4. Internationaler Dirigentenwettbewerb Sir Georg Solti


(nmz) -
Mit Taktgefühl zur Höchstleistung – Beim Dirigenten-Wettbewerb Georg Solti in Frankfurt am Main trifft sich der internationale Nachwuchs der Orchesterchefs - Noch drei Kandidaten bestreiten das zum Finale am Sonntag in der Alten Oper
07.11.2008 - Von ddp, Marcel Bertsch

   Frankfurt/Main (ddp). Shizuo Kuwahara versucht so höflich und vorsichtig wie möglich, das Spiel des Frankfurter Museumsorchesters um eine weitere Nuance zu verbessern: «Fantastisch! Aber vielleicht etwas mehr crescendo. Da-da-da. Fantastisch!» Der junge Amerikaner muss im Umgang mit den Musikern Fingerspitzengefühl zeigen, wenn sich gegen die anderen 23 Teilnehmer des vierten Internationalen Dirigenten-Wettbewerbs «Sir Georg Solti» in Frankfurt durchsetzen will.

   «Wenn man richtig mit den Musikern spricht, kann man sie zu Höchstleistungen bringen«, meint Karl Rarichs, einer der Juroren. Das ist aber noch nicht alles. «Mindestens 50 Eigenschaften» eines hervorragenden Dirigenten fallen dem zweiten Vorsitzenden der Frankfurter Museumsgesellschaft spontan ein, nach denen er und seine Kollegen urteilen. Ein musikalischer Leiter müsse unter anderem ein gutes Gehör, einen guten Schreibstil und gute Allgemeinbildung haben sowie mindestens zwei Sprachen sprechen.

   Nur drei Kandidaten sind bis zum Finale am Sonntag in der Alten Oper übriggeblieben. Der renommierte Preis, der nach dem verstorbenen Dirigenten Sir Georg Solti benannt ist, bringt den Teilnehmern nicht nur bis zu 15 000 Euro Preisgeld ein, sondern dient auch als Sprungbrett in die Eliteliga der Opern- und Orchesterwelt. «Es wäre gut möglich, dass wir einen der künftigen Großen der Zunft hier sehen», sagt Organisator Axel Schlicksupp.

   «Talent allein reicht nicht. Man muss ‘es’ haben», versucht Shizuo Kuwahara einen guten Dirigenten zu beschreiben. »Nur dann kann man eine Partitur zum Leben erwecken.« Was dieses «es» aber sein soll, kann der Amerikaner nicht in Worte fassen. Er habe Fortschritte gemacht seit seiner Teilnahme vor zwei Jahren, meint Kuwahara nach seiner halbstündigen Vorstellung. Damals hat er schon den zweiten Platz belegt.

   Und auch dieses Mal hat er es wieder unter die besten drei geschafft. «Aber ganz zufrieden bin ich nie mit mir», sagt der freiberufliche Dirigent, während er sich den Schweiß von der Stirn tupft. Die landläufige Vorstellung, Dirigenten seien Tyrannen mit Taktstock, stimme so nicht mehr. »Es hat ein Generationswechsel stattgefunden. Wir verstehen uns als gleichberechtigte Kollegen der Musiker«, betont Kuwahara.

   Proben sei für einen Dirigenten das Schwierigste, sagen alle Teilnehmer einstimmig. Schließlich habe keiner ein Orchester im Wohnzimmer, um sich auf das Stück vorzubereiten. «Ich schaue mir die Partitur so oft wie möglich an», sagt Kuwahara. Alles laufe im Kopf ab. Mittlerweile könne er nicht einmal mehr Musikaufnahmen anhören. Geschenkte CDs blieben unausgepackt, denn: »Echte Musik findet live statt."

