Auf Wiedersehen, Kinder: Mozarts „Idomeneo“ am Staatstheater Nürnberg


(nmz) -
Um Troja dreht sich so manches in dieser Spielzeit an der Nürnberger Oper. Berlioz’ „Trojanern“ folgte nun Mozarts „Idomeneo“ in der Inszenierung von David Bösch: als gelungene Kenntlichmachung eines Meisterwerks. Juan Martin Koch berichtet:
18.02.2018 - Von Juan Martin Koch

Die wunderbaren, teilweise animierten Bilder im Kinderbuchstil, die zur Ouvertüre die Vorgeschichte illustrieren, können nicht darüber hinwegtäuschen: Es ist eine düstere Geschichte, die sich da in Mozarts „Idomeneo“ auf Kreta abspielt. Der königliche Titelheld ist ein schiffbrüchiger Kriegsheimkehrer, der dem Meeresgott Neptun für den Fall seiner Rettung den ersten Menschen als Opfer versprochen hat, den er an Land treffen wird. Dass dies ausgerechnet sein Sohn Idamante ist, bringt eine mit Dreiecksliebe aufgeladene Tragik in Gang, die am Ende gerade noch so per Deus ex machina in ein Happy End gewendet werden kann.

Regisseur David Bösch erzählt die Geschichte in dieser ursprünglich für die Antwerpener Oper konzipierten Inszenierung auch im weiteren Verlauf aus der Perspektive der Heranwachsenden: Ilia, als Kriegsgefangene auf Kreta weilende trojanische Prinzessin, und Idamante, den sie heimlich liebt, werden Stück für Stück in eine Realität hineingezogen, die anders ist als die ihrer kindlichen Vorstellungswelt: Nach der für ihn unverständlichen Zurückweisung durch den gestrandeten Idomeneo zerstört Idamante mit seiner Kinderzeichnung das Bild, das er sich von seinem Vater gemacht hat.

Vor allem im ersten Akt entsteht in der von Barbora Horákova Joly und Lutz Schwarz präzise besorgten szenischen Einstudierung für Nürnberg genau jener atemlose Sog, den Mozart mit seiner brillanten Zusammenziehung von Accompagnato-Rezitativen, Arien und Chören in der Nachfolge der französischen Tragédie-lyrique vorgegeben hat. Der Seesturm, den das von Neptun entfesselte Ungeheuer in Idomeneos Segel bläst, bricht unmittelbar nach Elettras Wutarie los (die ihre Rivalin Ilia im Vorteil sieht). Dazu erscheinen ihr die blutigen Vorfahren als Schattenrisse. Am Ende wird ihr der Geist Orests das Beil in die Hand drücken, mit dem sie sich die Pulsadern aufschlitzt.

Dass diese Balance zwischen einer bewusst ein wenig naiven Bildersprache und der Härte des verhandelten Sujets im weiteren Verlauf nicht immer so überzeugend funktioniert, mindert das szenische Gelingen des Abends kaum. Schade aber, dass Regisseur Bösch den glücklichen Ausgang und Idomeneos Schlussarie einem wenig überzeugenden Totaldesaster opfert.

Ansonsten sind die hauptsächlich in den Secco-Rezitativen angesetzten Striche dramaturgisch nachvollziehbar. Mozarts erstes vollgültiges Opern-Meisterwerk wird außerdem durch den beherzten Zugriff der Nürnberger Staatsphilharmonie unter Marcus Bosch zu voller Prachtentfaltung gebracht. Mit historisierenden, herrlich knackigen Blechbläsern und vibratolosem, dennoch nervös vibrierendem Streicherklang bringen sie Mozarts Klangmischungen auf den Punkt, schaffen dann aber auch – wie die Regie – wohltuende Ruhezonen für die nach innen gekehrten Arien oder das herrliche Quartett im dritten Akt.

Wie Ida Aldrian im vorausgehenden Rezitativ den Puls singend herunterfährt und dann neu ansetzt, ist ein wahrhaft großer Mozart-Moment. Ihr im Lauf des Abends immer feiner abgetönter Idamante ist das überzeugendste Rollenporträt innerhalb eines guten Ensembles: Ilker Arcayürek ist ein wohltuend viriler Idomeneo und nur mit den Koloraturen der aberwitzigen „Fuor del mar“-Arie leicht überfordert. Ina Yoshikawa als über weite Strecken überzeugend lyrische Ilia und Leah Gordon als explosive, bisweilen stilistisch lustvoll übers Ziel hinausschießende Elettra kontrastieren perfekt. Mehr als beachtlich singen auch Alex Kim als Arbace (dem nur die zweite Arie gestrichen wurde) und Chool Seomun als Oberpriester. Dazu der zupackende Chor in der Einstudierung Tarmo Vaasks – danke, Nürnberg!