Eine kommunale Musikschule ist eine Musikschule für alle Einwohner:innen einer Stadt, einer Region oder eines Landkreises. Sie hat also die Aufgabe all diese Menschen zu erreichen und etwas anzubieten, was sie interessieren könnte. Um niemanden auszugrenzen, sollte die Vielfalt der Gesellschaft in allen Ebenen und Bereichen einer öffentlichen Musikschule sichtbar und vertreten sein. Nicht nur bei den Mitarbeitenden – inklusive Führungspositionen –, oder unter den Schüler:innen: Auch das Musikschulangebot sollte diese Diversität widerspiegeln. Denn in allen Bereichen zeigt sich, dass Menschen durch die verschiedenen Diskriminierungen ausgeschlossen werden und bestimmte Menschengruppen nicht genauso teilhaben wie andere.
Titelseiten der Broschüre „Rassismusritische Musikpädagogik” und der Handlungshilfe zum Umgang mit Diskriminierung und rassistischem Mobbing
Musikschule für alle?!
Mit dem Begriff Diversität wird die Vielfalt oder Verschiedenartigkeit von Merkmalen und Eigenschaften von Menschen innerhalb einer Gesellschaft bezeichnet. Basierend auf der Idee, dass jeder Mensch in seiner Einzigartigkeit wertvoll ist und dafür Anerkennung und Respekt verdient, dienen Maßnahmen zur Diversitätsförderung dazu, Benachteiligungen abzubauen und allen Menschen gesellschaftliche Teilhabe sowie Chancengleichheit zu ermöglichen. Alle Dimensionen, aufgrund derer Menschen Privilegien und damit Zugänge haben oder nicht, müssen also berücksichtigt werden (Eine mögliche Quelle für die vielen Dimensionen von Diversität: https://www.fes.de/wissen/gender-glossar/diversitaet). U.a. Geschlecht, Einkommen oder sexuelle Orientierung sind Merkmale, die unter Diversität gefasst werden, und zu ungleicher Behandlung führen können. Dieser Artikel fokussiert sich auf Ethnizität, Nationalität, Kultur und Hautfarbe und damit die Benachteiligung oder Bevorzugung an öffentlichen Musikschulen aufgrund von Rassismus. Aber selbstverständlich meinen wir, dass Musikschulen immer weiter daran arbeiten müssen, Hürden und Benachteiligungen des gesamten Diversitätsspektrums abzubauen.
Ein Förderprogramm und ein Projekt
Die Musikschule Bochum hat sich im Hinblick auf kulturelle Vielfalt durch das Programm 360° der Kulturstiftung des Bundes weiterentwickelt (https://www.kulturstiftung-des-bundes.de/de/projekte/detail/360_fonds_fuer_kulturen_der_neuen_stadtgesellschaft.html#c200536). Als einzige Musikschule in diesem Förderprogramm wurden über vier Jahre alle Lehrenden in vielen Themen rund um Diversität, wie z.B. Rassismus bzw. Antirassismus und anderen Diskriminierungsformen, Teilhabe und Privilegien, Kommunikation und Achtsamkeit etc. fortgebildet. Dabei gab es eine verpflichtende Fortbildung zu Rassismuskritik für alle, die weiteren Fortbildungen waren freiwillig, wurden aber auch in aller Regel gut angenommen. Es wurden neue Projekte und Angebote geschaffen. Die ganze Thematik war in dieser Zeit innerhalb des Kollegiums recht präsent und immer wieder auch in Konferenzen hörbar und sichtbar. Da das Programm bis in die Zeit der Coronapandemie reichte, wurden dann auch digitale Austausch- und Fortbildungsformate angeboten. Außerdem wurde in Zusammenarbeit der 360° Agentin, einer Lehrkraft der Musikschule und den zwei externen Expert:innen Vincent Bababoutilabo und Jessica Massóchua ein Leitfaden zu rassismuskritischer Musikpädagogik verfasst. Die Broschüre dazu kann hier abgerufen werden.
