„Das Kunstwerk der Zukunft” – Schicksalsnetz aus Klebeband im Operncafé Halle


(nmz) -
Das neue Team an der Oper Halle machte sich im urban auffrisierten Operncafé an Ausgabe Eins ihrer Inszenierungsreihe „Das Kunstwerk der Zukunft“. Als „Ausgangspunkt einer musiktheatralen Expedition in die ideologische Antike und die Zukunft des Musiktheaters“ war das angekündigt: Lecture-Performance, Happening, Collage. Manche Anwesende sahen sich enttäuscht, dass diese neuartige Gesamtkunstposse (oder wie nennt man das treffend?) nicht auf der Raumbühne HETEROTOPIA im großen Haus stattfand. Dabei ist der Dialog zwischen den Sparten und mit dem Publikum in diesem kleineren Rahmen noch dichter.
07.10.2016 - Von Roland H. Dippel

Die vom Berliner Scheunenviertel an die Hallenser Silberhöhe gelieferten Spielmuster gehören zum Bildungsreservoir der „postavantgardistischen Performance-Methodik“. Unter Michael V. zur Mühlens Anleitungen tanzte das Ensemble erst mit Worten auf Texttrümmern aus Marx‘ „Kapital“ und Wagners theoretischen Schriften, dann mit ihren Körpern. Die Größendimension des Aufführungsformats hypertrophierte in der Lust an der Vorbereitung. Geboten wurde echt viel.

Wer vom gelisteten Leitungsteam – Intendant Florian Lutz, Katja Czellnik u. a. – was arrangierte, war da unwesentlich: Erst die Fragmentierung von Personen und Bildungssplittern, dann die Defragmentierung. Techno, Rheingold, Daseinszweifel. Da erreicht René Polleschs Denken endlich das System Musiktheater. Hier in der Performance-Kantine wird kein Opernhaus gesprengt (wie von Pierre Boulez anno dazumal gefordert), sondern Sinn mit List hinterfragt. Letztlich auch mit Liebe, das ist das einzige Altmodische. Die vermeintliche Respektlosigkeit hat seit Nestroys Tannhäuser-Parodie, Dada, Grand Guignol und Offenbachiade eine eigene Tradition.   

Wie schon im „Fliegenden Holländer“ wird viel mit der Kamera herumgewackelt und so mancherlei Halbwitziges, Halbschlüpfriges und Halbgares für die Livescreens zugerichtet. So eine abgefilmte Künstlergarderobe mit Fummelei und Kunstgequatsche taugt doch fast besser zum Spiegel der Welt als die große Bühne. Der halbe Man Strip mit vollem Intelligenz-Appeal ist auch ganz ansehnlich und zeugt mit der folgenden Gründerzeit-Travestie von Feuilleton-Ambition. Die Kostümierung lässt eher auf Cosima W. schließen, die Attitude eher auf Clara S..

Hübsch die Nornen-Szene mit synthetischem Blubbern darunter – drei blonde Damen in Schwarz (sind das Anke Berndt, Ines Lex und Erika Roos…?) wirken das Schicksalsnetz aus braunen Klebesteifen über den Köpfen der Zuschauer. Einen Prolog mit Ansagen zum Onanie-Verhalten von Arbeitslosen und Hausfrauen gibt es auch, wie eine Umleitungsspur zur Götterdämmerung. Raummeister Thomas Goerge, Chefdramaturg Veit Güssow und Musiknerd Johannes Kreidler türmen das zum mit Metaphern des Alltäglichen gepuderten Happening.

Die Box mit Cola-Spaghetti-Lakritz wandert von Tisch zu Tisch und weitere Überraschungen folgen. Das junge Paar mit starr und bühnenreif abweisenden Blicken gegenüber outet sich am Ende doch nicht als von den Bühnen Halle engagierte Entrüstungsanimateure. Also falsch gedacht. Noch zeigt das Publikum nur ein bisschen an interaktiver Frohnatur – der Austausch mit meinem Begleiter in gedämpftem Mezzopiano erntet von anwesenden Künstlern ermunternde Gesten, von anderen aber pikierte Blicke.

Immer wieder schön ist auch das Herunterkrächzen von hochgeistigen Satzschlangen mit rauer Pumuckl-Stimme. Eine Schwarzweiß-Kopie von Jörg Immendorffs Gemälde „Wo stehst du mit deiner Kunst, Kollege?", dieses ironische Bewusstmachungsfanal aus dem letzten Jahrhundert, wird von einer Teilgruppe des blonden Frauen-Kollektivs mit Seufzen und Ächzen über Frisuren, Flirt und Frust ins obere Foyer gehievt. So gipfelt die flotte Session im Exodus aller aus der trauten Heimstatt, die das Hallenser Operncafé für Trendhyänen, Hipster, Nerds, Zivilisationsnomaden und die ganze Opernbesatzung sein soll. Christophs Ernsts Raumkonzept setzt das Vor- und Nachwende-Mobiliar dort weitaus einladender in Szene als es das in der Wartesaal-Atmo der Vorzeit jemals sein durfte.

Das war’s für Ausgabe Eins – und eine Kunst war’s auch, dass das Operncafé bei der Rückkehr aussah wie früh um fünfe nach einer flotten Sause. Schon bilden sich erste Fan-Gruppen unter den Hallenser Traditionalisten. Gefallen wird das sicher allen, denen Goethes Wort von den „sehr ernsten Scherzen“ zu Existentiellem wie Faust, Mephi und Tasso etwas bedeutet.

  • Ausgabe Eins nochmal am 11. Oktober, Ausgabe Zwei folgt am 1. und 8. November.

Zur Veranstaltung kam es ohne Abendbesetzung und Detailinformationen zu Missverständnissen. Bei Ausgabe 1 wirkten mit: Anke Berndt, Ines Lex, Isabelle Rejall, Hagen Ritschel, Kay Stromberg, Stefan Paul, Vincent Stefan. Künstl. Projektleitung u. Regie: Michael v. zur Mühlen; Raumkonzept: Christoph Ernst; Musikalische Leitung: Stefan Paul; Kamera: Vincent Stefan

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