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Podiumsdiskussion. V.l.n.r.: Friedrich-Koh Dolge (VdM), Dr. Skadi Jennicke (DST), Prof. Christian Fischer (RKM), Prof. Lydia Grün (DMR) und Raphael Amend (VdM) bei der Vorstellung der Allianz für musikalische Bildung im Rahmen der VdM-Bundesversammlung 2026. Foto: VdM / Kerstin Heiderich

Podiumsdiskussion. V.l.n.r.: Friedrich-Koh Dolge (VdM), Dr. Skadi Jennicke (DST), Prof. Christian Fischer (RKM), Prof. Lydia Grün (DMR) und Raphael Amend (VdM) bei der Vorstellung der Allianz für musikalische Bildung im Rahmen der VdM-Bundesversammlung 2026. Foto: VdM / Kerstin Heiderich

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Allianz für musikalische Bildung

Untertitel
Deutscher Musikrat, Rektorenkonferenz und VdM bündeln Kräfte für die Zukunft musikalischer Bildung
Vorspann / Teaser

Mit der „Allianz für musikalische Bil­dung“ wollen Deutscher Musikrat (DMR), Rektorenkonferenz der deut­schen Musikhochschulen (RKM) und VdM den Fachkräftemangel, die ge­sellschaftliche Anerkennung des Be­rufs und die Finanzierung musika­lischer Bildung neu auf die politische Tagesordnung setzen. Bei der Vorstel­lung der Allianz im Rahmen eines Po­diumsgesprächs bei der Eröffnung der VdM-Bundesversammlung am 24. April 2026 in Erfurt wurde deutlich, dass ohne Kommunen, Länder und Bund sich die Lage nicht grundlegend ver­bessern wird. 

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Der Fachkräftemangel an Musik­schulen ist Gegenwart. Bereits bei der Besetzung regulärer Stel­len zeigt sich, wie dramatisch die Situation vielerorts geworden ist. Der Bundesvorsitzende des VdM, Friedrich- Koh Dolge, schilderte, wie sehr die Be­werbungslage für Stellenausschrei­bungen sich selbst in Großstädten wie Stuttgart verschlechtert habe, von länd­lichen Gebieten ganz zu schweigen. Hinzu käme, dass beispielsweise Mu­sikschulen in Süddeutschland zuneh­mend Lehrkräfte an die Schweiz oder nach Österreich verlören, „weil dort die Arbeitsbedingungen einfach besser sind“. 

Das Podiumsgespräch stand unter dem Titel „Allianz für musikalische Bil­dung – Was macht MiKADO mit uns?“ und nahm die Ergebnisse der „MiKA­DO-Musik“-Studie zum Ausgangspunkt. Sichtbar wird dadurch ein strukturelles Problem, das nicht allein durch einzel­ne Einrichtungen gelöst werden kann. Es geht um die Attraktivität des Berufs, um Ausbildungsgänge, um Vergütung, um politische Zuständigkeiten und nicht zuletzt um die Frage, welchen Wert die Gesellschaft musikalischer Bildung beimisst. 

Gemeinsames Ziel 

Die Allianz soll genau hier ansetzen. Lydia Grün, Präsidentin des DMR, be­tonte, Musik sei „kein Partikularinte­resse, sondern ein gesamtgesellschaft­liches Interesse“. Musikschulen seien nicht nur Orte instrumentaler und vokaler Ausbildung. In Landkreisen ohne Orchester oder Bühnen seien sie zentrale Orte kultureller Erfahrung, Begegnung und Gemeinschaft. Diese Selbstverständlichkeit müsse jedoch neu erklärt werden: „Wir können uns nicht darauf verlassen, dass überall bekannt ist, was Musikschulen für die Gesellschaft leisten.“ 

Die Allianz solle die Wirkungen mu­sikalischer Bildung gezielt auf allen politischen Ebenen sichtbar machen. Grün kündigte an, gemeinsam mit den Landesmusikräten die Bundesländer, die Kultus- und Kulturministerkonfe­renzen sowie die kommunalen Spit­zenverbände anzusprechen. Auch der Bund müsse stärker in die Verantwor­tung genommen werden. Denn er habe eine Leitlinienkompetenz und könne etwa bei einer Qualifizierungsoffen­sive Impulse setzen. 

