Bauhaus und Babel – das Komponisten-Projekt „BrennWeite“ beim Impuls-Festival Sachsen-Anhalt


(nmz) -
Das Impuls-Festival in Sachsen-Anhalt realisierte mit seinem Uraufführungsprojekt „BrennWeite“ fünf Auftragskompositionen zu Bauhaus-Filmen und zeigt, dass die Sprache der Musik keineswegs immer verständlich ist. Umso wichtiger ist der bei diesem Festival im Vordergrund stehende internationale Dialog und eine subtile Irritation, die wahrscheinlich mehr Gedankenprozesse fördert als laute Begeisterung oder Empörung.
19.10.2019 - Von Roland H. Dippel

Bauhaus verpflichtet. Deshalb sind zu dessen Jubiläum 100 Jahre alle ein bisschen Bauhaus. Vor allem Weimar und Dessau, aber auch viele andere Städte und Stätten in Mitteldeutschland. So bleibt es nicht aus, dass das Impuls-Festival für Neue Musik Sachsen-Anhalt – immerhin unter der Schirmherrschaft von Claudia Perren, Stiftung Bauhaus Dessau – auch Bauhaus-Signale sendet. Etwas anders als erwartet kommen diese von „Deutschlands einzigartigem Breiten-Festival der Neuen Musik“ (MDR), dem einige Personen im Landtagsausschuss für Bildung und Kultur von Sachsen-Anhalt nur zu gern mindestens ein Pausenjahr gönnen würden. Dabei ist das Impuls-Festival eine der Nischen in Sachsen-Anhalt, die anderes betreiben als Bauhaus-Kult und -Merchandising. Ästhetische und funktionale Fragen machen in „BrennWeite“ auch etwas von jener Verunsicherung spürbar, die das Bauhaus in den ersten Jahren auslöste. In diesem Kontext ist subtile Irritation als Reaktionsmoment zwar genauso wirkungsvoll wie Empörung oder Begeisterung, fällt aber weitaus weniger auf.

Farbakzente setzen beim Impuls-Festival neben den Workshops und Meisterklassen die dieses Jahr wieder mitwirkenden Orchester Sachsen-Anhalts: die Anhaltische Philharmonie (im Abschlusskonzert der Dirigenten-Meisterklasse am 7. November), die Magdeburgische Philharmonie (mit dem Staatsorchester Braunschweig am 14./15. November), das Philharmonische Kammerorchester Wernigerode (am 2. November), das Orchester des Nordharzer Städtebundtheaters (am 15./16. November) und die Staatskapelle Halle (in einem Teil des Eröffnungskonzerts am 16. Oktober). Programme unterliegen oftmals persönlichen Vorlieben. Das ist beim Impuls-Festival mit seiner kompositorischen Vielfalt von der Chinesin Meiyan Chen (geb. 1993) bis zu Bernd Alois Zimmermann nicht anders. Dieses möglichst breite Band musikalischer Handschriften gehört dazu. Aber der von Festival-Leiter Hans Rotman sehr bewusst gesuchte Werk-Mix von Genie, Trends, Risiko und Gefälligkeit aus möglichst vielen Schulen und Gruppierungen der Neuen Musik passt nicht allen.

Das Projekt „BrennWeite“ reiht unter dem Festivalmotto 2019 „Handwerk!“ mehrere Animations- und einen Dokumentarfilm der Bauhaus-Zeit zu einer Suite von Uraufführungen fünf junger Komponistinnen und Komponisten aus fünf Ländern. In ein aufführungskompatibles Raster gebracht wurden diese Stücke während einer Meisterklasse mit Annette Schlünz, in der nach dem ersten Treffen im Mai eine Woche vor der Konzertserie in Halle, Leipzig, Dessau (Schulkonzert) und Strasbourg der letzte Schliff an die Partituren und deren Orchestrierung kam. Faszinierend waren diese Tage für Tamara Miller (Chile), Meiyan Chen, Mioko Yokoyama (Japan), Michele Foresi (Italien) und Ferdinand Heuberger (Deutschland) nicht nur theoretisch, sondern auch durch die praktische Zusammenarbeit mit dem Ensemble Tempus Konnex Leipzig und dem Ensemble Linea Strasbourg.

Das Festival-Motto „Handwerk!“ wurde insofern zur Kunstübung, weil die Auftragskompositionen keine sinfonischen Dichtungen oder musikalischen Narrative über die Sujets der Filme werden sollten. Michele Foresis Werk erwies sich eindeutig als das farbigste Stück. Ferdinand Heuberger hatte den schwersten Stand, weil seine tastenden Klang-Brechungen keine Chance hatten gegen die schreienden Plakate in Ella Bergmann-Michels Film „Wahlkampf 1932 (Letzte Wahl)“, neben denen sich immer häufiger NSDAP-Hakenkreuze ins Bild schieben. Mioko Yokoyama und Tamara Miller entwarfen zu den elliptischen Formen und Pfeilen auf der Leinwand ambitionierte Etüden. Zu Reibungen mit den bewegten Formen in den Animationsfilmen von Kurt Schwerdtfeger/Rudolf Jüdes und Viking Eggeling kam es nicht. In diesem objektivierend-abstrakten Konzept fiel die Spannungskurve in „BrennWeite“ nach der packenden Intensität von „Breaking News!“ im Vorjahr etwas ab.

Beim Konzert im Vortragsraum des Leipziger Grassimuseums mit der das Geschehen dominierenden Leinwand hatte es die Musik gegen die Dominanz der Film-Projektionen nicht einfach. Aber Meiyan Chen gelang eine Irreführung der Hörer: Die sanfte Verstörung lauert bei ihr in der Konsonanz, nicht in der Dissonanz. Mit für europäische Ohren schönster Klarheit reihte sie Akkorde, als propagiere sie eine Musikrevolution von der Pentatonik zur Diatonik. Dafür verarbeitete die Musikinformatik-Studentin computergeneriertes Motivmaterial.

So trifft Bauhaus auf neo-babylonische Musikverwirrung. Diversifizierung auf die Spitze getrieben: Klänge werden ebenso fragwürdig wie das Vertrauen auf das eigene Verstehen. Diese Irritationen entstehen zufällig, sind nicht planbar und greifen über musikalische Fragen hinaus zu Fragen nach Chancen und Grenzen von Musik als Kommunikationsmittel in der Globalisierung. So wird die Bauhaus-Idee doch noch zum Gewinner an diesem Abend. Denn durch die musikalischen Reaktionen der Kompositionsklasse auf das Filmmaterial wurde deutlich, dass es in der Bauhaus-Ecke sprödes, noch nicht domestizierbares Material gibt. Ein beherzter Zugriff birgt allerdings auch das Risiko, dass das Thema eines Projekts spannender bleibt als sein Ergebnis. Und in diesem Fall die fundamental wichtige Erinnerung daran, dass es die eine gültige Sprache der Musik nicht gibt, sondern ganz viele gleichberechtigte Musiksprachen nebeneinander.

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