Das Musical zum Film zum Märchen: „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ auf der Felsenbühne Rathen


(nmz) -
Aus Büchern, die Kult geworden sind, fertigen findige Köpfe Theaterstücke, um den Kult auf der Bühne und dann möglichst auch auf Leinwand und/oder Bildschirm nachzukochen. Aber kann man aus einem Kultfilm – zumal, wenn er auf einem Märchen basiert – ein erfolgreiches Musical zaubern? Man kann. Sogar unter freiem Himmel.
26.06.2013 - Von Michael Ernst

Wenn ein neues Musical Erfolg haben soll, werden meist allerlei Sinnlosigkeiten aufgefahren – ein vom Fernsehen her bekannter Regisseur, ein aus der Regenbogenpresse populärer Star, eine brachiale Marketingmaschinerie, die fernöstlich produzierten Tinnef zu astronomischen Preisen unters Volk bringen soll, um aus dem eigentlichen Theaterstück ein Gesamtkunstwerk zu fabrizieren, das einzig und allein dem Kommerz und der Rendite zu dienen hat.

Nicht so in Sachsen (von den unsäglichen Dresdner Zwingerfestspielen mit der „Mätresse des Königs“ einmal abgesehen, wo Dieter Wedel 2011 genau diese Klischees mit Klamauk erfüllt hatte), nicht so bei den mit öffentlichen Mitteln subventionierten Landesbühnen des Freistaats. Die bespielen neben ihrem Stammhaus in Radebeul zahlreiche kleinere Häuser in der Fläche des Bundeslandes sowie allsommerlich die Felsenbühne in Rathen. Ein traditionsreiches Ausflugsziel inmitten der Sächsischen Schweiz, das erst kürzlich wieder unerreichbar schien. Doch allen Hochwassern und Unwettern zum Trotz gab es Ende Juni die Premiere einer Uraufführung, die den Filmklassiker „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ als Open-Air-Musical adaptierte.

Zum Premieren-Wochenende lag das Märchenland im schönsten Sonnenschein, erwartungsvoll strömte zahlreiches Publikum zur Naturbühne inmitten von Sandstein und Wald. Schon auf dem Hinweg vom Elbtal wimmelte es von verlorenen Schuhen. Ausschließlich Damenschuhe, Einzelstücke in Mattgold. An Laternen und Masten, Wänden und Zäunen waren sie kein Zeugnis der Flut, sondern wiesen den Weg zur Musical-Premiere vom Aschenbrödel, das bekanntlich kein Tausendfüßler gewesen ist. Symbolische Einstimmung auf das Wagnis dieser Uraufführung frei nach dem gleichnamigen Film, der – je nach Sozialisation des Publikums – Kultstatus hat.

1973 als Gemeinschaftsproduktion von ČSSR und DDR herausgekommen, dürfte der Märchenfilm mehrere Generationen geprägt haben. Mehr als an den Überlieferungen der Brüder Grimm oder von Ludwig Bechstein muss sich jedes neue Herangehen an diesen Stoff also am filmischen Produkt messen lassen, das seit zehn Jahren auch als DVD vorliegt.

Die Produktion der Landesbühnen Sachsen – inszeniert von ihrem Intendanten Manuel Schöbel – orientiert sich ganz bewusst an dieser Vorlage, zu der es im nahen Schloss Moritzburg (einst Schauplatz der Dreharbeiten) wiederholt bestens besuchte Sonderausstellungen gab. Erfolgreich wurden die Nachnutzung von Originaltitel und Filmmusik erbeten, da man sich der emotionalen (und merkantilen) Wirkungen dieser Klänge ziemlich sicher sein durfte. Ansonsten war dies Unterfangen durchaus gewagt. Regisseur Václav Vorlíček und Komponist Karel Svoboda hatten seinerzeit ebenso Maßstäbe gesetzt wie die Hauptdarsteller des Films aus den Siebzigern. Denn wer sollte beispielsweise die mit ihren damals zwanzig Jahren betörende Libuše Šafránková auch nur annähernd ersetzen können? Und wer den inzwischen 82-jährigen Rolf Hoppe als König (von dem es immerhin ein märchenhaftes Grußwort gab)?

