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Die Ebenen einer Filmtonspur

Untertitel
Filmmusik im Musikunterricht (I)
Vorspann / Teaser

In den kommenden Ausgaben der nmz finden Sie an dieser Stelle in loser Fol­ge Beiträge zur Didaktik der Filmmusik. Mit diesem Themenfeld beschäftige ich mich seit fast 30 Jahren, sowohl künst­lerisch als auch als Lehrkraft und heu­te in der Musiklehrkräfteausbildung. Filmmusik ist im Musikunterricht längst angekommen, und es gibt viel gutes Material. Und doch bleiben aus mei­ner Sicht einige dunkle Ecken, die noch nicht ausgeleuchtet sind. 

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Los geht es in diesem Monat mit einem Blick auf die Filmtonspur: Was hören wir, wenn wir einen Film sehen? In den folgenden Ausgaben geht es dann darum, wie sich Filmmusik im Unterricht mit Blick auf die Filmhandlung analysieren lässt: Was erzählt die Musik, und was macht sie mit dem, was wir sehen? Und schließlich fragen wir, wann Musik und Bild eng zusammenrücken und wann sie bewusst Abstand halten. Weitere Themen sind in Planung. 

Ich freue mich, wenn Sie aus der Reihe Anregungen mitnehmen, die Ihr didaktisches Repertoire ergänzen, und noch mehr über Rückmeldungen und Ideen aus Ihrem Unterricht. 

In meiner Zeit als Lehrkraft habe ich Unterrichtssequenzen zur Filmmusik gerne mit einer Stunde begonnen, in der die Elemente einer Filmtonspur und ihr Zusammenspiel im Mittelpunkt standen. Ziel ist, dass die Lernenden zunehmend bewusster wahrnehmen, was sie bei einem Film hören. Und sie sollen verstehen, dass Zusammenspiel und Gewichtung der einzelnen Ebe­nen in aller Regel bewusste künstle­rische Entscheidungen der Filmschaf­fenden sind. 

Fünf Elemente einer Filmtonspur 

Für diese Stunde unterscheide ich vereinfachend fünf Elemente: Ge­räusche und Atmo, Gespräche, Voice- Over, Filmmusik und szenische Mu­sik. Unter Geräuschen und Atmo fas­se ich hier sowohl einzelne Geräusche der Handlung als auch die akustische Umgebung einer Szene zusammen. Gespräche betrachte ich gesondert, weil sie häufig zentrale Handlungsträ­ger sind. Stehen Geräusche und Atmo deutlich im Vordergrund, kann ein un­mittelbarer, fast dokumentarischer Eindruck entstehen. Treten sie zugun­sten der Musik zurück, kann sich die emotionale Akzentuierung der Szene verändern. Beim Voice-Over hören wir eine Stimme, die über das gezeigte Ge­schehen gelegt ist, etwa einen Erzäh­lerkommentar oder die Gedanken ei­ner Filmfigur. Mit Filmmusik bezeich­ne ich im engeren Sinn Musik, die die handelnden Personen nicht hören kön­nen, die also nur wir als Zuschauen­de wahrnehmen. Szenische Musik ist dagegen Teil der Handlung, etwa ein Radio, das im Hintergrund läuft, oder ein Instrument, das eine Figur spielt. 

In der Musikwissenschaft sind für diese beiden Bereiche auch die Be­griffe diegetische Musik (szenische Mu­sik) und non-diegetische Musik (Film­musik) gebräuchlich. Welches Be­griffspaar Sie im Unterricht verwen­den, überlasse ich Ihnen. 

Wir sammeln zunächst, was zu hören ist, und ordnen die Beobachtungen an­schließend den fünf Begriffen zu (in­duktives Vorgehen). Dafür habe ich gerne den Beginn von „Casablanca“ (1942, Regie: Michael Curtiz) genom­men. Man startet an der Stelle, an der der Voice-Over-Erzähler einsetzt, und springt nach der ersten Verhaftung auf dem Markt direkt zur ersten Sze­ne in Rick’s Café. So erhält man eine Sequenz von etwa drei Minuten, in der alle fünf Elemente zu hören sind. Mir ist bewusst, dass dieser Film mit der Lebenswelt der Lernenden nur noch wenig zu tun hat. Ich möchte Sie des­halb ausdrücklich ermuntern, eigene, aktuellere Beispiele zu suchen. 

Zwei Anwendungsbeispiele 

Haben die Lernenden die fünf Ebenen einer Filmtonspur erarbeitet, folgt als Lernzielkontrolle ein kurzer Aus­schnitt aus „Love Actually“ (2003, Re­gie: Richard Curtis), kurz nach dem Filmbeginn1. Die Lernenden sollen dabei den Einsatz der Musik mit den eben erarbeiteten Begriffen beschrei­ben. Die Musik ist zunächst szenische Musik (Musiker bei einer Aufnahme im Tonstudio). Nach einem Schnitt auf die Stadtansicht von London und durch das Hinzukommen des Orchesters wird sie zu Filmmusik im engeren Sinn. 

