Bedingter Sieg für Mussorgskij – „Ur-Boris“ an der Deutschen Oper Berlin


(nmz) -
Während die Staatsoper in der Ära von Jürgen Flimm konsequent und – wie zuletzt mit „La Damnation de Faust“ sehr erfolgreich auf internationale Koproduktionen setzt, hat die Deutsche Oper Berlin mit Koproduktionen offensichtlich eine weniger glückliche Hand. Die Inszenierung von Richard Jones, erst im Vorjahr am Royal Opera House Covent Garden in London erfolgt, wirkt sehr viel älter, als sie ist. Doch der Zuspruch des Premierenpublikums für die russische Nationaloper war uneingeschränkt.
18.06.2017 - Von Peter P. Pachl

Musikalisch und dramaturgisch basiert die Neuinszenierung auf der historisch-kritischen Ausgabe von Michael Rot aus dem Jahre 2007. Diese Version des „Ur-Boris“ aus dem Jahre 1869 enthält weder die Polen-Akte noch das abschließende Revolutionsbild.

Die Neuinszenierung beginnt mit einem stummen Vorspiel: der junge Zarewitsch wird im Auftrag von Boris Godunow von drei Schächern ermordet. Sie wird im weiteren Verlauf des pausenlosen Abends häufig als Dejavu-Szene wiederholt.

Ein bereits beim Einlass auf der Courtine abgebildeter Brummkreisel aus den Fünfzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts – anstelle des später besungenen Holzkreisels – hievt die Geschichte scheinbar in die Neuzeit. Ein solcher Brummkreisel überquert in einer Angstvision des Boris die Bühne. Und da der Brummkreisel seines Sohns Fjodor offenbar dasselbe Modell ist, wie der des jungen, rothaarigen Mordopfers, zerstört Boris das Spielzeug seines Sohnes.

Der Einheitsbühnenraum von Miriam Buether, horizontal geteilt in eine Kuppelebene und in ein Innenkarree, welches von hinten um Treppen, von der linken Seitenbühne um eine Theke oder eine Galerie-, respektive Landkarten-Wand, erweitert werden kann, erweist sich als akustisch günstig für die Bilderfolge. Das Glockenläuten des ersten Finales überbrückt die Pause der offenen Verwandlung, ebenso dann die zum dritten Bild.

Die Kostüme von Nicky Gillibrand kontrastieren das Grau des gemeinen Volkes mit leuchtend farbigen Prunkkostümen der Oberschicht, in welche die Chormitglieder sich durch schnelle Umzüge verwandeln können. Der Chor hebt akzentuiert die Arme (mit Hilfe eines eigenen Movement Directors: Silke Sense), und die meisten Solisten teilen ihre Partien, indem sie sich bei der Ansprache an die hinter sich stehenden Bühnenpartner ans Auditorium richten, um sich in Gesangspausen für ihre äußerst sparsamen Aktionen nach hinten zu wenden. Relativ unmotiviert liegen drei Statisten als Skelette auf den Stufen der Basilius-Kathedrale.

Pimen, der Chronist im Kloster, ist hier ein Porträtmaler von Zaren seit Iwan dem Schrecklichen. Er arbeitet an dem noch unvollendeten Bild eines jungen Manns mit roten Haaren – rothaarig, wie der immer wieder gemordete Zarewitsch und wie der spätere Usurpator Grigorij, aber auch wie Fjodor. Dessen Besetzung mit einem Knaben (Philipp Ammer als Solist des Knabenchores der Chorakademie Dortmund) bildet einen deutlichen Vorteil gegenüber den üblichen Mezzo- oder Tenor-Besetzungen des Zarensohns.

Die Übertitelung der in russischer Sprache gesungen Aufführung durch vereinfachende englische und deutsche Übersetzungen führt zu Lachern im Publikum, noch bevor die Witze der Bettelmönche überhaupt erklingen – so etwas erlebt man sonst nur bei japanischen Besuchern in japanisch übertitelten Mozart-Aufführungen.

Die Schmerzgrenze für pausenlose Aufführungen wurde durch Wagners „Rheingold“ und dessen Oper „Der fliegende Holländer“ gesetzt – knapp zweieinhalb Stunden. Der „Ur-Boris“ bringt es auf 2 ¼ Stunden Musikdauer, wenn man das Lied der einsamen Wirtin streicht – und so erklingt er hier pausenlos, ohne jene Umbaupausen, die „Boris“-Aufführungen sonst häufig erheblich in die Länge ziehen.

Die Diskussion, ob eine Oper, die „Boris Godunow“ heißt, mit dem Tod des Zaren enden muss oder mit einer Revolution, die dieser Tod auslöst, ist alt. In der Rot-Edition stellt sie sich nicht. Gleichwohl hätte das Revolutionsbild – insbesondere mit dem hier großartig singenden, von Raymond Hughes einstudierten Chor – für einen besonderen Höhepunkt des Opernabends gesorgt und obendrein Dimitrij auf seinem Weg zum Zarenthron gezeigt. In Berlin endet die Handlung mit einer stummen, hinzuerfundenen Szene, dem Mord Dimitrijs an Fjodor.

Den heldisch auftrumpfenden Tenor Robert Watson als Grigorij Otrepjew hätte man gerne ebenfalls in den zentralen Polen-Akten und auf der Waldlichtung bei Kromy (dem 2. Bild des 4. Aktes des „Original-Boris“ von 1872) erlebt.

Klanglich umrahmt vom trefflich singenden Kinderchor (Einstudierung: Christian Lindhorst), bietet auch der Tenor Matthew Newlin als Gottesnarr eine überaus erfreuliche Leistung, wohingegen Burkhard Ulrich in der Charaktertenor-Partie des intriganten Bojaren Wassili Schuiskij gesanglich vergleichsweise blass bleibt.

So obsiegen an der Deutschen Oper Berlin die Bässe. Alexei Botnarciuc als Waarlam und Jörg Schörner – mit virtuos als Kastagnetten bedienten Löffeln zum Trinklied seines Saufkumpans – als Missail, sowie der – jenseits einer psychologischen Deutung des klerikalen Drahtziehers – klangschön singende Ante Jerkunica als Pimen. In der Titelpartie überzeugt Ain Anger stimmlich kraftvoll und mit Nuancenreichtum.

Mit dem sauber intonierenden Orchester der Deutschen Oper Berlin stellt Kirill Karabits die orchestrale Kraft und bewusst herbe Farbigkeit der Urfassung unter Beweis, – jenseits jener Vorlieben anderer Dirigenten für die später wiederholt, orchestral besonders raffiniert von Nikolai Rimskij-Korsakov, bearbeitete Partitur.

Szenische Reduktion und opulente Kostüme sind offenbar ein probates Mittel für das Stammpublikum der Deutschen Oper Berlin; die Premiere wurde ohne jeglichen Widerspruch goutiert. Insbesondere der Chor und die Solisten, wie auch der russische Gastdirigent ernteten viele Bravorufe des merklich mit russischen Besuchern untersetzten Publikums. Der Regisseur war nicht anwesend.

  • Weitere Aufführungen: 23. und 27. Juni, 1., 4., und 7. Juli 2017.

Sehr geehrter

Sehr geehrter Herr Pachl,

Vielen Dank für Ihre Rezension. Ein kleiner Hinweis: Kirill Karabits ist kein Russe, sondern kommt aus der Ukraine. Mit freundlichen Grüßen aus Weimar!


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