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Nadja Schmalenberg. Foto: © Magdalena Sieghart

Ward-Kurs mit Nadja Schmalenberg. Foto: © Magdalena Sieghart

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Die Solmisation im Aufwind?

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Viele Ansätze – ein Ziel
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Ward, Kodály, Gordon, Jale – hinter diesen vier Namen und Bezeichnungen stehen Systeme der relativen Solmi­sation mit je eigener Ausprägung – und das sind bei weitem nicht die ein­zigen! Insgesamt erhält die relative Solmisation seit einiger Zeit wieder mehr Aufmerksamkeit. Initiativen in der Grundschule wie PrimaCanta, Sing­Pause oder JeKiss bauen darauf auf. Rheinland-Pfalz übernimmt Solmisati­on inzwischen in den Teilrahmenplan Grundschule/Musik. In Musikschulen profitieren Schüler:innen in Chören, Bläser-oder Streicherklassen von sol­misationsgestütztem Unterricht. Eine Übersicht über die Verbreitung ver­sucht die „Solmisations-Landkarte” im Internet.

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Gab es an der Landesmusikakade­mie Berlin (LMAB) bisher punk­tuell Workshops zur Solmisation, führt die vermehrte Nachfrage aktuell zu einem sich verdichtenden Workshopangebot: 2025 fand auf Initi­ative der bezirklichen Musikschulen Berlins ein Kurs für die Ward-Methode statt, der 2026 erfolgreich wiederholt wurde und künftig weiter eingeplant wird. Kennzeichen der Methode sind beispielsweise vereinfachte Singgesten in der Vertikalen und eine Ziffernnota­tion. In Deutschland wirkt die Ward- Methode sowohl in der Breite – durch die Initiative SingPause an Grundschu­len – als auch in der Spitze durch die Anwendung in Domsingschulen. 

Mit einer weiteren Berliner Musik­schule intensiviert sich die Zusammen­arbeit zur Einführung der relativen Sol­misation nach Kodály. Es besteht der Wunsch, in der Arbeit mit Chören die Intonation zu verbessern, auf der Basis von Sinneswahrnehmungen die Noten­schrift zu erschließen und Blattsingfer­tigkeiten zu entwickeln. Kodály baut seine Methode auf einem umfänglichen Volksliedgut auf und nutzt dabei das Do-Re-Mi-Tonsilben-Modell mit den weithin bekannten Handgesten. 

Auf der Wunschliste für Lehrkräfte der elementaren Musikpädagogik steht überdies die Music Learning Theory nach Gordon. Die Entwicklung des in­neren Hörens beginnt bei Gordon ab der Geburt mit melodischen und rhyth­mischen Pattern auf leicht aussprech­baren Silben wie “ba”. Die umfang­reiche Methode ist stärker harmonisch orientiert und nutzt keine Gesten. 

„Jale“ nennt sich diejenige Methode, die in der DDR in der Schule und in der Ausbildung zur Kindergärtnerin vor­gesehen war und sich vor allem durch eine andere Silbenauswahl abhebt. Der geographischen Lage der Landesmusi­kakademie Berlin ist es geschuldet, da­ran zu erinnern. Jedoch gibt es momen­tan keine erkennbaren Wünsche, die­ses System zu reaktivieren. 

All diese Ausprägungen der relativen Solmisation versprechen eine musika­lische Alphabetisierung, die Ausbildung der inneren Tonvorstellung und Ent­wicklung des intonationssicheren Sin­gens. Die Einführung in das Notensystem, das Blattsingen und in musik­theoretische Zusammenhänge wären außerdem zu nennen. Die Landesmusi­kakademie Berlin versteht sich als Ver­stärker für diejenigen Ansätze, die in der Praxis Erfolge versprechen und nimmt damit Abstand vom zerstörerischen Me­thodenstreit, der vor ungefähr hundert Jahren in Deutschland brodelte und langwierige Folgen zeitigte. 

Orientierung und Evaluierung 

Doch mit dem Ja zur Vielfalt eröffnet sich eine andere Schwierigkeit: Möch­te man sich als erwachsene, musikpä­dagogisch tätige Person die relative Solmisation erschließen, steht man vor der Frage, welcher Ansatz am besten zu den eigenen Vorstellungen – und zur jeweiligen Zielgruppe – passt. Schließlich sind etwa sieben Fortbil­dungstage und etliche Übestunden zu investieren, um ein erstes Stand­bein für die Anwendung zu entwi­ckeln. Auch die engagierte Fachgrup­pen- oder Musikschulleitung, die einen Qualitätssprung anstoßen möchte, wird die Frage diskutieren, welchem System Vorrang für einen derartigen Schwerpunkt eingeräumt wird. 

Leider existieren wenig Orientie­rungshilfen für diese Fragen. Ein evidenzbasiertes Vorgehen ist der­zeit nicht möglich, denn die Studien­lage lässt bisher keine klaren Rück­schlüsse auf spezifische Wirkungen zu (Oravec&Steffens, 2021). Weder wird deutlich, welche Methode die besten Ergebnisse erzielt, noch konnte geklärt werden, welches Element innerhalb eines Ansatzes (Silben, Handzeichen, Kleinschrittigkeit, Zeitumfang etc.) den größten Einfluss auf die insgesamt po­sitiven Ergebnisse hat. 

Aktuelle Veröffentlichungen, die sich dieser Frage ausgewogen annehmen und dabei kein umfangreiches Fach­wissen voraussetzen, sind bislang rar. Einen Versuch unternimmt Martin Lo­sert in seiner Dissertation zur Tonika- Do-Methode, indem er einen fünfund­dreißigseitigen Abschnitt dem Ver­gleich von acht Systemen widmet und kenntnisreich differenziert. Trotz dieser Darstellung fällt eine Wahl möglicher­weise weiterhin schwer. Welche Ent­scheidungshilfen wären zielführender? Wünschenswert an erster Stelle wären Forschungsergebnisse, doch dieser Weg verspricht keine schnelle Abhilfe. Einen ersten konkreten Schritt hat eine Ber­liner Musikschule mit der LMAB ver­einbart: Ein internes Fachgespräch mit Lehrenden respektive Anwendenden von Gordon, Ward und Kodály erkun­det Ziele, Vorteile und Grenzen der je­weiligen Methode. Lassen sich darüber hinaus Musikpädagog*innen finden, die in mindestens zwei Systemen ähnlich gut ausgebildet sind und eine faire Dis­kussion der Ansätze leisten? Kann eine Synopse die Ähnlichkeiten und Beson­derheiten in Beziehung setzen? Oder bringt ein Einführungsworkshop für mehrere Systeme so weitreichend in das praktische Erleben, dass sich da­nach die Entscheidung treffen lässt, welcher Weg zu einem selbst passt? Dass es keinen Vorrang einer Metho­de per se gibt, sondern die Methode zur Lehrkraft passen sollte, lässt sich aus Rose Daniels Studie „Relationship among selected factors...“ (1986) ab­leiten. Sie führt aus, dass der pädago­gische Erfolg weniger von der gewähl­ten Methode abhängt als von der Über­zeugung der Lehrkraft, dass das ange­strebte Ziel (etwa das Blattsingen) von zentraler Bedeutung sei. 

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