Das Spielstück für die Mittel- und Oberstufe basiert auf dem Kompositionsprinzip von Steve Reichs „Clapping Music“. Durch die Hinzunahme von Boomwhackers, Xylofon und einem teilweise improvisierten Klavierpart entsteht ein Musikstück, das für sich stehen kann, sich als praktische Veranschaulichung innerhalb einer größeren Unterrichtssequenz zu Neuer Musik eignet und zugleich auch als wirkungsvoller Beitrag für ein Klassen- oder Schulkonzert fungieren kann.
Football-Clave mit Verschiebung
Clap and Whack!
Ausgangspunkt ist ein kurzer Rhythmus, der seit vielen Jahrzehnten in Fußballstadien auf der ganzen Welt zu hören ist und unter Schlagzeugerinnen und Schlagzeugern daher bisweilen auch als „Football Clave“ bezeichnet wird (vgl. Abbildung 1). Vermutlich geht er auf den Song „Let’s Go“1 der US-amerikanischen Band The Routers zurück, der 1962 veröffentlicht wurde, und hat sich von dort aus verselbstständigt.
Auch wenn der Rhythmus vielen Schülerinnen und Schülern bekannt sein dürfte, können Sie für die Einstudierung – vor dem Hintergrund seiner Verankerung in der Fußballkultur – mit einem kurzen Merkspruch arbeiten, etwa mit Fußballernamen (vgl. Abbildung 1). Selbstverständlich sind hier der Fantasie keine Grenzen gesetzt.
Einstudierung des Football-Clave
In einem ersten Schritt lassen Sie den Merkspruch rhythmisch strukturiert sprechen. Die Sprache fungiert dabei als symbolische Repräsentation im Sinne Bruners2 und hilft, die zeitliche Struktur des Rhythmus mental zu organisieren3. Im zweiten Schritt werden Sprache und Bewegung gekoppelt, indem der Merkspruch parallel geklatscht wird. Auf diese Weise wird die symbolische Repräsentation schrittweise in eine enaktive Repräsentation – also in eine körperliche Handlung – überführt. Sobald der Rhythmus motorisch stabil verankert ist, kann die sprachliche Stütze entfallen. Spätestens an diesem Punkt sollten Sie zudem darauf achten, dass nicht alle Klatscher gleich laut ausgeführt werden, sondern bestimmte Notenwerte gezielt hervorgehoben werden (vgl. die Akzentuierungen in Abbildung 1).
Teilen Sie die Lerngruppe anschließend in zwei Hälften, die räumlich gut, aber nicht zu weit voneinander getrennt sein sollten. Gruppe 1 wiederholt den Ausgangsrhythmus klatschend unverändert. Gruppe 2 fügt auf ein Zeichen der Lehrkraft jeweils nach einigen Wiederholungen zwei Viertelpausen ein, sodass sich die beiden Rhythmen gegeneinander verschieben (vgl. Abbildung 2). In dieser Phase kann es hilfreich sein, den Merkspruch zunächst wieder mitsprechen zu lassen; im weiteren Verlauf sollte er jedoch erneut entfallen. Zur Unterstützung empfiehlt es sich außerdem, die bei jeder Verschiebung entstehenden zwei Viertelpausen durch entsprechende Handbewegungen in der Luft zu markieren.
Sobald beide Teilgruppen nach der ersten Verschiebung ihre Rhythmen stabil gegeneinander halten können, können Sie mehrere Verschiebungen nacheinander durchführen. Nach jeder erfolgreichen Verschiebung sollte die neu entstandene musikalische Konstellation ausreichend oft wiederholt werden, mindestens dreimal, damit die Spielerinnen und Spieler die neue Gestalt in Ruhe wahrnehmen können.
Nach der vierten Verschiebung musizieren beide Gruppen ihre Rhythmen wieder synchron. Dies wird noch einige Male wiederholt, bevor das Stück in dieser Grundform endet.
Bezug zu „Clapping Music“
Nachdem das Prinzip der Pattern-Verschiebung praktisch erfahren wurde und sich die beiden Ebenen nach mehreren Verschiebungen wieder synchron treffen, bietet es sich an, einen Bezug zu Steve Reichs „Clapping Music“ herzustellen4. Dazu wird ein kurzer Ausschnitt aus diesem Werk als Hör- oder Videobeispiel präsentiert5. Die Schülerinnen und Schüler werden zunächst aufgefordert, Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen dem zuvor ausgeführten Rhythmusspiel und Reichs Komposition zu benennen. Erwartbare Gemeinsamkeiten sind insbesondere die identische Instrumentierung (Bodypercussion durch Klatschen), die Verwendung eines kurzen rhythmischen Patterns sowie die schrittweise Verschiebung dieses Patterns zwischen zwei Stimmen, die schließlich wieder zu einer synchronen Ausgangssituation führt. Unterschiede ergeben sich vor allem aus dem verwendeten rhythmischen Pattern sowie aus der Art der Verschiebung: Während in Reichs Werk ein gleichbleibendes Pattern zyklisch jeweils um eine Achtelnote nach vorne verschoben wird, erfolgt die Verschiebung im Unterrichtsmodell in stärker strukturierten, deutlich wahrnehmbaren Schritten und nach hinten6.
