Vielleicht war es der schönste Tag des vergangenen Jahres: der 13. Dezember 2025, an dem uns die überwältigende Nachricht überraschte, dass Maria Kalesnikava frei ist und mit ihr 122 weitere politische Gefangene in Belarus.
Ein „Vorher-Selfie“ im Februar 2019 während des ECLAT Festivals, in dem Maria Kalesnikava die Möglichkeiten sozialer Medien für die Neue Musik erprobt hat. Ein „Nachher-Selfie“ jüngst bei einem Ultraschall-Konzert in Berlin: Maria Kalesnikava (erst links, dann rechts) und unsere Autorin und ECLAT-Chefin Christine Fischer.
Hoffnung auf eine bessere Welt
Die Machtgier eines (nicht gewählten) Autokraten hat sie ins Arbeitslager gebracht, und die Macht eines (gewählten) Quasi-Autokraten hat sie nun wieder herausgeholt. Anders wäre sie nicht freigekommen, die Welt funktioniert nun mal nach der Methode „Druck und Deals“. Das Menschliche spielt in dieser Welt der Mächtigen keine Rolle, die Menschenrechte, zu denen sich ihre Staaten einst bekannt haben, auch nicht. Vielmehr erleben wir, wie die Welt jeden Tag noch etwas ungerechter, roher, unverfrorener wird. Es gilt das Recht des Stärkeren.
Maria ist zurück, unfassbar strahlend, optimistisch, voller Tatendrang. Sie hat die menschenunwürdigen Haftbedingungen scheinbar unbeschadet überstanden: mit Disziplin und einer Resilienz, die auf unerschütterlicher Zuversicht und der autosuggestiven Entschlossenheit gründet, sich nicht brechen zu lassen – und der Rohheit des Regimes mit Würde und Liebe zu begegnen. Auch und gerade in der engen Welt eines Arbeitslagers.
So konnte sie nicht nur Jahre der Isolation überstehen, sondern sich (so) fit (wie möglich) halten und weiterbilden – 700 Bücher hat sie in Gefangenschaft gelesen. Das Weltgeschehen jedoch konnte sie – abgeschnitten von jeglicher Kommunikation – nur durch die Brille der belarussischen Staatsmedien verfolgen.
Nun muss sie fünf Jahre nachholen, erfahren, wie hegemoniale Kräfte die Welt unter sich verteilen und wie das gelobte Hoffnungsland Europa inzwischen um seine Rolle kämpft. Sie, die digital mit allen Wassern Gewaschene, die wie viele osteuropäische Medienprofis die Sozialen Medien virtuos für sich und ihre Sache nutzbar machte, muss erkennen, welche Rolle die Tech-Giganten in diesem unseligen Gefüge spielen.
In unserem ersten Treffen kurz nach ihrer Freilassung habe ich diese neue Realität kurz umrissen und wir haben uns mit der übermütigen Verve ihrer wiedererlangten Freiheit versprochen, die Welt zu retten.
Das Konzept dafür hat sie schon vor Jahren angelegt. Als Kuratorin zwischen Minsk und Stuttgart knüpfte Maria Netzwerke zwischen Ost und West, zwischen Ökonomie und Kunst, und ermutigte nicht zuletzt Frauen in postsowjetischen, patriarchal dominierten Kontexten, eigene Gestaltungskraft zu entfalten und eine andere, offene Gesellschaft mitzuprägen. Der Begriff der Freiheit war dabei zentral: innere Freiheit, aus der soziale Freiheit erwächst.
Dann kam der alles ändernde Sommer 2020 – die Pandemie, die Empörung der Belarussen über die Ignoranz des Regimes im Umgang damit, die Chance auf Veränderung bei der Präsidentschaftswahl und schließlich der Automatismus aller Autokraten, potenzielle Rivalen aus dem Verkehr zu ziehen und das kämpferische Volk von den Straßen zu fegen. Innerhalb von zehn Wochen wurde Maria für die ganze Welt zur Symbolfigur für Freiheit, Entschlossenheit und Liebe – bis zu ihrem fast übermenschlich konsequenten Entschluss, dem Diktator im eigenen Land – wenn auch in Haft – die Stirn zu bieten.
Die erstaunte Welt – vor allem die Kultur-Welt – hat Maria in den fünf Jahren ihrer Gefangenschaft nicht vergessen, hat sie mit Solidaritätskonzerten geehrt, mit Preisen überhäuft und Ehrenprofessuren gewürdigt. Und aus der Symbolfigur des demokratischen Widerstands einen Mythos gemacht.
Nun hat sie ihre Freiheit und wir haben die Symbolfigur zurück. Entsprechend groß sind die Begehrlichkeiten nach Interviews, aber auch nach ihrer Präsenz in allen erdenklichen kulturellen und gutmenschlichen Kreisen, denen sie durch ihr kurzes, aber prägnantes weltöffentliches Wirken zum Identifikationsobjekt wurde.
Die wichtigste Funktion hat Maria, der nun alle Türen von Schloss Bellevue bis zum Europäischen Parlament offenstehen, sicherlich für die belarussische Demokratiebewegung, um die noch über tausend teilweise lebensbedrohlich gefährdeten politischen Gefangenen in Belarus zu befreien.
Ikone oder Symbolfigur zu sein ist aber kein Zukunftskonzept. Influencerin im besten Sinne schon eher, anschließend an ihre frühere kuratorische Arbeit, wo sie Welten miteinander verband zu gegenseitiger Horizonterweiterung und Inspiration.
Zur Verve, die Welt zu retten, kommt sicher auch Ernüchterung, wie die neue Realität in alle Lebensbereiche eingreift, wie sie die Menschen verändert, wie das weltweite Kräftemessen zu Eskapismus, Depression und Politikverdrossenheit führt.
Aber wenn wir uns die Hoffnung auf eine bessere Welt wieder zurückholen wollen, müssen wir die Stärksten sein. Und das geht nur, wenn wir als Zivilgesellschaften dieser Welt wieder stark werden. Uns nicht fragmentieren lassen von Manipulationsmaschinen der Machtbesessenen. Wenn wir den Menschen sehen und nicht religiöse oder nationale oder geschlechtliche Zugehörigkeit. Das Lagerdenken überwinden. Uns nicht gegenseitig kulturell canceln. Wenn wir frei im Kopf sind.
Und das geht nur, wenn alle miteinander ins Handeln kommen. Also auch wir, die Kunstschaffenden. Gerade wir! Denn wir haben etwas zu bieten, unsere ureigenen Methoden: Perspektivenwechsel, Differenzierung, Konzentration, den weiten Fokus, das Über-Bord-Werfen von Gewissheiten und das Konstruktive, das daraus erwächst.
Nach dem ersten Konzert, das Maria in Berlin gehört hat (ein berührend politisches Werk des Exil-Russen Sergej Newski und Beethovens 9. Sinfonie), sagte sie sinngemäß „wenn die Tech-Giganten diese Musik so tief erleben könnten, würden sie anders handeln.“
Das ist nicht nur eine Erkenntnis, sondern eine Aufgabe. Für uns alle.
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