An der Berliner Leo Kestenberg Musikschule wird derzeit das Pilotprojekt Mutige Musikschule erprobt. Das servicezentrum musikschulen (szm) hat dieses Projekt gemeinsam mit der Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt initiiert. Das szm ist Teil der Stiftung für kulturelle Weiterbildung und Kulturberatung und unterstützt die zwölf öffentlichen Berliner Musikschulen bei ihrer Arbeit. Das Projekt verfolgt das Ziel die Musikschulgemeinschaft demokratischer zu gestalten, indem allen Akteur:innen Mitsprache und Beteiligung ermöglicht, Vielfalt besser sichtbar gemacht und Diskriminierung aktiv entgegengewirkt wird. Gewohntes zu ändern, braucht viel Mut, von daher der Projektname Mutige Musikschule. Aber auch eine engagierte Beteiligung möglichst vieler Teilnehmer:innen ist unabdingbar. Hierfür haben 20 Musikschullehrkräfte an einer speziell dazu konzipierten Fortbildung teilgenommen, in der es u. a. um Themen wie Musik und Demokratie, Diskriminierung, inklusive Arbeit oder interkulturelle Musikpädagogik ging. Im vergangenen März stimmte die ganze Musikschulgemeinschaft geheim darüber ab, ob sie den Weg einer mutigen Musikschule gehen wollte. Nach einer breiten Zustimmung wurden neue Strukturen für Partizipation und Mitbestimmung aufgebaut: So ist aus Lehr-,Verwaltungskräften, Elternvertreter:innen und Schüler:innen ein Steuerungsgremium von 18 Personen entstanden. Gezielt suchte dieses Gremium unter den Communities, die in der Musikschulgemeinschaft unterrepräsentiert sind, nach möglichen Kooperationspartnern im Bezirk. Derzeit wird eine Zusammenarbeit mit dem Interkulturellen Haus Schöneberg angestrebt, ein Begegnungszentrum, in dem neben Beratung und Sprachkursen für Geflüchtete verschiedene Veranstaltungen angeboten werden. Als Abschluss des Projekts planen die Leo Kestenberg Musikschule und das Interkulturelle Haus Schöneberg im kommenden Herbst einen Begegnungstag „Vielfalt live – wir sind Klang" im Rathaus Schöneberg.
Fragen, die sich in Bochum seit Beendigung des 360° Programms und in Berlin wahrscheinlich auch nach Abschluss des Projektes stellen, sind: Wie können Wissen, Erfahrungen und Sensibilisierung, die das Förderprogramm bzw. das Projekt ermöglichte, weitergetragen werden? Was sind wichtige Schritte nach dem Programm? Wie kann verhindert werden, dass ein Eindruck von „das haben wir geschafft und erledigt” entsteht? Wie können nachhaltig Strukturen geschaffen werden, die Diskriminierung abbauen und Zugänge schaffen?
Schließlich stellt sich die Frage, wie die gewonnenen Erfahrungen weitergegeben werden könnten, sodass sich alle öffentlichen Musikschulen zur Aufgabe machen, wirklich für alle da zu sein.
Vom Status quo zu mehr Diversität
Um sich als Musikschule diversitätssensibel weiterzuentwickeln, halten wir es für notwendig fünf verschiedene Bereiche unterschiedlich zu hinterfragen und zu reflektieren:
1. Die Lehrkräfte
Wer unterrichtet bei uns und wer hat trotz Wissen/Fähigkeiten/Expertise nicht die Möglichkeit als Lehrkraft eingestellt zu werden? Wie können wir das ändern?
2. Die Schüler:innen
Wer nimmt die Angebote wahr und wer nicht? Warum ist das so? Wie und wo erreichen wir die Menschen, die noch nicht kommen?
3. Das Angebot
Was wird angeboten und was fehlt eigentlich noch? Wie können wir fehlende Musikstile, Genres und Instrumente sowie neue Formate anbieten?
4. Der Umgang mit Diskriminierung
Ist es uns allen bewusst, dass wir alle mit Alltagsrassismus zu tun haben, nur auf unterschiedliche Weise? Sind wir ein Ort, an dem Betroffene gehört und ernst genommen werden, wenn sie Diskriminierung erfahren? Gibt es eine Ansprechperson (oder mehrere) für Diskriminierung? Gibt es safer spaces oder Ähnliches für negativ Betroffene? Gibt es Raum für den Austausch, z.B. über Rassismusfälle im Unterricht unter den Kolleg:innen?
5. Der transkulturelle Austausch
Gibt es Räume, in denen sich Musiken und musikalische Sozialisationen mischen können? Wo können Lehrkräfte und Schüler:innen musikkulturelle Grenzen überschreiten und aus unterschiedlichen musikalischen Herkünften Neues kreieren?
