Hauptbild
 Bayerische Staatsoper München, Of One Blood

 Uraufführung «Of One Blood» an der Bayerischen Staatsoper München

Hauptrubrik
Banner Full-Size

Wer schreibt denn heute noch Opern?

Publikationsdatum
Body

Verdi, Wagner, Mozart: Die großen Opernkomponisten sind längst tot, doch jeder Klassik-Fan kennt ihre Werke. Aber wie sieht das mit den Opern von heute aus?

Als Wolfgang Amadeus Mozarts «Hochzeit des Figaro» am 1. Mai 1786 im Wiener Burgtheater uraufgeführt wurde, war das ein Skandal. Adels-Bashing drei Jahre vor der Französischen Revolution - das galt dem ein oder anderen als ziemlich gefährlich. Oper war Stadtgespräch, Oper war politisch, und noch heute dürfte kein Opernhaus, das etwas auf sich hält, dauerhaft ohne Mozarts berühmtes Werk auskommen.

Wenn die Bayerische Staatsoper im Rahmen der Münchener Biennale (8. bis 20. Mai) nun an diesem Sonntag die neu komponierte Oper «Of One Blood» über die Königinnen Mary Stuart und Elizabeth I. zum allerersten Mal auf die Bühne bringt, dann dürfte - soviel spekulative Prophezeiung sei erlaubt - ein Aufschrei wie der von 1786 in Wien wohl ausbleiben.

Und ob den Komponisten Brett Dean und die Librettistin Heather Betts in 240 Jahren noch jemand kennt und die großen Opernhäuser ihr Werk dann noch spielen, das muss sich zumindest erst noch zeigen - immer vorausgesetzt, es gibt in zwei Jahrhunderten überhaupt noch so etwas wie Theater.

«Ich bin ganz hoffnungsvoll, dass unsere Oper ein Werk ist, das die Aufmerksamkeit von Opern-Liebhabern auf sich ziehen kann», sagt Dean, ein 64 Jahre alter Komponist aus Australien, der Deutschen Presse-Agentur vor der Uraufführung seines Werkes in München.

«Heutzutage wünsche ich mir natürlich, dass dieses Werk einem neuen Publikum hilft, den Weg in die Oper zu finden. Das Publikum zeigt Einsatz, wenn es für einen ganzen Abend in unsere Welt kommt. Und es ist unsere Aufgabe, sie dort zu halten - fasziniert.»

«Eine Uraufführung ist immer eine Reise in völlig unbetretenes Land - ein Zustand, den ich liebe», sagt der Regisseur Claus Guth, der «Of One Blood» in München inszeniert. «Man kann sich auf nichts verlassen, es gibt keine Referenzen, keine gewachsenen Traditionen. Man muss eine eigene Sprache finden, die möglichst genau den Kern der Komposition trifft.»

Und um Wirkung zu erzeugen, brauche es auch keinen Skandal. «Früher standen Opern viel stärker mitten im politischen und gesellschaftlichen Leben.» Wenn ein Stück neue Ideen gezeigt oder eine bestehende Ordnung infrage gestellt habe, habe das unmittelbar Reaktionen auslösen können - bis hin zum Skandal. «Heute ist Oper stärker Teil eines etablierten Kulturbetriebs. Viele Themen sind bekannt, vieles wird schneller eingeordnet und erklärt. Dadurch entsteht weniger unmittelbare Reibung», sagt Guth.

«Für mich ist die Frage deshalb nicht, wie man einen Skandal erzeugt, sondern wie man eine andere Form von Dringlichkeit herstellt. In unserer Arbeit geht es darum, die Mechanismen sichtbar zu machen - also zu zeigen, wie Macht funktioniert, wie Entscheidungen entstehen und welche Konsequenzen sie haben. Das kann leiser sein als ein Skandal, aber nicht weniger intensiv.»

Nur acht Prozent Uraufführungen an der Oper

Dabei tut sich die zeitgenössische Oper in Deutschland alles andere als leicht. Laut Bühnenstatistik des Deutschen Bühnenvereins gab es in der Spielzeit 2023/24 auf den Bühnen des Landes 56 Opern-Uraufführungen. Das macht einen Anteil von 8 Prozent aller Opern-Inszenierungen aus. 91.384 Zuschauer sahen diese Uraufführungen - und damit weniger als halb so viele wie Mozarts wohl berühmteste Oper.

Zum Vergleich: Allein seine «Zauberflöte» sahen sich im gleichen Zeitraum deutschlandweit 189.697 Operngänger in 19 Inszenierungen und 202 Aufführungen an verschiedenen Häusern an.

«Für mich hat zeitgenössische Oper es deshalb schwerer, weil sie anders funktioniert. Viele Werke aus dem Repertoire sind über lange Zeit gewachsen - man kennt ihren Klang, ihre Dramaturgie, ihre Formen», sagt Regisseur Guth. «Bei neuen Opern ist das anders: Sie bringen ihre eigene Sprache mit, und man begegnet ihnen ohne Vergleich.»

«Spielpläne kleben oft an der Vergangenheit»

«Spielpläne kleben oft an der Vergangenheit, aber das Publikum wird dabei unterschätzt. Es hat keine Angst vor neuen Klängen, nur vor Langeweile oder Belehrung», sagt Manuela Kerer, künstlerische Leiterin der Münchner Biennale, eines Festival für zeitgenössisches Musiktheater, das ebenfalls an diesem Wochenende startet (bis 20.5.).

Tatsächlich würden zurzeit sehr viele Musiktheaterwerke in Auftrag gegeben, auch von großen Häusern. «Natürlich ist zeitgenössisches Musiktheater kein Selbstläufer, man muss das Publikum abholen, wo es eine Dringlichkeit erkennen kann.»

Die Menschen, die sich heute - wie Dean und Betts - die Mühe machen, eine komplett neue Oper zu komponieren und zu texten, seien mutig, sagt die zweite künstlerische Leiterin der Biennale, Katrin Beck. «Das sind die Komponierenden, die nicht im Elfenbeinturm Staub ansetzen wollen, sondern die Herausforderungen im Hier und Jetzt suchen. Sie nehmen den Aufwand auf sich, weil sie sehen, wie viel Potenzial und Möglichkeiten dieses Genre hat, das uns mit allen Sinnen erfassen kann», betont sie.

Krise? Welche Krise?

«Wir möchten nicht von Opernkrise sprechen, speziell nicht im zeitgenössischen Bereich. Das Interesse ist absolut da. Die Vorstellung, Oper sei früher ein «gemütliches Ruhekissen» gewesen, ist Nostalgie.»

Sie sagt aber auch: «An der «Zauberflöte» und ihrem Spitzenplatz als meist gespielte Oper wird auch in 100 Jahren schwer vorbeizukommen sein.» Chancen sieht sie dennoch. «Aber: definitiv ja! Moderne Opern können Wagner, Verdi, Mozart Konkurrenz machen, wenn die Spielpläne der Opernhäuser ihre große Liebe zur Verlässlichkeit etwas aufweichen. An Talent mangelt es nicht.»

Of One Blood - Premiere am 10. Mai 2026 

Ort
Musikgenre