Aribert Reimanns Kammeroper „Gespenstersonate“ in der Werkstatt der Staatsoper Berlin


(nmz) -
Reimanns Oper, nach seiner Opernadaption von Shakespeares „Lear“ entstanden, basiert auf Johan August Strindberg, der sein Drama als „literarische Sonate“ bezeichnete, womit der Bewunderer Beethovens auf dessen „Gespenstersonate“ und „Gespenstertrio“ Bezug nahm.
26.06.2017 - Von Peter P. Pachl

Nach der durchgefallenen Uraufführung des Schauspiels, am 21. Januar 1908, erfolgte erst durch Max Reinhardts deutsche Erstaufführung, im Jahre 1916 in Berlin, die Rehabilitation. Auch Aribert Reimanns Oper auf Strindbergs Original-Text, aus dem Schwedischen übertragen und für Musik eingerichtet vom Komponisten und Uwe Schendel, hat deutlichen Berlin-Bezug. Denn hier erfolgte 1984 im Hebbel-Theater die Uraufführung durch die Deutsche Oper Berlin.

Aribert Reimanns Vertonung der psychologisch vertrackten Handlung des eingefahrenen Ritus einer noblen Gesellschaft, deren leerlaufende Rituale durch die Racheabsichten des Direktors Hummel nachhaltig gestört werden, erwies sich in der Hervorkehrung absurd-grotesker Züge zwischen Albtraum und kruder Realität mit Mitteln des Klanges als kongenial und nachhaltig erfolgreich. Der monströsen Uraufführung – in der Ausstattung von Dietrich Schoras, mit zwei Ebenen der horizontal geteilten Bühne aus Plexiglas – folgten nicht weniger als 26 Inszenierungen dieser Kammeroper für acht Solisten und 18 Instrumentalisten mit technisch weniger aufwändigen Lösungen.

Die jüngste Inszenierung ist vermutlich die an Aufwand und Personage reduzierteste Version. Dafür verantwortlich zeichnet der Bassbariton Otto Katzameier, der an der Berliner Staatsoper in Sciarrinos „Macbeth“ und „Luci mie traditrici“ brillierte, aber auch als Doktor Bartolo in Jürgen Flimms „Figaro“-Inszenierung nachdrückliche Wirkung hinterließ. Bei seinem Regie-Debüt verzichtet Katzameier auf sieben stumme Rollen und reduziert die singenden Personen durch diverse Koppelungen auf insgesamt sieben Sängerdarsteller*innen. Statt agierender Gespenster gibt es im schwarzweißen, leeren Raum Stephan von Wedels überlebensgroße Videoprojektionen der sonst singend auf der Szene handelnden Personen.

Auf Leitern an zwei Seiten des Raumes stehend, kommunizieren die Diener miteinander – und stehen damit auf höherer Ebene als die in Floskeln einer Tafelrunde erstarrte Gesellschaft an einem auch mal durch den Raum gefahrenen, schwarzen Tisch.

Durch nur geringfügige Verwandlungen – etwa mit oder ohne Brille – werden die Darsteller verwandelt, der Diener Johannnsson zum Oberst (Noriyuki Sawabu) oder die dunkle Dame zur vampyrhaften Köchin (Natalia Skrycka). Besonders eindrucksvolle Leistungen bieten zwei junge Mitglieder des Internationalen Opernstudios: der weich timbrierte Bariton von Adam Kutney als Bengtsson und Bedienter und insbesondere der großartige junge Bassist David Oštrek in der Partie des 80-jährigen Alten und des Direktors Hummel. Matthew Peña verkörpert die Partie des Studenten Arkenholz, der als Sonntagskind zur Geister-Schau befähigt ist, die er mit tenoralen Tönen in extremer Höhenlage provoziert. Alexandra Ionis reibt sich am unerreichten Vorbild Martha Mödls bei der Uraufführung, als die sich stimmlich papageienhaft gerierende Mumie und Frau des Obersten. Leider etwas zu schrill klingt die im Spiel intensive Sopranistin Paula Rummel als deren Tochter, die schließlich dem sie liebenden Studenten zum Opfer fällt. Die Aufführung kommt ohne Übertitelung aus, so deutlich ist die Aussprache aller beteiligten Gesangssolisten.

Mit den klappernden Schlägen auf Metall, mit denen das stumme Spiel begonnen hatte, endet die Aufführung in Katzameiers Inszenierung: Arkenholz erlebt sich selbst als Gespenst; zur vorproduzierten Video-Projektion des Studenten stehen die ihn umgebenden Toten wieder auf.

Die auch diesmal im Rang der Werkstatt positionierten, nun aber hinter Stoffwänden und Gaze verborgenen Instrumentalisten der Staatskapelle Berlin und der Orchesterakademie leitet Dirigent Michael Wendeberg mit Links – und dies im wahrsten Sinne des Wortes: er dirigiert die Orchesterformation mit der Linken und gibt mit der Rechten nur formale Gesangs-Einsätze nach unten, oben oder zur Seite.

Dabei wird Wendeberg der Spezifik der Partitur Aribert Reimanns, die für die krude Psychologie der Geschichte adäquate Farben findet, durchaus gerecht, setzt auf die Klangwirkungen der Instrumente in extremer Lage (Kontrabass, Fagott), badet im sublimen Witz eines lautmalerischen Hummelfluges, wenn Direktor Hummel musikalisch vorgestellt wird und gegen Schluss dann in der tonalen Zeichnung einer Sonne, die nicht brennt.

Am Ende der pausenlosen Aufführung dankte das Publikum allen Beteiligten und dem anwesenden Komponisten mit langanhaltendem Applaus.

  • Weitere Aufführungen: 27., 29. Juni, 1., 7. und 9. Juli 2017.

Kommentar hinzufügen

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.
CAPTCHA
Diese von Menschen zu lösende Aufgabe ist zur Vermeidung von Spam-Inhalten leider notwendig.
Bild-CAPTCHA
Geben Sie die Zeichen ein, die im Bild gezeigt werden.