Die mechanischen Musikinstrumente sind bis jetzt fast ausschließlich zur Reproduktion von Musik verwendet worden, welche ursprünglich für andere Instrumente – einschließlich der menschlichen Stimme – gedacht und geschrieben war. Diese Musik wurde phonetisch übertragen – der lebendige Klang wurde gleichsam photographiert – und die Erfinder und Verbesserer setzten ihren ganzen Ehrgeiz darein, die mechanische Wiedergabe so zu vervollkommnen, daß sie möglichst nahe an die originale, durch Menschen bewerkstelligte Aufführung herankam. Davon soll aber hier nicht die Rede sein. Hier soll von jener Musik gesprochen werden, welche, so wie sie gedacht ist, überhaupt nicht von Menschen ausgeführt werden kann sondern nur von mechanischen Instrumenten. Damit tritt diese Instrumentenart erst selbständig neben den andern uns bekannten Instrumenten auf den Plan; und die Musik, um die es hier geht, ist nicht irgendwelche Musik, durch ein mechanisches Instrument reproduziert, sondern sie ist Musik für ein mechanisches Instrument, genau so wie Musik für Violine und Klavier oder Musik für Orchester; sie ist, wie jeweils diese auch, in den Geist des Instrumentes hinein-, oder auch aus ihm heraus, komponiert; sie ist durch die Wesenheit des Instrumentes gelenkt und beeinflußt (wie die andere fraglos auch) und jede andere als die originale Wiedergabe setzt ein Arrangement voraus. Um das besser zu verstehen, muß man zuerst wissen, welche die technisch-praktischen Eigentümlichkeiten sind, die das neue Instrument zu seiner eigentümlichen Musik befähigen. Gedacht ist dabei etwa eine mechanische Orgel oder ein mechanisches Klavier. Ein scheinbar äußerliches Moment, aber wichtig genug, ist zunächst die Möglichkeit, die ganze Tastatur gleichzeitig und hemmungslos, d. h. ohne Rücksicht auf die Bildung der menschlichen Hand, auszunutzen. […]
Neue Musik-Zeitung – Vor 100 Jahren
Vor 100 Jahren: Musik für mechanische Instrumente
Wenn ich das Wesen dieser Art Musik bezeichnen soll, was mit Worten nicht leicht und sicher nicht erschöpfend möglich ist, so möchte ich es mit dem Ausdruck einer gewissen „Kühle“ bezeichnen. Um deutlicher zu sein: Es ist damit nicht ein Mangel an Wärme gemeint, sondern das Vorhandensein einer Nichtwärme, also von etwas ganz Positivem, was in seiner Art in der gewohnten, auf gewohnte Weise exekutierten Musik nicht enthalten ist. Hand in Hand damit geht, wohl als Ursache anzusehen, eine kristallene Klarheit; eine ungewohnte Überklarheit. Die subjektive, (im guten Sinne) sentimentale Musik verträgt diese Kristallklarheit, diese Kühle nicht; die, welche sie verträgt, erheischt sie auch. In diesem Sinne wird allerdings auch manche bereits bestehende Musik mechanisch gespielt werden können. Ich erinnere mich, als kleiner Junge von einer ganz besonderen elektrischen Orgel her außer allerlei leichter Musik (besonders Märschen, unter denen der „Radetzkymarsch“ glänzte), eine Reihe Rossinischer Ouvertüren kennen gelernt zu haben. Heute weiß ich, daß die Wahl dieser Musik dafür kein Zufall war. Die Einrichtung gewisser bestehender Musik für mechanische Instrumente wird denselben Anreiz haben wie etwa das Instrumentieren gewisser Beethovenscher Klaviersonaten oder anderer klassischer, nicht original für Orchester geschriebener Musik.
Ernst Toch, Neue Musik-Zeitung, 47. Jg., 2. Juli-Heft 1926
Es erscheint fast überflüssig, ausdrücklich zu sagen, daß diese Musik gewiß nicht die „andere“ verdrängen soll. Niemand wird das wünschen und niemand braucht das zu befürchten. Sie erschließt ganz einfach einen neuen oder wenig bebauten Bezirk der musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten. Genau so wie ich nicht alle Tage und Nächte meines Lebens im Wasser zubringen möchte, weil ich kein Fisch, sondern ein Mensch bin, wohl aber den ganz unvergleichlichen Genuß eines solchen sporadischen Aufenthaltes kenne und aufsuche: genauso soll die „Kühle“ der mechanischen Musik nicht die „Wärme“ der gewohnten verdrängen, sondern neben ihr als etwas Eigenes, Eigentümliches bestehen. Alois Haba sagte in einem Aufsatz über die Vierteltonmusik, sie sei nicht als Zerstörung der Halbtonmusik gedacht, sondern als Erweiterung des Tongebietes, gleichwie die äußeren Bezirke einer Stadt sich erweiternd und bauend mit der Zeit um ihren ursprünglichen Kern gruppieren, ohne diesen etwa zerstören zu wollen. Ein besseres Gleichnis kann wohl kaum gefunden werden; möge es auch auf diesen neuen Bezirk angewendet werden. Wem die mechanische Musik nicht „liegt“, der braucht sich nicht um sie zu bekümmern. Aber sicher wird mancher, sei es als Mitschaffender oder als Zuhörer, ihr vielfache Anregung abgewinnen.
Ernst Toch, Neue Musik-Zeitung, 47. Jg., 2. Juli-Heft 1926
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