Das „Fremdwörterbuch“ des Duden beinhaltet in der fünften Auflage 1990 fast drei Seiten an Wörtern mit der Vorsilbe „trans“. Das Spektrum reicht von „Transaktion“ bis „transzendieren“. Dazwischen gibt es Transfer, Transfusion, Transit, Transparenz, Transplantation, Transvestit, transsexuell und vieles mehr. Jüngere Auflagen listen auch Begriffe wie transhuman, transtraditionell und transkulturell, die in Kunst, Kultur und Musik gegenwärtig hoch im Kurs stehen.
Seite 36 der nmz 2026/02
Trans… was, wie, wohin?
Allerdings ist „Transkulturell“ ein etwas unglücklicher Pleonasmus, als wäre es ein „weißer Schimmel“, denn Kultur bedeutet per se Übergang, Wandlung, Wanderung, Austausch, Aneignung, mithin Vielfalt und Transformation. Das Modewort betont das Kulturenübergreifende eines Phänomens und missversteht gerade damit Kultur als etwas Puristisches und Exklusives, als ob es schwarze Schimmel gäbe.
Transformationen lassen sich gegenwärtig fast überall beobachten, in Digitaltechnologie, Kommunikation, Weltpolitik, Wirtschaft, Energie, Verkehr, Sozialsystemen, Umgangsformen, Sprache, Kunst, Kultur, Musik… Die künstlerische Leiterin des Festivals ECLAT Christine Fischer eröffnet die diesjährige Programmbroschüre mit der Aufforderung „Hear it Coming“. Der Appell bezieht sich auf dystopische Befürchtungen und die womöglich in neuer Musik sich abzeichnende Zukunft. Zugleich ist es der Titel einer multimedialen Performance von Andreas Eduardo Frank, die auf kollektive Hörsituation, Rekalibrierung der Sinne und ein posthumanistisches Narrativ über Unruhe und Wachsamkeit zielt – vermutlich transparent und transitorisch. Eine Raumkomposition ist auch Kirsten Reeses „Future Forest“ – translokativ und transitiv. Ricardo Eizirik gestaltet „eine hybride Clubnacht“ und Luxa M. Schüttler die installative Performance „Noise is a Queer Space“. Daniel Gloger und das LENsemble Vilnius bringen Werke junger Komponierender aus Belarus und die Neuen Vocalsolisten aus Staaten des ehemaligen Jugoslawien zur Uraufführung. Vom 4. bis 8. Februar sind im Stuttgarter Theaterhaus insgesamt 24 Uraufführungen zu erleben.
Veränderung annonciert auch die Biennale für aktuelle Musik Frankfurt Rhein-Main „cresc...“. Die quantitative Zunahme an Lautstärke impliziert neue Qualitäten von Energie, Erregung, Ausstrahlung. Vom 4. bis 15. Februar gibt es Uraufführungen von John Hollenbeck, Juste Janulyte, Bernard Foccroulle, Helena Cánovas i Parés, Thierry Tidrow, Malika Kishino, Sarah Nemtsov, Leon Liang, Haotian Yu, Diego Ramos Rodríguez, Hed Bahack, Caio de Azevedo, Eungjin Lee, Yixie Shen. Das Festivalmotto lautet „Schwärmen“ im doppelten Sinne von Ausschwärmen – transversal, transaxial, transluzid, transalpin, transatlantisch – und verliebtem Schmachten, Anhimmeln, Verklären – transgressiv, transfigurierend, transfundierend, transmittierend, transpirierend…
Weitere Uraufführungen:
1.2.: Olga Neuwirth, Monster’s Paradise – Eine Grand-Guignol-Oper, Staatsoper Hamburg; Jennifer Walshe, neues Werk für Violoncello und Akkordeon, Kölner Philharmonie
6.2.: Neuwirth, Zones of Blue – Rhapsodie für Klarinette mit Orchester, musica viva, Isarphilharmonie München
7.2.: Elfrida Andrée, Die Fritjof-Saga auf ein Libretto von Selma Lagerlöf nach dem Versepos von Esaias Tegnér, Aalto Theater Essen
7.2.: René Wohlhauser, Trio für Flöte, Klarinette und Klavier Nr. 2, Duo für Violine und Violoncello Nr. 2, Gläserne Nacht für Sopran, Bassflöte, Bassklarinette und Violoncello auf ein Gedicht des Komponisten, Gasteig München, Folgekonzerte in Basel, Bern und Zürich
12.2.: Sbusiso Shozi, Nhlanhla Mahlangu und das Centre for the Less Good Idea, Selemo – Kammeroper, Komische Oper Berlin
27.2.: Nico Sauer, Die Kantine, im Rahmen von NOperas! / feXm, Theater Münster, Mai Darmstadt
- Share by mail
Share on