An den Grenzen des klassischen Konzertrituals – 12 Uraufführungen mit den Neuen Vocalsolisten Stuttgart bei Èclat 2014


(nmz) -
Mit einem Festival im Festival endete am Sonntag Èclat 2014 im Stuttgarter Theaterhaus. „Mediterranean Voices“ war das Großprojekt übertitelt, das vier Konzerte und eine alle Räume des Stuttgarter Theaterhauses umfassende Videoinstallation von Daniel Kötter umfasste. Zwölf Komponisten, deren biografische Wurzeln allesamt im Mittelmeerraum liegen, hatten von „Musik der Jahrhunderte“ Aufträge für die einzigartige Gesangsexpertise der Neuen Vocalsolisten Stuttgart erhalten.
10.02.2014 - Von Andreas Kolb

Fahrbare Podeste, unterschiedlich angeordnet, bildeten die Bühne für die sieben Solisten, deren Klangaktionen vom Publikum quasi umringt wurden. In den Konzertpausen wandelte man in der von Sofia Dona modifizierten Konzerthausarchitektur. Zwölf Leinwände in vier Sälen zeigten Komponisten im Gespräch, aber auch mediterrane Impressionen abseits von Neckermann-Katalog und Landgasthäusern mit Charme. Auf den Leinwänden wurden politische und ästhetische Diskurse geführt – man hörte und sah zu und ging weiter zum nächsten Gedanken, zum nächsten Bild, zur nächsten Musik. Man traf Kollegen, Freund und Feind, Musik wurde verhandelt, kritisiert und sicher auch neu beauftragt – ein sehr angenehmer gesellschaftlicher Rahmen, der das übliche Pausengespräch auf Festivals deutlich übertraf.

Bemerkenswert das Stück „IRR_Studie#2“ von Josep Sanz aus Barcelona, der Klanggesten, Töne und Geräusche der Vocalsolisten gesampelt hatte und auf fünf Leinwände projizierte. So kamen die Vokalsolisten in die Gelegenheit, sich selber bei der eigenen Uraufführung im Zuschauerraum zuhören zu können. Ein atemberaubendes Stück, das aus Sängern Musik-Automaten machte, ohne der Musik die Seele zu rauben. Auf die lebendigen Sänger griff die aus Istanbul stammende Komponistin Zeynep Gedizlioglu bei ihrem Werk „Kelimeler“ zurück. Sie liebt es, dass es keinen Kompromiss gibt, sagt die Komponistin über sich und ihre Musik. Mit ihrem Stück bekräftigte sie diese Ansicht: „Kelimeler“ ist ein unversöhnliches, aber gelungenes Gemeinsames von Sanglichem, Gesprochenem und Geräuschhaftem.

An die Grenzen des klassischen Konzertrituals gingen die Griechin Marianthis Papalexandri-Alexandri und der Marrokaner Brahim Kerkour. Die Komponistin aus Thessaloniki bewegt sich schon immer im Spannungsfeld zwischen Musik, Installation und Konzept. Sie manipuliert Musikinstrumente und macht sie zum Klangobjekt. In Fall von „Untitled VI“ für 3 Männerstimmen und Klangobjekte“ hatten die Sänger die Aufgabe, ein Klangobjekt aus Plastikröhren und Membranen zum Schwingen zu bringen. Nach kurzer Probenzeit gewissermaßen schon Meister der neu erfundenen Instrumente, sandten sie magische elektroakustische Sounds in die weite Akustik des großen Saals T1.

Brahim Kerkour aus Rabat verlangte noch mehr von den Neuen Vocalsolisten: Seine Partitur schreibt peinlich genau Lippenstellung, Zungenposition, Form der Mundhöhle, Luftdruck u.a. vor – mikroskopische Veränderungen der Klangfarben beim Crescendo aus der Lautlosigkeit bis zum vierfachen Pianissimo (!) ließen zunächst fälschlicherweise eine Adaption von Cages 4‘33‘‘ vermuten. Wie aufregend Musik sein kann, die nie über Pianissimo hinausgeht, ließ sich an der Stille des Publikums erahnen: kein Huster, kein Raschler, keine der üblichen Klangerzeugungen – nur atemloses Zuhören.

Èclat 2014 war die erste Ausgabe des renommierten Stuttgarter Neue-Musik-Festivals unter der neuen künstlerischen Leitung von Christine Fischer und Björn Gottstein und ein gelungener Einstand. Neben den zwölf Uraufführungen im Rahmen von Mediterranian Voices gab es noch weitere zwölf. Darunter hochstehende Konzerte mit dem SWR Vokalensemble Stuttgart (mit Werken von Salvatore Sciarrino, Martin Schüttler, Brian Ferneyhough, Annesley Black und Nikolaus Brass), dem ensemble recherche, das das Preisträgerkonzert zum Kompositionspreis der Landeshauptstadt Stuttgart gestaltete, sowie dem Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR. Darüber und wie die Stuttgarter Radiosinfoniker die hauptsächlich süffigen Orchesterwerke von José-Maria Sànchez-Verdú, Hannes Seidl, Peter Gahn und Jay Schwartz bewältigten, berichtet Gerhard Rohde in der nächsten Printausgabe der neuen musikzeitung.

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