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Sinéad Mulhern und das Ensemble der Komischen Oper. Foto: Monika Rittershaus
Sinéad Mulhern und das Ensemble der Komischen Oper. Foto: Monika Rittershaus
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Am offenen Herzen – Hans Neuenfels inszeniert „La Traviata“ an der Komischen Oper

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„Warnstreiks und Protestaktionen der deutschen Kommunal- und Staatsorchester“ kündigten Mitglieder des Orchesters der Komischen Oper, als Verkehrswacht kostümiert, am Premierenabend auf der Straße vor Berlins deutschsprachigem Opernhaus an und warben beim Publikum mit Flugblättern für ihre tarifliche Anbindung an den „öffentlichen Dienst“. Glücklicherweise kam es dann in der jüngsten Premiere selbst zu keinen weiteren Protestaktionen dieses Klangkörpers, der unter seinem neuen Generalmusikdirektor Carl St. Clair zu neuer Hochform auflaufen könnte.

Denn Clair entfaltete in den Einleitungstakten und im Vorspiel zum Schlussakt von  Giuseppe Verdis „La Traviata“ traumhaft schöne Klangflächen, erwies sich in seiner Lesart dramatisch packend und stets kongruent mit der Szene. Gleichwohl trafen den neuen Pultmatador aus den USA beim Applaus einige heftige Buhrufe, – wohl weil einige Zuschauer den langhaarigen Maestro mit dem Regisseur Hans Neuenfels verwachselt hatten, – soweit die von der Inszenierung verstimmten Besucher nicht bereits im ersten Akt oder in der Pause das Theater verlassen hatten.

Dabei gebärdete sich der als „Regisseur des Jahres“ gefeierte Provokateur recht zahm. Die schon von Verdi als Vorgriff auf den Verismo in der Gegenwart angesiedelte Geschichte der gleichermaßen an ihrer aussichtlosen bürgerlichen Liebe, sowie an der TBC zugrunde gehenden Prostituierten Violetta Valéry ließ auch Neuenfels in der Gegenwart spielen, in einem schwarzen, leeren Raum mit rampenparallel fahrbaren, bühnenhohen Röntgenfilm-Kassetten (Bühne: Christof Hetzer). Nicht nur die Bühnenmusiken kamen deutlich aus einem niederfahrenden, eigens angestrahlten Lautsprecher, auch einige Gesänge der Protagonisten waren bewusst nur aus den Lautsprechern im Zuschauerraum zu vernehmen.

Violetta, die sich im dritten Akt auf einem Podest mit der Aufschrift „Ich bin eine Hure“ outet, empfängt dann auch gleich Grablichter von der moribunden Gesellschaft: Der Tod, das sind die Anderen, teils mit modischen Gerippe-Kostümen wie Flora und Gaston (Kostüme: Elina Schnizler) oder gleich als vervielfachte Automatenpuppe Olympia, wie der (Zigeunerinnen-)Damenchor des dritten Aktes. Die Solisten bewegen sich teils heutig, teils in opernhafter Gestik, aber auch grotesk überzeichnet, wie Germonts Vater, der mit Pferdefuß und umgehängtem Kreuz salbadert (trefflich gesungen von Aris Argiris) und dann dem Suff verfällt.

Neu im Personenreigen dieser Opernhandlung ist ein junger Schönling als Zuhälter der vom Wege abgeirrten Violetta, und so gesehen für Alfred eine echte Konkurrenz und Bedrohung (Christian Natter). Doch auch diese sehr aktuelle Figur erfährt eine typisch Neuenfelsische Überhöhung, wenn dem Zuhälter von der Gesellschaft das Herz aus dem Leib geschnitten wird oder wenn er sich beim Karnevals-Mummenschanz seine übergroß zur Schau gestellten Hoden selbst aufspießt.

Manches ist erhellend, etwa der Wettspiel der Rivalen Alfred und Douphol als Herzstiche oder die aus Alexandre Dumas d. J. Roman für die menstruösen und unblutigen Tage der Kurtisane ins Spiel übernommenen roten und weißen Kamelien. Obwohl Sinéad Mulhern intensiv agiert und der Partie auch vokal wenig schuldig bleibt, nimmt man ihr die Tragik der Titelfigur nicht recht ab. Und auch Timothy Richards als Alfred vermag trotz sauberem Tenor kein Mitgefühl zu erzeugen. In Walter Felsensteins deutscher Übersetzung klingt die Oper durchaus heutig, und die gewollte Reibung zwischen Wort- und Bildwelt stellt sich ein. Die ausverkaufte Premiere (mit Schwarzmarkt-Kartenangeboten!) löste am Ende einen kaum mehr von Pro und Contra umkämpften Applaus aus. Wenn das Orchester der Komischen Oper also nicht streiken wird, so sollte auch diese dreifach besetzte „Traviata“ ihr Publikum finden.


 

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