Schauen wir nun auf ver.di, so dürfen wir auch hier den Anspruch stellen, dass wir Menschen aus allen Schichten und Milieus erreichen und vertreten möchten. Um diesem Anspruch gerecht zu werden, müssen wir auch erst einmal schauen, wie es im Moment aussieht: Wer ist Mitglied, wer ist in den Gremien aktiv, wer entscheidet.
Rechtsruck und Alltagsrassismus
In den letzten Jahren werden von populistischen, rechtsgerichteten Bewegungen immer wieder abwertende Debatten über Migration und Geflüchtete geführt. Das Ziel solcher rassistischer Positionierungen ist es, Hierarchien aufrechtzuerhalten und individuelle Vorteile über die Abwertung migrantischer oder schwarzer Mitbürger:innen zu erreichen. Der Rechtsruck führt somit zu einer Zunahme von rassistisch-motivierten Vorfällen. Umso wichtiger wird es jetzt, den Alltagsrassismus anzugehen, die bewussten und unbewussten rassistischen Vorurteile unter den Mitgliedern einer Musikschulgemeinschaft in den Blick zu nehmen und an einem Betriebsklima zu arbeiten, in dem rassistische Erlebnisse offen angesprochen und bearbeitet werden können. Nur so ist es möglich, gegen den verinnerlichten Rassismus auch im Verhältnis untereinander zu arbeiten.
Der Einsatz gegen Rassismus muss sich darüber hinaus gegen jede institutionelle Diskriminierung und strukturelle Benachteiligung richten, die sich rassistische Hierarchien zunutze macht, um manche Menschen schlechter zu stellen als andere. Die daraus resultierenden Spaltungen schwächen die Solidarität zwischen allen Beschäftigten, die für den gemeinsamen gewerkschaftlichen Kampf für bessere Arbeitsbedingungen und -rechte unverzichtbar ist (siehe dazu: https://arbeitsmarkt-und-sozialpolitik.verdi.de/++file++6294a66fc8a75fe7580d3ef6/download/Handlungshilfe_Fuer_Solidaritaet_und_Gute_Arbeit.pdf).
Selbstreflexion über Privilegien
Die Arbeit an Diversität und an Diskriminierungssensibilität bedeutet im ersten Schritt immer Fragen zu stellen und zu reflektieren, zu lernen hinzuschauen und zu bemerken, dass etwas nicht im Gleichgewicht ist. Vor allem Menschen, die sozusagen positiv von Diskriminierungen betroffen sind, also die Privilegien
genießen, müssen meist erst einmal einen Blick dafür bekommen und einiges über ihre Privilegien und all das, was ihnen selbstverständlich erscheint, lernen. Es geht also für sie an erster Stelle um Selbstreflexion. Außerdem sollten sie lernen ihre Privilegien immer wieder abzugeben, sich also einfach mal zurückzunehmen und andere reden/machen/entscheiden lassen, um so denjenigen Mitgestaltung zu ermöglichen, die weniger Privilegien haben. Dabei ist wichtig zu wissen, dass durch alle Diskriminierungsformen Privilegien entstehen und sich so häufen können wie auch Benachteiligungen eine Person mehrfach treffen können (Intersektionalität). Diese Unterschiedlichkeit durch eine oder Mehrfachdiskriminierung ist einer von unzähligen Unterschieden, die es in allen migrantischen Communities gibt. Die vermeintliche Homogenität einer migrantischen Gruppe gibt es nicht, denn Diversität ist eine Realität jeglicher Menschengruppen.
Bereitschaft - Bewusstsein - Begegnung
Was wir also sowohl in Musikschulen als auch in Gewerkschaften brauchen, ist eine Bereitschaft uns immer wieder mit Funktionsweisen von Rassismus und anderen Diskriminierungsformen zu beschäftigen, uns zu reflektieren und einander zuzuhören. Wir brauchen außerdem ein Bewusstsein für die unterschiedlichen Lebensrealitäten, die wir haben, und für die Tatsache, dass der Kampf gegen Diskriminierungen und für Diversität nie enden wird. Schließlich brauchen wir Räume, in denen wir uns wertschätzend und respektvoll begegnen können und in denen wir unsere Vielfalt als ein Reichtum erleben können. So können wir dem rechten Backlash etwas entgegensetzen und das Versprechen einer „Musikschule für alle” zukünftig einlösen!
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