44. Deutsches Jazzfestival Frankfurt – Schöne Neue Welt, Schöne Alte Welt


(nmz) -
In einer Zeit, in der man sich nicht über Smartphone-Apps wundern würde, die da selbständig über Strukturen, Akkordgerüste oder Skalen improvisieren, kam dieser Schwerpunkt gerade recht: „Bits `n` Bytes“ hatten die Macher des Deutschen Jazzfestivals Frankfurt ihr Programm überschrieben, das an drei Tagen im ausverkauften Großen Sendesaal des Hessischen Rundfunks über die Bühne ging. Guenter Hottmann, Peter Kemper und Olaf Stötzler stellten Digitales gegen Analoges.
06.11.2013 - Von Ssirus W. Pakzad

Niemand hat in Frankfurt die Noten vom iPad abgelesen und zum Umblättern mit dem Zeigefinger über das Display gewischt – obwohl das mittlerweile sogar in einigen klassischen Orchestern üblich ist. Trotzdem ist man beim Deutschen Jazzfestival Frankfurt in einem ganz neuen Zeitalter angekommen, in dem Prozessoren mit herkömmlichem Instrumentarium gemeinsame Sache machten. Ein Sohn der Stadt, der weltweit gefeierte Elektroniker J. Peter Schwalm etwa durfte sich ein Projekt mit internationalen Größen zusammenstellen und zauberte eine schöne neue Welt in den Sendessaal, schlüssige Ambient- und Trance-Musik, die von Rock und Jazz unterfüttert wurde. Nur der hölzerne Schlagzeuger störte das Geschehen. Deutlich deftiger ging es bei „Pharoah & The Underground“ zu, einem Projekt von Saxofon-Legende Pharoah Sanders mit Kornettist Rob Mazurek und Improvisatoren aus Chicago und São Paulo. Was sich da an Digitalem und Analogem vermischte, verdichtete sich zu etwas durchaus Hypnotischem, auch wenn ein ernstzunehmender befreundeter Kritikerkollege das Konzert als „endloses Mäandern“ bezeichnete.

Ausgerechnet ein Auftritt, der sich „Kraftwerk“ widmete, der Band, die manch einer zu den Pionieren der elektronischen Musik zählt, geriet in Frankfurt zum Flop. Der norwegische Komponist Helge Sunde wurde damit betraut, Material der Düsseldorfer für die hr Bigband aufzubereiten: aber er zog zu viele Informationen aus dem Material, auch solche, die gar nicht vorhanden sind. Und so blitzten nur gelegentlich Andeutungen auf in einem Konzert, das viel zu kunstvoll war und sich einfach zu weit vom Sujet entfernte.

Ein Knaller war der Auftakt des Festivals: der französische Saxofonist Guillaume Perret und die Seinen waren ohne Ende verkabelt und mit einer ganzen Batterie von Fußpedalen umstellt. Doch die klangliche Verfremdung, die das Quartett mit Effektgeräten erzielte, war kein reiner Selbstzweck. Selten hat Modifikation so viel Sinn gemacht. Sie half bei der Verdichtung dieser hoch intensiven, mitreißenden Musik zwischen Jazzrock, Progrock und Weltmusikanleihen.

Rock war als Element sehr präsent in Frankfurt – so sehr, dass man witzeln konnte, die Programmgestalter hätten in diesem Jahr den thematisch verfehlten Schwerpunkt von 2012 nachgeholt, der da „Jazzrock Jetzt!“ hieß. 2013 baute Saxofonist Donny McCaslin Fusion mit in seine Kompositionen ein. Bassist Dave Holland gemahnte mit seiner groovenden Allstarband „Prism“ an die Zeit, in der er von Miles rekrutiert wurde und das britische Trio „Troyka“ brachte einen pfiffigen, detailreichen, differenzierten Mix aus Jazzrock, Artrock oder Klassik dar.

Es gab bei der 44. Ausgabe des ältesten regelmäßig stattfindenden Jazzfestivals der Welt auch den schönen Kontrast - die „Unplugged“-Fraktion. So betörte der polnische Trompeter Tomasz Stanko mit seinem New York Quartet zwischen wehmütigen, zarten Balladen und frei gestalteten Improvisationsstrecken. Publikumsgewinner war allerdings ein Franzose libanesischen Ursprungs: Ibrahim Maalouf. Sein Vater Nassim hat einst die Viertelton-Trompete erfunden und der Sohn spielt meisterlich darauf, Mikrointervalle, Zwischentöne, die einem in ihrer differenzierten Ausgestaltung nahegehen. Jim McNeely hatte Musik des Maalouf- Albums „Wind“ für die hr Bigband arrangiert, ein Werk, das klingt, als hätte Miles für den Soundtrack zu „Fahrstuhl zum Schafott“ einen Muezzin hinzugezogen. Traumhaft schön. Standing Ovation.

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