Sollten die Lernenden Schwierigkeiten haben, das Stück allein über das Hören zu analysieren, kann ein unterstützender Blick in den Notentext hilfreich sein7.
Im Anschluss an die Reflexion über Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen der Unterrichtsversion und Reichs Komposition können Sie das zu Beginn einstudierte Stück ein weiteres Mal gemeinsam musizieren. Ergänzend können Sie nun die Verantwortung für die jeweilige Phasenverschiebung an die musizierenden Gruppen selbst übertragen: Die Schülerinnen und Schüler koordinieren dabei innerhalb ihrer Gruppe nonverbal, wann der nächste Verschiebungsschritt erfolgt.
Erweiterungs-Modul
Aufbauend auf den bisherigen Erfahrungen können Sie das erarbeitete Prinzip nun erweitern und in eine offenere Gestaltungsphase überführen. Während das erste Modul eine didaktisch reduzierte und klar angeleitete Annäherung an das Verfahren der Pattern-Verschiebung darstellt, rückt nun die eigenständige musikalische Gestaltung Ihrer Lerngruppe stärker in den Mittelpunkt. Durch die Einbeziehung weiterer Instrumente und die Übertragung von Entscheidungsprozessen auf die Schülerinnen und Schüler entsteht ein eigenständiges Stück, das auf dem erarbeiteten Material basiert und dieses kreativ weiterentwickelt. Für diese Phase empfiehlt es sich, eine separate Unterrichtsstunde einzuplanen, damit ausreichend Zeit für das Erproben und Ausgestalten unterschiedlicher musikalischer Lösungen zur Verfügung steht.
In diesem zweiten Modul wird das bislang rein rhythmisch realisierte Stück um Tonhöhen erweitert, indem die Schülerinnen und Schüler – nach Möglichkeit alle – Boomwhacker erhalten. Sie sollten hierfür einen mindestens vierstimmigen Akkord auswählen. Klanglich besonders reizvoll wird das entstehende Stück, wenn Sie die beiden oberen Akkordtöne auf die unterschiedlichen Rhythmusgruppen verteilen. Auf diese Weise entstehen durch die rhythmischen Verschiebungen inhärente Pattern – also Melodien, die nicht explizit notiert sind, von den Hörenden jedoch aufgrund der sich komplementär ergänzenden Rhythmen als solche wahrgenommen werden.
Steve Reich beschreibt dieses Phänomen in seinem Essay „Music as a Gradual Process“ wie folgt: „Selbst wenn alle Karten auf dem Tisch liegen und jeder mitverfolgt, was sich im musikalischen Prozess nach und nach abspielt, gibt es immer noch genügend Geheimnisse, um alle zu befriedigen. Diese Geheimnisse sind die unabhängigen, unbeabsichtigten, psychoakustischen Nebenprodukte des beabsichtigten Prozesses. Dazu können beispielsweise Submelodien gehören, die man innerhalb sich wiederholender melodischer Muster wahrnimmt […].“8
Damit diese Submelodien beim Einsatz von Boomwhackers gut wahrgenommen werden können, empfiehlt es sich, einen Akkord zu wählen, bei dem die oberen beiden Töne mindestens eine große Sekunde voneinander entfernt sind. Andernfalls besteht die Gefahr, dass die Tonhöhen klanglich verschwimmen.
Exemplarischer Einsatz von Boomwhackers
Im Folgenden wird der weitere Verlauf des Moduls exemplarisch anhand eines Cm7-Akkords beschrieben – eines Klangs, der sich in der Praxis bewährt hat. Fühlen Sie sich jedoch ausdrücklich ermutigt, mit Ihrer Klasse auch andere Klangkonstellationen zu erproben.
