Auf Nicht-Linien zum Blackout – Wagners „Lohengrin“ in einer verquasten Neudeutung im Münchner Nationaltheater


(nmz) -
2004 hätte der ungarische Regisseur Kornél Mundruczó … doch da hat er eine Überschreibung der germanischen Sagen als „Nibelungen-Wohnpark“ in Budapest inszeniert… Aber parallel zum EU-Beitritt seiner Heimat hätte er in der dortigen Staatsoper die sensationelle, schneidend kühne und politisch unbequeme Neudeutung des „Lohengrin“ durch die damals zu Recht als Regie-Hoffnung eingestufte Katharina Wagner und ihren herausragenden Dramaturgen Robert Sollich erleben können. Dann wäre wohl etwas Anderes herausgekommen als…
04.12.2022 - Von Wolf-Dieter Peter

Das Münchner Premierenpublikum scheint mit weitgehend sehr guten Sängern und der „schönen“ Wagner-Musik und voluminösen Chorwirkungen glücklich – und nimmt auf der Bühne Abwegiges mit „Ich bin schon für ‚modern‘“ hin. Denn sonst hätte der schwache Buh-Sturm für das Regie-Team Tornado-Gewalt annehmen müssen und auch dem Dirigenten François-Xavier Roth attestiert: naja, halt eine Kapellmeister-Leistung mit etlichen, nein, an der Bayerischen Staatsoper zu vielen Wacklern; nach dem schon zu lauten Beginn dann viel Handfestes vom schweren Blech und Pauke; später auch mal gelungene Streicher-Süße; aber keine Handschrift, keine Linie einer Interpretation.

Auf gleicher Nicht-Linie Monika Pormales eng wirkendes, weißes Raumgeviert: mal mit zwei Bäumen, Steinhügelchen und obskurem kleinem Weiher, in dem sich viele mal die Hände reinigten, dann auch klassizistischem Portal und Balkon – Regisseur Mundruczó: „mit verschiedenen Inhalten angefüllt, mit einem Wald, mit einem Meteoriten oder womit auch immer“. Darin durfte sich der große Staatsopernchor mehrfach sinnentleert umgruppieren und auch sinnfrei uniform die Arme heben und strecken und deuten – dafür aber in Tilman Michaels tadelloser Einstudierung mehrfach auch frontal ins Publikum singen – Bravo mit Wucht.

Alle waren – bis auf die „verstoßene“ Elsa in schwarzer Jeans und schwarzem Shirt – in heller, farblich zart abgestufter Freizeitkleidung (Anna Axer Fijalkowska) irgendwo auf irgendeinem Trip, vielleicht weil der Regisseur Montsalvat mit Monte Veritá verwechselt hatte? Doch nur Elsa rauchte später, vor dem Brautgemach, mal kurz einen Joint – ob sie deswegen im nicht existierenden Regen stehen gelassen und alle anderen durchsichtige Regen-Capes trugen – ein rätselhafter Regieeinfall, wie der sich am Ende herabsenkende, Raum-große Meteorit. Darunter bricht am Ende Lohengrin tot zusammen, Elsa steht verloren oben in einer Kluft des Meteoriten und Ortrud liegt eh schon tot über ihrem toten Telramund – nach so viel Qual statt Gral endlich Blackout über allem.

Wie befreit dann Jubel – auch wenn für Johanni van Oostrums Sopran die Elsa zu früh kommt und sie am Ende hörbar vokal zu kämpfen hatte, auch wenn Johan Reuter ein guter, nur kein wirklich finsterer Telramund war. Aber die reichlich unvorteilhaft kostümierte Anja Kampe bot eine überzeugend bös keifende Ortrud. Der schlanke, herrlich volltönende Heerrufer von André Schuen und der kapitale Bass von Mika Kares als König Heinrich bildeten ein vokal exzellentes, nur grässlich Schulter-klopfendes, sich die Hände reibendes Anführerpaar auf Ortsgruppen-Niveau. Sie alle und die guten kleinen Nebenrollen überstrahlte der derzeit singuläre Titelheld-Sänger: Klaus Florian Vogt ist mit seiner guten Bühnenerscheinung, seinem hellen, auch mal androgyn klingenden Tenor die Traum-Besetzung des „Anderen“, bestens artikulierend, schön phrasierend und am Ende mit einer mühelos leuchtenden „Grals-Erzählung“ beeindruckend.

Die Bayerische Staatsoper will in der Welt-Opern-Liga mitspielen. Diesmal ist trotz Star-Könnern zu attestieren: ausgeschieden!

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