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Deputat-Schnaps auf dem Rummelplatz in Chemnitz

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Das Kulturhauptstadt-Jahr ist vorbei – ein Resümee
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Chemnitz war 2025 Kulturhauptstadt Europas und hat sich ordentlich ins Zeug gelegt, vor allem auf kulturellem Gebiet. Da zu solchen Anlässen viel mehr Geld zur Verfügung steht, als es normalerweise der Fall ist, sind Extras möglich, die einer mittelgroßen Stadt und einem mittelgroßen Theater sonst verwehrt wären. 

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So war es möglich, dass die Oper Chemnitz einen Auftrag an Lud­ger Vollmer (Komposition) und Jenny Erpenbeck (Libretto) ver­geben konnte, den Roman „Rummel­platz“ von Werner Bräunig für die Opernbühne zu adaptieren. Die sehr erfolgreiche Uraufführung wurde be­gleitet von einer Schreibwerkstatt und einer Konferenz, die den Bogen von der Zeitgeschichte bis ins Kulturhaupt­stadtjahr 2025 schlug. 

Im Anschluss an ausgewählte Rum­melplatz-Vorstellungen fanden gut­besuchte Publikumsgespräche inner­halb der Diskussionsreihe Gedanken­karussell statt. Mit dieser intensiven Vor-und Nachbereitung durch das stimmige und informative Begleitpro­gramm hat das Theater alles angebo­ten, was möglich war, die neue Rum­melplatz-Oper zu kontextualisieren und zu unterstützen. 

Der 1961 in Berlin geborene Lud­ger Vollmer, der an der Hochschule für Musik Leipzig bei Dimitri Terzakis studiert hat, schreibt über seine Musik im Programmheft: „Oper ist die umfas­sendste Kunstform, die wir Menschen hervorgebracht haben. Ihre Kraft zieht sie vor allem aus dem Gesang, der ge­sungenen Erzählung, bei der Worte, In­halte, durch Musik machtvoll ‚geboostert‘ werden können.“ 

Virtuos, frech, jazzig und schmissig 

Die Musik von Ludger Vollmer ist brillant instrumentiert, sie ist virtu­os, frech, jazzig, auch schmissig, wo sie schmissig sein muss, auch schwel­gend in deutscher Volkslied-Bierse­ligkeit. Aber eine Oper ist „Rummel­platz“ nicht. Denn die Musik funktio­niert nicht nach den Regeln der Oper, sondern nach den Regeln des Films, also rein illustrativ: Eine Demonstra­tion findet statt, es erklingt Marsch­musik; ein Volksfest wird gefeiert, es erklingt liedhafter Chorgesang; Ge­fahr droht, es erklingt Spannungs­musik. Die ergreifenden Momente des Stückes werden durch traum­schöne Video-Einspielungen (Stefan Bischoff), durch ein wandlungsfä­higes, aber immer faszinierend düsteres Bühnenbild (Volker Thiele), vor allem aber durch den genialen Regie­einfall von Frank Hilbrich erzeugt, das Stück in Zeitlupe spielen zu las­sen. Das verleiht dem Ganzen Schwe­re, Last und Bedrückung, weist aber den Handlungen der Protagonisten ikonische Bedeutung zu und kommt dem Romangeschehen sehr nahe. 

Darüber hinaus muss auch das noch angemerkt werden: In dem von Jenny Erpenbeck hinzuerfundenen Epilog, in dem die Geschichte der Wismut nach der Wende sehr prosaisch und recht kunstlos zu Ende erzählt wird, ist die Musik beinahe komplett verstummt. Das kann natürlich Absicht sein. Auch Prokofjews Oper „Krieg und Frieden“ endet mit einer Sprechszene. Etwas unbefriedigend bleibt es hier wie da. 

Rummelplatz Romantik 

Trotzdem nahm das Chemnitzer Publi­kum diese schwierige und eher kunst­ferne Thematik des Uranbergbaus in der frühen DDR wirklich an – mit all den Russen, den Bonzen, dem Depu­tat-Schnaps für eine Mark und zwölf Pfennige und eben auch der Rummel­platz-Romantik mit all ihren Exzessen unter und auf dem Riesenrad. In den Publikumsgesprächen nach den Vor­stellungen gab es heftige emotionale Diskussionen um diesen Themenkreis, Schilderungen von eigenen-oder Fa­milienschicksalen. 

Es gab aber auch erhebliches bür­gerschaftliches Interesse an den frü­heren Tabus, über die endlich zu reden die Gelegenheit war. Die Stadt war die Oper und die Oper war die Stadt: Der ewige Traum aller Kunst-und Kultur­schaffenden vor, auf und hinter den Bühnen der Welt wurde kurz einmal wahr. 

Der der Oper zugrundeliegende Roman „Rummelplatz“ ist eines der herausragendsten Werke der deut­schen Nachkriegsliteratur. Er faszi­niert durch seine distanzierte Lako­nie und seine Erzählwucht. Die Ge­schichte dieses Romans, sein Verbot in der DDR und das Schicksal des Au­tors kann man nur als Tragödie lesen. Bräunig, durch das System und den Alkohol zerstört, starb 1976 in Halle. Franziska Augstein war sich 2007, bei Erscheinen des Buches, in der Süd­deutschen Zeitung sicher, dass Bräu­nig, „hätte er weiter schreiben können, gleichrangig mit Autoren wie Günter Grass und Heinrich Böll gewürdigt worden wäre“. 

Uranförderung, Arbeiteraufstand 

Werner Bräunig schuf ein von SED-Betonköpfen verbotenes, 1965 ent­nervt abgebrochenes und erst 2007 beim Aufbau Verlag postum erschie­nenes Riesenwerk von 700 Seiten. Er schlägt in seinem Roman den Bogen von den Anfängen der Uranförderung 1949 bis zum Arbeiteraufstand von 1953. In der Wismut, dem riesigen Abbaubetrieb, treffen vom Krieg ge­zeichnete Menschen aufeinander: der KZ-Insasse und der ehemalige Wehr­machtssoldat, der Sohn aus gutem Hause und der Glücksritter und alle zusammen treffen auf die sowjetische Schachtleitung und erleben, dass sie als die doch jetzt angeblich herrschen-de Klasse immerwährendem Druck ausgesetzt sind, Doppelschichten ein­legen und ohne Sicherheitsvorkeh­rungen bohren müssen, damit die Fördermenge steigt. 

Zugleich steigt aber auch die Unfall­gefahr. Besonders hart trifft die Malo­cher die ständige absurde Erhöhung der Arbeitsnormen. Hinzu kommt: Jede Störung im Betriebsablauf, jede feh­lende Lieferung von Ersatzteilen mer­ken die Bergleute sofort in der Lohntü­te, was die Stimmung fortwährend ver­schlechtert und auf den Aufstand 1953 hinsteuert. 

Bei Bräunig liest sich das so: „eine Lehre, von der irrtümlich gesagt wird, sie sei vollkommen durchdacht, kommt leicht in den Geruch, dass sich weiteres Nachdenken erübrigt [...] statt zu sagen: die Sache ist einiger­maßen kompliziert und bedarf der An­strengung, sagen wir viel zu oft: alles ist ganz einfach [...] Weil nämlich al­les vom zu Erreichenden lebt, und wer bleiben will, wo er gerade ist, sollte Reiseandenken machen, aber nicht Politik. 

Denn: Wenn wir nicht hoffen, wer soll es dann tun?“ 

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