Verteilen Sie die Boomwhackers auf die beiden Teilgruppen so, dass die erste Gruppe die Töne b und es, die zweite Gruppe hingegen die Töne c (tief) und g erhält. Wenn möglich, können Sie dabei folgende ungefähre zahlenmäßige Verteilung anstreben:
c, es: jeweils x Spieler:innen (z. B. je vier)
g, b: jeweils x + 1 oder x + 2 Spieler:innen (z. B. je fünf oder sechs)
Durch diese leicht asymmetrische Verteilung entsteht im Gesamtklang eine Gewichtung, die das Auftreten der oben beschriebenen psychoakustischen Nebenprodukte begünstigen kann.
Der zuvor erarbeitete Ablauf wird nun mit Boomwhackers anstelle von Klatschen realisiert. Je nach verfügbarer Instrumentenzahl kann dabei entweder eine Kombination aus Boomwhackers und Klatschen oder ausschließlich mit Boomwhackers musiziert werden.
Zu Beginn erklingt der Cm7-Akkord in seiner Grundgestalt. Durch die fortlaufenden Verschiebungen der beiden rhythmischen Patterns entfaltet sich dieser Klang jedoch zunehmend in komplexere melodische Strukturen. In der Überlagerung der Patterns können insbesondere zwischen den Tönen b und g die zuvor beschriebenen inhärenten Pattern beziehungsweise Submelodien wahrgenommen werden.
Der Prozess endet erneut in dem Moment, in dem sich die beiden Gruppen nach insgesamt vier Verschiebungen wieder synchron auf dem Ausgangspattern treffen.
Optional können Sie diese Musizierphase mit einem mobilen Aufnahmegerät dokumentieren und anschließend gemeinsam anhören. Die Schülerinnen und Schüler können dabei versuchen, die entstandenen Submelodien gezielt nachzuvollziehen.
Einsatz weiterer Instrumente
Bei ausreichender Zeit lässt sich das entstandene musikalische Gefüge in einer weiteren Phase um zwei zusätzliche Ebenen erweitern: Zunächst übernimmt eine Schülerin oder ein Schüler auf dem Xylofon einen durchgehenden Viertelpuls, indem der Ton c′ regelmäßig wiederholt wird. Diese Ebene beginnt zunächst allein und etabliert für einige Takte einen stabilen metrischen Referenzrahmen, bevor die beiden Gruppen wieder einsetzen. Der Puls kann dabei auch als Referenz an Terry Rileys Komposition „In C“ verstanden werden, in der ein gleichmäßiger Puls eine vergleichbare orientierende Funktion übernimmt.
Eine weitere klangliche Ebene entsteht durch eine teilweise frei gestaltete Bassstimme, die von einer Schülerin oder einem Schüler auf Klavier oder Keyboard übernommen wird. Dazu erhält die spielende Person folgende Anweisungen:
„Spiele eine Bass-Stimme zur Musik Deiner Mitschülerinnen und Mitschüler. Dabei darfst Du entscheiden, wie Du diese gestaltest. Ein paar kleine Regeln gibt es aber doch:
Spiele immer nur einen Ton gleichzeitig. Halte dabei die gespielte Taste so lange gedrückt, bis Du den nächsten Ton spielst.
Spiele eher im Bereich piano bis mezzoforte. Nutze bei Bedarf das linke Pedal des Flügels oder Klaviers.
Spiele die Töne in tiefer Lage, wenn möglich unterhalb des Tons C (großes C).
Jeder gespielte Ton sollte mindestens zwei Takte ausgehalten werden (achte im Zweifel auf das Xylofon, zähle mit und dabei mindestens bis acht).
Suche Dir die Töne aus folgendem Tonvorrat aus: alle schwarzen Tasten sowie die Töne f und c (das sind die beiden weißen Tasten jeweils unterhalb der beiden Gruppen an schwarzen Tasten); verwende die weißen Tasten aber seltener.
Versuche bewusst eine Dramaturgie aus Spannung und Entspannung zu erzeugen, indem Du Töne mit höherem Spannungsgrad abwechselst mit konsonanteren Tönen.“
Die gewählten Basstöne führen zu komplexen Klängen, die einerseits vertraut tonal wirken, andererseits aber auch deutlich spannungsvoll sein können. So zeigt das entstandene Stück insgesamt eine stärkere tonale Ausrichtung, als es für die frühe Minimal Music (etwa in Werken wie „Music for 18 Musicians“) typisch ist, und knüpft eher an jene tonalen Klangwelten an, wie sie „Post-Minimal“-Komponisten wie John Adams in den 1980er- und 1990er-Jahren entwickelt haben.
Hier sollten Sie zunächst etwas Zeit einplanen, um gemeinsam mit der Person am Klavier und der Boomwhacker- Gruppe zu erkunden, welche der vorgegebenen Töne eher ruhig und welche stärker spannungsreich wirken. So kann der oder die Klavierspieler:in in Bezug auf den letzten Punkt der Spielanweisung bewusstere und klanglich gezieltere Entscheidungen treffen.