Manuel Schöbel und das Ensemble der Landesbühnen haben es gewagt, das filmische Märchen auf die Felsenbühne Rathen zu setzen, ohne den Klassiker eins zu eins kopieren zu wollen. Dennoch finden sich die wesentlichen Stationen aus der Filmvorlage auch open air wieder. Andeutungen wie ein Taubenschlag oder ein überdimensionales Wasserrad genügen, schon steht der Gutshof von Aschenbrödel und ihrer herrschsüchtigen Stiefmutter. Bewegte Bäumchen nebst allerlei Getier zaubern Waldatmosphäre, um die Jagdszenen gut zu bebildern, schmale Türmchen bieten Eindrücke vom Moritzburger Jagdschloss. Opulenz ergibt sich im Bühnenbild aus dem Gesamteindruck, ansonsten herrscht durchaus ein sichtbarer Sinn für Sparsamkeit vor. Allerdings sorgen die sichtlich mit Liebe zum Detail erarbeiteten Kostüme für einen prachtvollen Eindruck. Die Ausstatter Barbara und Klaus Noack haben ganze Arbeit geleistet und ernteten für manche Verwandlungsszenen spontanen Applaus.

Großen Beifall auch für die Titelheldin, die sowohl im aschfarbenen Gewand als auch in Jagd- und Ballkleidern eine gute Figur macht. Ihr schlagen natürlich die meisten Sympathien entgegen, steht sie doch für das Gute im Märchen, für die Liebe im Leben. Sandra Maria Huimann spielt, spricht und singt hinreißend, ist auch auf dem Rücken von Nikolaus, einem Schmuckstück von Schimmel, ein liebenswert lebendiges Aschenbrödel. Dramaturgisch und mimisch überzeugend gelöst wurde, dass sie sich nie über die bösartige Stiefmutter und deren dümmlich gemeine Tochter Dorchen erhebt, sondern sich angstfrei mutig und selbstbewusst gibt. Das fiese Frauenpaar ist von Julia Vincze (Stiefmutter) und Cordula Hanns (Dorchen) kaum überzeichnet worden, sondern wird einfach nur rücksichtslos rechthaberisch dargestellt. Unter diesen Schikanen hat der gesamte Hof zu leiden – und die Erlösung in Form eines Traumprinzen lässt lang auf sich warten. Denn der will gar nicht heiraten, sondern geht lieber im Wald jagen und treibt sich mit seinen Knappen herum. Das elterliche Königspaar sucht vergebens, ihn an die Frau zu bringen. Das schafft erst der unerwartete Auftritt Aschenbrödels beim Ball.

Königin und König sind da schon nah am Verzweifeln, was vom Anke Teickner und Tom Hantschel reichlich handfest umgesetzt wird. Die beiden führen zudem als Prinzipalin und Prinzipal durch die Geschichte des Märchens, geben sich da ziemlich wandelbar. Ihr Sohn aber macht die wohl größte Umkehr durch, vom verwöhnten Draufgänger hin zum verliebten Thronfolger zeigt Michael Berndt in dieser Partie ein gut austariertes Spektrum zwischen adligem Einfaltspinsel und adoleszentem Revoluzzer.

Auch zahlreiche kleinere Rollen – von Knecht Vincent, den Mario Kahl als väterlichen Freund Aschenbrödels mimt, bis hin zu den Knappen und dem leidgeprüften Kammerherrn (Holger Kahl trägt auf Pferderücken kleine Kabinettstückchen aus), von Sarah Bauer als Eule Rosalie bis hin zum Hof- und Küchenpersonal – sind mit ebenso engagierten wie spielfreudigen Ensemblemitgliedern und Theaterakademisten besetzt.

Kein Wunder also, wenn das gesamte Publikum höchst angetan ist von dieser märchenhaften Umsetzung des Filmklassikers als Musical. Dessen Buchvorlage stammt von Katrin Lande, wirkt stringent in allen Szenen, die schmissigen Liedtexte schrieb Edith Jeske, in der Musik von Thomas Zaufke finden sich erwähnte Ohrwürmer der Vorlage wieder, ohne dass er auf eine eigene Handschrift verzichtet hätte. Spaß und Spannung klingen da ebenso mit durch wie süßliches Sentiment.

„Aschenbrödel“ wird nun den Sommer über mehr als zwei Dutzend Mal aufgeführt, es gibt wechselnd eine Schauspiel- und eine Musiktheaterbesetzung (deren Premiere folgt am 30. Juni). Schon jetzt wurde deutlich bewiesen, dass sich die Leute vom Sprechtheater mit ihren musikalischen Leistungen überhaupt nicht verstecken müssen.

Und zu den güldenen Schuhen auf den Wegen zur Spielstätte passte es gut, dass hier kein Griff in die elterlichen Portemonnaies getan wird, indem mit kommerziellem Schnickschnack Kinder geködert werden, sich statt dessen aber das regionale Handwerk mit eingebracht hat. Konditoren steuern aber leckere Aschenbrödel-Brote, Kolatschen und Kleingebäck mit dem Stücktitel bei. So konnte man sich die drei Haselnüsse auch auf der Zunge zergehen lassen und Aschenbrödel als Augenweide genießen.

Weitere Termine: 29., 30.6., 7.,8., 26., 27., 28., 30., 31.7.

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