Politische Aufgabe 

Ein zentrales Thema der Diskussion war die strukturelle Schwäche der Musikschulen in kommunalen Haus­halten. Der Bundesgeschäftsführer des VdM, Raphael Amend, stellte in seiner Moderation die Grundfrage: „Wenn Musikschulen gesellschaft­lich so relevant sind, warum werden sie dann faktisch weiterhin wie eine freiwillige Leistung behandelt?“ Ge­nau hier pralle die kulturpolitische Überzeugung auf die Realität ange­spannter kommunaler Haushalte. In Krisenzeiten stünden Musikschulen dann in Konkurrenz zu anderen frei­willigen Leistungen. 

Skadi Jennicke, Vorsitzende des Kul­turausschusses des Deutschen Städ­tetages, formulierte daraus eine klare Forderung: Mindestens die kulturelle Bildung müsse in Landesverfassungen und Landeshaushaltsgesetzgebungen als Pflichtaufgabe der Kommunen fest­geschrieben werden. Allgemeine Be­kenntnisse reichten nicht aus. Nötig sei eine verbindliche Absicherung. 

Dabei zog sie einen Vergleich zum Sport. Spitzenleistungen im Konzert­saal, in Orchestern und an Hochschu­len entstünden nicht ohne breite musi­kalische Ausbildung. „Es muss selbst­verständlich sein, dass es neben der Sportmilliarde auch eine Kulturmilli­arde gibt“, sagte sie. Musikschulfinan­zierung sei auch ein Bundesinteres­se, da ohne Investitionen in die Breite langfristig keine Spitzenleistungen er­halten werden könnten. 

Berufsbild wandeln 

Eng verbunden mit der Finanzierung ist das Bild der Musikschulpädago­gen. Künstlerische Exzellenz und pädagogische Kompetenz würden noch immer gegeneinander ausge­spielt. Der VdM-Bundesvorsitzende plädierte für einen Paradigmenwech­sel: „Müssen wir eine Trennung ha­ben zwischen Spitzenleistung und Un­terrichten können? Ich finde: Nein.“ Gerade in der Breitenbildung hätten Kinder Anspruch auf qualifizierte künstlerisch-pädagogische Persön­lichkeiten. 

Auch die Musikhochschulen stehen damit im Zentrum der Debatte. Christian Fischer, Vorsitzender der RKM, räumte ein, dass sich in den Hoch­schulleitungen bereits eine verän­derte Haltung zeige, diese aber nicht überall in der Lehrpraxis angekommen sei. Noch immer würden Studieren­de stark auf Wettbewerbserfolge und Orchesterstellen hin beraten, obwohl nur wenige später in Kulturorchestern eine Stelle fänden. Entscheidend sei, ob in der Beratung und der gelebten Praxis vor Ort Pädagogik als gleichwer­tiger Bestandteil professioneller Mu­sikausbildung verstanden werde oder nicht. 

Fischer beschrieb zugleich Verän­derungen. Jüngere Professorinnen und Professoren wüssten stärker um die patchworkartige Realität musika­lischer Berufsbiografien. Immer mehr Hochschulen bauten Netzwerke mit Musikschulen auf. Zudem gebe es Mo­delle zur pädagogischen Nachquali­fizierung künstlerisch ausgebildeter Musikerinnen und Musiker. Zugangs­hürden würden neu betrachtet, wenn Gehörbildung und Musiktheorie nicht mehr als harte Zulassungsschwelle, sondern als Einstufungstest verstan­den würden. 

Grün mahnte bei allen Öffnungen zur Qualitätssicherung. Eine Qualifi­zierungsoffensive dürfe nicht bedeu­ten, Standards abzusenken und so die künstlerisch-pädagogische Qualität zu gefährden. Zugleich müsse der Blick erweitert werden: In einer Einwande­rungsgesellschaft gebe es zahlreiche Künstlerinnen und Künstler sowie kul­turelle Traditionen, die für Kommunen von großer Bedeutung seien, bislang jedoch in den bestehenden Strukturen nicht ausreichend berücksichtigt wür­den. 