Wenn dieser Aspekt vorbereitet ist, werden die einzelnen Ebenen zusammengefügt. Der Einsatz des Bassparts beziehungsweise Klaviers erfolgt auf ein Zeichen der Lehrkraft, nachdem die beiden Rhythmusgruppen ihr Ausgangspattern zunächst mehrfach synchron wiederholt haben, jedoch noch bevor die erste rhythmische Verschiebung einsetzt. Auf diese Weise kann sich die Basslinie organisch in den entstehenden Prozess einfügen und auf die sich verändernden Klangkonstellationen reagieren.
Durch das Zusammenspiel von Puls, Pattern-Verschiebungen, Boomwhacker-Klängen und improvisier ter Basslinie entsteht ein vielschichtiges Klanggefüge, in dem sich fortlaufend neue rhythmische und melodische Gestalten herausbilden. Gleichzeitig eröffnet diese Phase den musizierenden Schülerinnen und Schülern bewusst gestaltete Entscheidungsspielräume: Die Boomwhacker-Spieler:innen können etwa die Längen der Phasen innerhalb ihrer Gruppe variieren, während der oder die Pianist:in innerhalb der vorgegebenen Tonmenge und strukturellen Regeln eigenständig eine Basslinie entwickelt. Diese Gestaltungsspielräume ermöglichen den Lernenden die Erfahrung teilweiser Autonomie: Sie gestalten musikalische Prozesse und das entstehende Klangergebnis aktiv mit, statt lediglich vorgegebene Strukturen auszuführen.
Der abschließende Durchgang kann optional mit einem mobilen Aufnahmegerät dokumentiert und anschließend gemeinsam angehört werden. Die distanzierte Hörperspektive erleichtert es den Schülerinnen und Schülern, die im Verlauf des musikalischen Prozesses entstandenen melodischen und rhythmischen Strukturen wahrzunehmen und zu reflektieren.
Digitales Zusatzmaterial
Wenn Sie das hier vorgestellte Stück in der beschriebenen oder in einer abgewandelten Form ausprobieren möchten, finden Sie unter folgendem Link (vgl. Abbildung 3) digitales Zusatzmaterial. Dort stehen Ihnen unter anderem die Spielanweisungen für das Klavier als editierbares Word-Dokument sowie mehrere computergenerierte Audio-Dateien zur Verfügung, in denen mögliche Umsetzungen des Stücks mit Boomwhackern, Xylofon und Klavier als klangliche Orientierung angehört werden können.
Link zum digitalen Zusatzmaterial
Link zum digitalen Zusatzmaterial
Anmerkungen
1 https://www.youtube.com/watch?v=_lF0_ VSg2fk [zuletzt abgerufen am 03.06.2026]
2 Bruner, J. S., Olver, R. R. & Greenfield, P. M. (1971). Studien zur kognitiven Entwicklung. Ernst Klett Verlag
3 In der Musikpädagogik wird dieser Zusammenhang insbesondere in der „Music Learning Theory“ von Edwin Gordon betont: Sprachliche Rhythmusstrukturen unterstützen die Entwicklung rhythmischer Audiation, also der inneren Vorstellung und Organisation musikalischer Zeit.
4 Die Idee, das kompositorische Grundprinzip von Reichs „Clapping Music“ über den Einsatz des „Football-Clave“ für Schülerinnen und Schüler erfahrbar und nachvollziehbar zu machen, stammt vermutlich von Bernhard Hofmann und dürfte vielen seiner ehemaligen Studierenden aus dessen Lehrveranstaltungen bekannt sein.
5 Zum Beispiel die ersten 40 Sekunden aus dieser Aufnahme: https://www.youtube. com/watch?v=liYkRarIDfo&t=19s [zuletzt abgerufen am 03.06.2026]
6 Die Unterrichtsversion kann somit als didaktische Reduktion des ursprünglichen kompositorischen Prinzips Reichs verstanden werden: Das grundlegende musikalische Verfahren der Pattern-Verschiebung bleibt erhalten, wird jedoch so gestaltet, dass es für schulische Musizierprozesse leichter umsetzbar wird.
7 http: / /earreader.nl /wp- content /uploads/2016/01/SteveReich-ClappingMusic. pdf [zuletzt abgerufen am 03.06.2026]
8 Reich, S. (2002). „Music as a Gradual process (1968)“. In P. Hillier (Hrsg.), Writings about Music, 1965–2000 (9–11). Oxford University Press. [Übersetzung des Verfassers]
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