Cervantes für Gitarrenfreaks: Helmut Oehrings „Quixote oder die Porzellanlanze“


(nmz) -
Würde man mich fragen, wie ich in einem Wort die Essenz einer Aufführung von einem beliebigen Werk des Komponisten Helmut Oehring zusammenfassen würde, so käme mit Sicherheit das Wort „anders“ heraus. Das nicht wertende Adjektiv trifft zu, da es gleichzeitig die Abgrenzung vom Bekannten als auch die Unmöglichkeit einer eindeutigen Beschreibung oder Analyse definiert.
30.11.2008 - Von Alexander Keuk

Stiloffenheit und eine nicht selten harte Konfrontation verschiedener Theater-, Musik- und Kunstformen in einem einzigen Stück erweisen sich demnach auch als Konstanten in Oehrings Werkkatalog. Freude macht ein solches Konglomerat dann, wenn aus den Zutaten innerhalb der komponierten Ordnung ein neues Kunstwerk entsteht, und sich mehrere, möglicherweise nur konträr scheinende Ebenen sinnhaft verbinden. Im schlimmsten Fall kann eine Vermischung, Auflösung oder Negierung der Künste in einem einzigen Theaterabend aber auch zur hoffnungslosen Überforderung der Sinne führen. Helmut Oehrings neues Musiktheater „Quixote oder die Porzellanlanze“, das am 27.11. als Produktion des Europäischen Zentrums der Künste Hellerau in Dresden uraufgeführt wurde, geht dieser Gefahr durch eine kluge Erzählstruktur und behutsamer Auspendelung zwischen visuellen (Hagen Klennert/Video) und musikalischen Reizen aus dem Weg, doch mit Cervantes alleine läßt sich für Oehring offenbar noch kein Musiktheater machen.

Der Schriftsteller Peter Weiss wird parallel zu Quixote auf die Reise geschickt, wenngleich Weiss’ Vorlage, die berühmte „Ästhetik des Widerstands“ weitaus andere Vor- und Umgebungszeichen als die des Ritters der traurigen Gestalt besitzt. Oehring meint, die beiden "hätten sich sicher viel zu sagen" und pendelt im Stück munter zwischen 1590 und 1937 hin und her. Doch indem Oehring Cervantes bemüht, wird er Weiss nicht gerecht, und indem er Weiss bemüht, wird er Cervantes ebenso wenig gerecht. Letzteres erscheint fataler, denn „Don Quixote“ lässt sich keinesfalls auf die Dostojewski-Aussage, es sei das „traurigste Buch der Weltliteratur“ reduzieren. So unterschlagen Oehring und die Regisseurin Stefanie Wördemann Ironie und Witz, aber auch Sprachgewalt und universale Aussagekraft des Romans. Bearbeitet Matthias Bauer als Quixote einmal nicht den Kontrabass (der hoffentlich weder das treue Pferd Rosinante noch den Sancho Pansa ersetzen sollte), so rezitiert er lediglich einige Textausschnitte - seine Stimme pendelt dann irgendwo zwischen sachlicher Information und mitleidheischender Traurigkeit, zum Theater wird sie nie.

Ein Bühnenbild findet nicht statt, die Performerin Maria Lucchese darf zweimal Rad fahren und einmal am virtuellen Abgrund balancieren, ansonsten rezitiert auch sie brav aus dem Textbuch von Helmut Oehring und Torsten Ottersberg. Die Trennung zwischen Improvisation, Performance, Komposition und Regiearbeit ist in diesem „Quixote“ schwer zu ziehen. Herumlaufen, einen Gegenstand halten oder übergeben, das sind die sichtbaren Hauptaktionen, für die man in der Oper Regisseuren sofort kündigen würde.

Im Oehringschen Musiktheater (laut eigener Angabe eine „RequiemImproPunkFilmTanzElektroTheaterPolitMusik“) gilt aber das Hauptaugenmerk der Musik: die ist diesmal auf jeden Fall etwas für Gitarrenfreaks, der kompositorische Anteil Oehrings an den durchaus rockenden Soloperformances der Gitarristen Jörg Wilkendorf und Daniel Göritz dürfte aber eher gering sein. Oehring, der mit solchen Stücken auch die Existenz des Kunstwerks und der Autorenschaft selbst befragt, tritt in seinem neuen Werk mehr als spiritus rector in Erscheinung, fasst revueartig die einzelnen Kapitel zusammen ohne dass eine besondere Ausdruckskraft oder zwingende Entwicklung spürbar wird. Es könnte so gewesen sein mit Weiss und Cervantes, aber vielleicht war es auch anders. Oehrings musikalischen Widmungen an Jimi Hendrix oder Bob Dylan oder Hardrock-Anleihen an formal „richtiger“ Stelle (Krieg und Kampf muss ja immer „laut und brutal“ klingen) überzeugte im Gesamtzusammenhang ebensowenig wie das als Performance seltsam antiquiert wirkende Monodram des Kontrabassisten-Quixote am Ende des Werkes. Quixote war ein Abenteurer, aber auf Droge war er ganz sicher nicht.

Matthias Bauer und Maria Lucchese in Helmut Oehrings "Quixote oder die Porzellanlanze". Foto: Matthias Creutziger

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