Quicksand +++ Rolling Stones +++ Tesla +++Beth Orton
Rolling Stones, die Fünfundzwanzigste
Quicksand +++ Rolling Stones +++ Tesla +++Beth Orton
Mit den alten Schubladen der Einordnung ist es nie einfach. Beispiel Post-Hardcore. Ist das noch Fugazi oder schon Quicksand aus New York? Post-Punk und Post-Rock, um im Terminus zu bleiben, sind auf „Bring On The Psychics“ definitiv hörbar. Man könnte jedoch genauso gut behaupten: Harte Gitarrenriffs in angemessener Geschwindigkeit treffen auf Punk-Gesang, der sich melodisch durchaus hören lassen kann. Dass Quicksand fünf Jahre Pause machten: nicht hörbar. Songs wie „Supercollider“ oder „Cool Guy“ mähen ordentlich über die Wiese und klingen „fresh“. Post-Hardcore scheint wieder „in“ zu sein, das bewiesen auch die Kollegen von Turnstile, die im Frühjahr live amtlich ablieferten, (Equal Vision Records). Für jüngere Leserinnen und Leser: Jack White war einst die Hälfte der White Stripes („Seven Nation Army“). Mittlerweile ist „Frozen Charlotte“ sein siebtes Soloalbum und die White-Stripes Zeiten vergessen. Selbstverständlich geht es auf „Frozen Charlotte“ um rudimentärste Rockmusik. Vermeintlich einfache Gitarrenriffs wuchten die Vocals um die Ecke, rotziger Produktionssound sorgt für Ehrlichkeit und Glaubwürdigkeit („Derecho Demonicho“). Wenn man so möchte, hat sich Jack White erneut von allen Konventionen, Vorschriften und Erwartungen gelöst. Dementsprechend easy kommen Songs wie „Nobody Knows“und Dollar Bill“ auf die Waage. Und trotz aller Reduktionen und Weglassungen stemmen die Songs jegliches Rockgewicht mit Leichtigkeit und sind heftige Dampfwalzen, die durchs Hirn pflügen. (Jack White)
Mit ihrem wieder mal vermutlich letzten und 25. Album „Foreign Tongues“ heizen die Rolling Stones erneut den Marketing Hype an. Glaubt man Mick Jagger, so stellt „Foreign Tongues“ die ideale Ergänzung zum Vorgänger-Album „Hackney Diamonds“ dar, das man jedoch ein paar Mal hören musste, um darin anzukommen. Im Mittelpunkt auf „Foreign Tongues“: Blues, Rock’n’Roll und unverkennbare Richards-Riffs, wie das rustikale „Rough and Twisted“ oder das Sirup-süße, fast hymnische „In the stars“, dem man allerdings lautere oder revolutionärere Gitarren wünschte und dessen Refrain ehrlicherweise so klingt wie mittlerweile alle von Andrew Watt (u.a. Dua Lipa, Eddie Vedder) produzierten Refrains (Uhuhuhu). Obendrauf gibt es noch das gelungene wie stimmige Amy-Winehouse- Cover „You know I’m no good“ oder Paul McCartney am Bass („Covered in you“). Natürlich werden die Hardcore-Fans das komplett und gerne anders sehen, doch insgesamt besticht „Foreign Tongues“ nur als extrem brauchbares Album, das mehr Rolling Stones als Andrew Watt vertragen hätte. (Universal)
Rolling Stones, die Fünfundzwanzigste
Sorry für die Bezeichnung, aber die älteste aller amerikanischen Rockhaudegen-Bands meldet sich zurück: Tesla. Diese unfassbar gute Liveband, die es in Europa in all den Jahrzehnten nicht einmal zu einem Hauch seriöser Begutachtung geschafft hat. Leider ist „Homage“ nur ein Cover-Album und eine Ehrerbietung der fünf Musiker an ihre Vorbilder. 14 Songs sind zu hören, darunter lediglich ein neuer Tesla Song namens „Never Alone“. Man kann allen, die Tesla noch nie gehört haben, trotz des neuen Albums nur folgende Reihenfolge empfehlen: Bitte zunächst das beste aller „unplugged“-Alben hören, „Five Man Acoustical Jam“, dann „Mechanical Resonance“ und „The Great Radio Controversy“ und dann das aktuelle Album „Homage“. Am Ende bleibt nur eines übrig. Diese Band zu lieben, auch für „Homage“. (Frontiers Records)
Beth Orton könnte vielen Eingeweihten noch ein Begriff aus dem Jahr 2022 sein, als sie mit „Weather Alive“ ein selbst produziertes Album veröffentlichte, das einfach nur sprachlos machte und für offene Münder sorgte. „The Ground Above“ im Jahr 2026 nimmt im gleichen Regal Platz. Eine beeindruckende, im besten Sinne be- und erdrückende Melange aus Liebe, Trauer, Orientierungslosigkeit, Stille und Schmerz. Es ist die Eindringlichkeit, die fast klaustrophobische Songstruktur, die fängt, fasziniert und ein wohliges Angst-Parfum versprüht. Ist das noch Songwriting? Oder schon wahre, kompromisslose Kunst, die verstanden werden muss. „The Ground Above“ ist jedenfalls jede Sekunde wert und hinterlässt das gute Gefühl, sich weiterhin auf echte Musik verlassen zu können. Das schafft keine KI. (Partisan Records)