Faire Vergütung 

Die Attraktivität des Berufs hänge je­doch auch an der Bezahlung. Jennicke brachte es auf den Punkt: „Solange ein Tuttimusiker in einem mittleren Orchester mehr verdient als ein Mu­sikschulpädagoge, wird sich das Bild des Musikschulpädagogen nicht än­dern.“ Pädagogik sei kein geringerer Anspruch, sondern eine zusätzliche Kompetenz. Wer musikalische Quali­tät mit der Fähigkeit verbinde, Kinder, Jugendliche und Erwachsene zu be­geistern, erfülle eine anspruchsvolle Aufgabe, die sich in der Vergütung nie­derschlagen müsse. 

Fischer unterstützte diese Einschät­zung. Die Einstufung von Musikschul­lehrkräften im TVöD sei nicht nach­vollziehbar. Wer an einer Musikhoch­schule ein Pflichtfach unterrichte, wer­de deutlich höher eingestuft, während Musikschullehrkräfte „viel zu viele Stu­fen darunter“ lägen. Nötig seien poli­tische Gespräche über Übergänge, Brü­cken und Zwischenfinanzierungen, da­mit Kommunen eine bessere Eingrup­pierung bewältigen könnten. 

Breite Allianz 

Dolge betonte, dass genau hier die Al­lianz gebraucht werde. Musikschulen allein könnten die Frage der Bezah­lung kaum durchsetzen, zumal man­che Einrichtungen in ihrer Existenz bedroht seien. Es brauche die kommu­nalen Spitzenverbände, die Kommu­nalpolitik, die Länderpolitik und die Bundespolitik. Zugleich sei eine Stär­ke des Berufs, dass Musikschulen ei­nen Arbeitsplatz böten, an dem künst­lerisches Arbeiten und pädagogisches Wirken verbunden werden könnten. Was fehle, sei die angemessene gesell­schaftliche Anerkennung. 

Die Diskussion zeigte, dass die „Mi­KADO-Musik“-Studie mehr ausgelöst hat als eine Bestandsaufnahme. Sie lie­fert Zahlen, die politisch handlungsfä­hig machen, und zeigt zugleich, dass musikalische Bildung nur zukunfts­fähig bleibt, wenn die verschiedenen Ebenen und Institutionen zusammen­arbeiten. Amend erinnerte an den Satz, dass Evolution durch Kooperation ent­stehe. Genau das könne die Allianz leisten: als dauerhaftes kommunika­tives und politisches Dach. 

Fischer warnte allerdings vor sym­bolischer Wertschätzung ohne Konse­quenzen. Musikalische Bildung dürfe nicht ähnlich behandelt werden wie Pflegeberufe während der Corona-Pan­demie, die kurzfristig „beklatscht“ wur­den, wo aber in der Folge strukturell zu wenig verändert worden sei. Musik­machen, Musikvermitteln, Ensembles und Konzerterfahrungen seien kein Lu­xus, sondern ein soziales und kultu­relles Grundbedürfnis. 

Grün widersprach der Sorge nicht, setzte ihr aber Entschlossenheit entge­gen. Man dürfe sich nicht „in die Fur­che legen und warten, bis der Wind vorbeigeht“. Die Allianz müsse klare Ziele setzen, ihre Anliegen verständlich erklären und einen langen Atem entwi­ckeln. Es gehe um einen Paradigmen­wechsel in der Kultur- und Bildungsfi­nanzierung und darum, Ressortgren­zen zwischen Kultur, Bildung und Wis­senschaft zu überwinden. 

Neuer Aufbruch 

Erstmals waren DMR, RKM und VdM in dieser Form gemeinsam prä­sent, dazu mit einer Stimme aus dem Deutschen Städtetag. Für Dolge lag darin das Neue: „Hier stehen ge­meinsam drei große Verbände. Das Gemeinsame ist der große Unter­schied.“ Genau dieses Gemeinsame werde entscheiden, ob aus der „Mi­KADO-Musik“-Studie politische Kon­sequenzen entstehen: für bessere Ar­beitsbedingungen, faire Bezahlung, für mehr Anerkennung und für musi­kalische Bildung, die als öffentliche Aufgabe verstanden wird. 

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