   Manche Teilnehmer sind eher Spätzünder, andere dagegen richtige Wunderkinder. Kuwahara hat erst während des Musikstudiums angefangen, den Taktstock zu schwingen. Und das auch nur aus der Not heraus. «Ich habe kein klassisches Instrument gespielt», erzählt der 32-Jährige. Vor seinem 18. Lebensjahr hat der Saxofonist sich ohnehin mehr für Jazz denn für klassische Musik interessiert.

   Aziz Shokhakimov ist mit seinen 20 Jahren dagegen der Benjamin in einer Runde von durchschnittlich 30-Jährigen. Bereits mit zwölf Jahren dirigierte er Berufsorchester in seiner Heimat Usbekistan. «Damals war es sehr schwer, den Respekt der erwachsenen Musiker zu bekommen», erinnert sich Shokhakimov. Aber er hat sich durchgebissen und leitet heute das National Symphonic Orchestra in Taschkent. In die Endausscheidung des Wettbewerbs hat er es in diesem Jahr jedoch nicht geschafft.

   In einer Pause, während die anderen Small-Talk machen, geht Shokhakimov bereits wieder zum Pult, um wie in Trance ein imaginäres Orchester zu leiten. «Ich kann nicht anders», sagt er fast entschuldigend. «Die Musik ist einfach in mir drin.»

Die drei Finalisten:
 
Andreas Hotz
Nach seiner ersten musikalischen Ausbildung am Dr. Hoch’schen Konservatorium belegte der 27jährige Hesse mehrere Studiengänge an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt am Main. Den Studien in Klavier, Korrepetition und Orgel folgte ein Dirigierstudium bei Wojciech Rajski, das Andreas Hotz mit Auszeichnung abschloss. Er besuchte Meisterkurse u.a. bei Pierre Boulez, Kurt Masur, Marc Albrecht und Reinhard Goebel und wurde als Stipendiat u.a. des Dirigentenforums des Deutschen Musikrats und der Studienstiftung des Deutschen Volkes ausgezeichnet. Seit 2005 hat Andreas Hotz an der Frankfurter Hochschule eine Dozentur für Orchesterleitung inne, außerdem wirkt er seit zwei Jahren als 1. koordinierter Kapellmeister am Pfalztheater in Kaiserslautern. Sinfonisch dirigierte er zuletzt die Nürnberger Symphoniker und die Hofkapelle Meiningen.
 
Shizuo Kuwahara
Dem Frankfurter Publikum ist Shizuo Kuwahara als Gewinner des zweiten Preises beim letzten Solti-Wettbewerb noch in guter Erinnerung. Der 32Jährige wird inzwischen zu zahlreichen Gastdirigaten eingeladen, so zum Japan Philharmonic Orchestra, dem Tokyo Symphony Orchestra, der Deutschen Radio-Philharmonie oder auch zur Polnischen Kammerphilharmonie, die er bei den Weilburger Schlosskonzerten leitete. Seine Ausbildung bekam er an der Yale University und an der Eastman School of Music, die er mit Auszeichnung verließ. Es folgten erste Stellen als Associate Conductor beim Virginia Symphony Orchestra und beim Philadelphia Orchestra unter Christoph Eschenbach bevor er zum künstlerischen Leiter und Ersten Dirigenten der IPPO Philharmoniker in Tokio berufen wurde.
 
Eugene Tzigane
Der 26Jährige errang bereits beim 4. Internationalen Lovro von Matatic Wettbewerb einen zweiten und den ersten Preis beim 8. Gregorz Fitelberg Wettbewerb in Kattowitz. Er wirkt momentan als Assistent Alan Gilberts bei den Königlichen Philharmonikern in Stockholm. Seine Ausbildung bekam der junge Amerikaner an der Juilliard School und an der New York University sowie an der Königlichen Musikhochschule in Stockholm. Zu seinen Lehrern zählen Jorma Panula und David Zinman. Engagements führten ihn bereits zu zahlreichen Orchestern, darunter die Krakauer und Zagreber Philharmoniker sowie das Orquesta Sinfónica de Chile.
 

 

Das könnte Sie auch interessieren: