Hauptbild
Workshop im neuen Steinway-Flagshipstore. Foto: © Ralf Püpcke

Workshop im neuen Steinway-Flagshipstore. Foto: © Ralf Püpcke

Banner Full-Size

Wer spielt schon gerne Tonleitern?

Untertitel
Nachklang Workshop im neuen Steinway-Flagshipstore in Stuttgart
Vorspann / Teaser

Erneut in Kooperation mit Steinway & Sons in Stuttgart veranstaltete der Tonkünstlerverband Baden-Württem­berg einen Workshop mit Julia Gold­stein. „Dieses ansprechende Ambien­te im neuen Flagshipstore und unsere bewährte Dozentin bieten die besten Voraussetzungen für einen erkenntnis­reichen Sonntag,“ freute sich zunächst Geschäftsführer Ralf Püpcke und be­grüßte die erwartungsfrohen Teilneh­menden. Nach einer kurzen Vorstel­lungsrunde stellte Julia Goldstein zu Beginn eine rhetorische Frage, die das Thema gleich auf den Punkt brachte: „Wer spielt schon gerne Tonleitern?“. Dabei besteht die ganze klassische Mu­sik in ihrer Struktur aus Tonleitern, Ak­korden und Arpeggien, so dass wir sie nicht umgehen können. Im Workshop mit dem Thema „Ungeliebte Tonlei­tern - brillant und virtuos gestaltet!“ wurde deutlich, dass brillant und vir­tuos gespielte Tonleitern das Resultat von einer individuell richtig eingestell­ten Spieltechnik und gezielten Vorü­bungen sind. 

Publikationsdatum
Paragraphs
Text

An den Tonleitern, Akkorden und Arpeggien erlernen wir nicht nur das Fingersatzsystem, sondern auch die Geschicklichkeit in „ge­musterten“ Varianten der Tonleitern, wie sie in der „großen“ Klavierliteratur vorkommen, wie auch die Koordinati­on der feinmotorischen Finger- und ganzheitlichen Handbewegungen. Auch die Klangkultur und die Gleichmäßig­keit profitieren vom Training an den Tonleitern, Akkorden und Arpeggien, besonders unter Beachtung von be­stimmten Bewegungsweisen im lang­samen Tempo. 

Fiktive Anatomie 

Um zu verstehen, wie unser „Spielappa­rat“ funktioniert, wurden unsere Hän­de mit Hilfe von „fiktiver Anatomie“ analysiert und anschaulich gemacht, wie die Funktionen einzelner Glieder des Arms und der Feinmotorik in Be­zug auf ganzheitliche Bewegungswei­sen ablaufen. Bei 100 Prozent Bewe­gungsaufwand werden die Prozente auf bestimmte Funktionen verteilt, je nachdem, ob Tonleitern, Akkorde oder Arpeggien gespielt werden. Die meisten Pianisten machen es eher intuitiv. Bei einer bewussten Vertei­lung der Prozente kann man die ge­wünschten Klang- und motorischen Ergebnisse verlässlicher planen und besser kontrollieren. Ebenso wurde die „linke Hand“ bei Rechtshändern wie auch bei Linkshändern mit dem Ergebnis analysiert, dass die Links­händer ihre linke Hand nicht genau­so spüren, wie die Rechtshänder ihre rechte Hand. Mit diesem Wissen ist es nun an uns die technischen Mittel im „Paket“ der Funktionen so zusam­menzustellen und anzuwenden, dass wir die „Ohnmacht“ der linken Hand weitgehend überlisten können. Diese Strategie kann ganz individuell an­gewandt werden: Das „Paket“ bein­haltet immer 100% des Bewegungs­aufwandes und wird je nach Handbau und Situation aufgeteilt. Bei schellen Passagen bekommt die Fingeraktivi­tät zum Beispiel mehr Prozente als die Handform. Bei Akkorden dage­gen bekommt die Fingeraktivität we­niger Prozente als die Handform. So kann man für gegebene Anforderun­gen und jede Hand ein Paket, wie ein „Puzzle“, individuell zusammenstellen und anpassen. 

Was alles mit den Vorübungen und der individuell richtig eingestellten Technik erreicht werden kann, haben ein 11-jähriger Schüler und eine 19-jäh­rige Schülerin von Julia Goldstein vor­geführt. Natürlich war es eine Vorfüh­rung einer jahrelangen Beschäftigung mit den Tonleitern, Akkorden und Ar­peggien. Doch allen Teilnehmenden wurde deutlich, dass selbst in sehr jungem Alter es möglich ist in pianis­tischer Weise an den Tonleitern auf ho­hem Niveau zu arbeiten. 

Nach der Mittagspause wurden „Sechs aufbauende kurze Übungen am Kla­vier – für Anfänger bis zum Profi“ vorgestellt. Diese Vorübungen berei­ten die Bewegungsweisen unseres Spielapparates sowohl in der Choreographie, als auch in der Feinmotorik für die Arbeit an den Tonleitern vor. Anschließend konnten die Teilneh­menden diese Vorübungen wie auch Übungen an den Tonleitern, Akkorden und Arpeggien selbst ausprobieren. Abschließend wurden die Eindrücke und Erkenntnisse ausgetauscht. 

Notendschungel 

Um Tonleitern, Akkorde und Arpeg­gien professionell erlernen zu können, sind ab der ersten Berührung mit dem Klavierspiel vorbereitende Vorübungen und abgestimmte Bewegungsweisen auf Passagen und Arpeggien im ge­bundenen Spiel wie in unterschied­lichen Artikulationen, auch bei Ak­korden, notwendig. Hier könnte man die pianistische Ausbildung mit Bal­lett-Ausbildung durchaus vergleichen. Wer sich mit den Tonleitern, Akkorden und Arpeggien in ihren Grundformen beschäftigt, hat es einfacher sich im „Dschungel“ der vielen Noten im vir­tuosen Klavier-Oeuvre souverän zu­rechtzufinden und profitiert von einer großen Klangvielfalt durch geplante Ausführungen von Handbewegungen. 

Ort
Print-Rubriken
Musikgenre