Bei ausreichend Zeit bietet sich an dieser Stelle ein zweites Anwendungs­beispiel an: Zu Beginn des Films „Ato­nement“ (2007, Regie: Joe Wright)2 ist zunächst nur der Klang einer Schreib­maschine zu hören, bedient von der jungen Briony Tallis. Als sie aufsteht und durch das Haus läuft, sind wei­terhin Schreibmaschinengeräusche zu hören. Allerdings hat der Kompo­nist Dario Marianelli sie nun als rhyth­misches Element in seine Filmmusik integriert. Auch hier wechselt also ein akustisches Element die Ebene, dies­mal vom Geräusch der Atmo zum Teil der Filmmusik. 

Ziel beider Beispiele ist es, die krea­tiven Entscheidungen sichtbar zu ma­chen, die verschiedene an der Entste­hung eines Films beteiligte Personen in Bezug auf die Tonebene treffen. Gleich­zeitig geben sie den Lernenden Gele­genheit, das zu Stundenbeginn erwor­bene Fachvokabular anzuwenden. 

„Elegy for Dunkirk“ 

Im letzten Stundendrittel widme ich mich einer Sequenz, die ebenfalls aus „Atonement“ stammt. Sie gehört zum zweiten Teil des Films: Robbie Tur­ner, den die junge Briony als Kind zu Unrecht eines Verbrechens beschul­digt hat und der deshalb ins Gefäng­nis musste, ist nun Soldat im Zwei­ten Weltkrieg und erreicht Ende Mai/ Anfang Juni 1940 nach dem Rückzug der britischen Truppen den Strand von Dünkirchen. Die Szene dort ist eines der eindrucksvollsten Beispiele der jüngeren Filmgeschichte für eine Plansequenz, also eine zusammen­hängende Handlungseinheit, die in einer einzigen, ungeschnittenen Ein­stellung gezeigt wird. Hier begleitet die Kamera Robbie über den Strand. 

Ich steige in diesem Clip3 nach 44 Sekunden ein und lasse ihn gut zwei Minuten bis ungefähr 2:40 laufen. Im ersten Durchgang erhalten die Ler­nenden folgenden Arbeitsauftrag: „Sieh dir den Ausschnitt an. Beschrei­be, wie hier Filmmusik und szenische Musik zusammenspielen.“ Gemeint ist der Abschnitt ab ca. 1:40, in dem der Gesang der wartenden Soldaten (sze­nische Musik) mit der Filmmusik Ma­rianellis verschmilzt. 

Im zweiten Durchgang teile ich den Ausschnitt in drei Abschnitte: Ab­schnitt 1 beginnt beim oben genannten Einstieg bei 0:44, Abschnitt 2 bei cir­ka 1:10 und Abschnitt 3 bei cirka 1:40 und reicht bis etwa 2:40. Dazu erhalten die Lernenden folgenden Hörauftrag: „Sieh dir den Ausschnitt ein zweites Mal an. Drei Abschnitte sind markiert. Be­schreibe, wie die Gewichtung der ver­schiedenen Klangebenen auf dich wirkt, und vermute, welche Wirkung die Film­schaffenden damit erzielen wollten.“ Die Markierung kann beispielsweise durch Zeitangaben auf einem Arbeits­blatt oder einem vereinbarten Zeichen während der Vorführung erfolgen. 

Die Lernenden sollten bemerken, dass sich das Lautstärkeverhältnis im Verlauf der Sequenz deutlich ver­schiebt. In Abschnitt 1 dominiert die Atmo, teilweise sehr laut. Die Szene kann dadurch zunächst unmittelbar, fast dokumentarisch wirken und ver­mittelt das Chaos und die Enge am Strand. In Abschnitt 2 „kämpft“ sich die Filmmusik immer wieder nach vor­ne und verdrängt die Atmo. Dadurch entsteht ein emotionalerer Eindruck. In Abschnitt 3 verschmelzen schließ­lich Filmmusik und szenische Musik zum emotionalen Höhepunkt der Se­quenz. Die Gewichtung der Tonebenen steuert hier also bewusst, wie nah uns die Szene geht. 

Eine Anmerkung zur Auswahl des letzten Beispiels: Ich habe sie zu einer Zeit getroffen, als Krieg in Europa für die meisten Lernenden vor allem ein historisches Thema war. Das hat sich seitdem geändert. Es kann gute und gut nachvollziehbare Gründe geben, auf diesen eindrucksvollen Ausschnitt aus „Atonement“ zu verzichten und ein we­niger belastendes Beispiel zu wählen. Entscheidend ist nicht die Szene, son­dern dass die Lernenden an ihr die Ebe­nen der Tonspur und deren bewusste Gestaltung erkennen. 

Mit dieser Stunde ist ein Fundament gelegt: Die Lernenden verfügen über ein Vokabular, mit dem sie beschreiben können, was sie in einem Film hören, und sie wissen, dass dahinter bewusste Entscheidungen der Filmschaffenden stehen. Darauf bauen die nächsten Bei­träge dieser Reihe auf. Ich bin gespannt, welche Szenen Sie für Ihren Unterricht finden, und freue mich über Ihre Rück­meldungen. 
 

Anmerkungen 

1 https: / /www.youtube.com/watch?v=ci AsltEpCkw#t=1m10s 

2 https://youtu.be/QO-Ity9GTQI?t=53 

3 https://youtu.be/55CaD_j5FQs?t=44

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