Brutalismus aus US-Sicht – Frankfurts „Tamerlano“ kann nur gesanglich beeindrucken


(nmz) -
Innovation kommt ja oft „von außen“. In der Theatergeschichte finden sich zahlreiche Beispiele, wie die Off-Szene in die etablierten Häuser hineingewirkt hat und oft sogar selber zum Main-Stream wurde. Frankfurts Oper holte nun aus New York einen Händel-Fan, der in Kunstgalerien, Hallen und Festivals inszeniert hat und aufgefallen war. Auch unser Kritiker Wolf-Dieter Peter hoffte auf neue Händel-Aspekte.
10.11.2019 - Von Wolf-Dieter Peter

Frankfurts Bockenheimer Depot ist der richtige Ort für ein chorloses Sechs-Personen-Werk wie Händels 1724 uraufgeführten „Tamerlano“. Der die Münchner Händel-Blüte wesentliche mitprägende Bühnenbildner Paul Steinberg baute um die Publikumstribüne ein weißes Raumgeviert als Einheitsbühnenbild. Ein paar gepolsterte Sitzbänke stehen ungeordnet herum und bilden später einen Sitzrand an zwei Wänden. Am Boden liegen Knalltüten und Konfetti. Haupteindruck macht jedoch ein Maschendrahtkäfig mit den schon beleuchteten Notenpulten für fast dreißig Musiker.

Der junge R. B. Schlather brachte nun als Hauptidee mit, dass der historisch blutrünstige Tamerlano als Mischung hereintänzelt: Rodeo-Show-Cowboy gemixt mit befehlsgewohnten „Redneck“-Brutalo in der Maske von Groucho Marx. Er sperrt den Käfig auf und wie ein Millionen-schwerer amerikanischer Kultur-Sponsor lässt er die Musiker dort Platz nehmen und sperrt ab - das animiert noch zu viel Assoziationen: von Musik als geschütztes Kulturgut in den USA bis zu Kultur-Hofhaltung von US-Sponsoren wie Adelshöfe einst zu Händels Zeiten in Europa. Dann treten Tamerlanos Hauptgegner Bajazet im grauen Anzug, seine Tochter Asteria im grauen Hoodie und der gefangene Prinz Andronico in Designer-Jeans auf, alle tragen mit Klebeband fixierte Nummern wie in einem künftigen Überwachungsstaat, nur Königin Irene nicht, die im silbernen Glitzer-Bodysuit kaugummikauend gute Figur macht. Doch der Ansatz wird nicht fortgeführt. Im Verlauf der drei Akte bis zum breit angelegten Selbstmord Bajazets, mit dem er Tamerlano endgültig erschüttert und besänftigt, ist Schlather außer ein paar teils passenden, teils befremdlichen Kostümwechseln eingefallen, auch die Seitengänge und einen Sitzplatz mitten in der Tribüne zu bespielen – das mag in der US-Opernszene innovativ sein, hier wirkte es schlicht, denn ansonsten gab es nur mal gute, mal banale Personenführung. Auch deshalb wurden die drei Stunden Musik lang…

Das war jedoch hauptsächlich Dirigent Karten Januschke anzulasten. Zwar signalisierte er mit gelegentlichen Handkantenschlägen etwas – nur kam außer breitem, zu rundem Klang eher nur viel schöne Musik, viele Ritartandi, zu wenig gestrichene Wiederholungen, zu wenig von den wilden Emotionen und Abgründen der Partitur… auch er ließ den Abend lang wirken.

Nicht die sechs Solisten: Der neu engagierte Liviu Holender besaß als Diener Leone im blauen Arbeitskittel gute Baritonkontur. Hätte Tamerlano nach etlichen Beleidigungen nicht doch die Irene von Cecelia Hall mit ihren schönen Mezzo-Tönen genommen, dann…! Der Andronico des farbigen Counterntenors Brennan Hall war eine sportiv-muskulöse Augenweide und sang neben staunenswerten Koloraturen mit der geliebten Asteria von Elisabeth Reiter auch ein zu Herzen gehendes „Vivo in te“ – wobei Reiter zuvor glaubhaft den Furor des geplanten Tamerlano-Mordes gestaltet hatte. Yves Saelens besaß gesanglich alles, um Bajazet – Händels Innovation, den Tenorhelden sterben zu lassen - zur eigentlichen Hauptfigur zu machen, wenn der Regie mehr eingefallen wäre. Counter-Star Lawrence Zazzo genoss als Tamerlano sichtlich, sich wie ein Rambo-Trump-el aufzuführen, sang brillant und agierte mit Alu-Baseball-Schläger überzeugend. Aber auch dadurch wurde der Abend nicht zur politischen Musiktheater-Attacke auf das, was Macht bis heute aus Menschen macht.

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