast schon populistischer Trick, um die allenfalls durchwachsene Deutung zu retten.
Reihe 9
Immer am 9. des Monats setzt sich Michael Kube für uns in die Reihe 9 – mit ernsten, nachdenklichen, manchmal aber auch vergnüglichen Kommentaren zu aktuellen Entwicklungen und dem alltäglichen Musikbetrieb. Die Folgen #1 bis #72 erschienen von 2017 bis 2022 in der Schweizer Musikzeitung (online). Für die nmz schreibt Michael Kube regelmäßig seit 2009.
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