Das Prinzip Cardillac: Der infantile Künstler ist egoman bis zum Mord


(nmz) -
Dresdens Semperoper betreibt Wiedergutmachung. Das allzu oft als museal verschrieene Haus hat inzwischen einige Neu- und Wiederentdeckungen in seinem Programm, bei denen schon die Vorankündigung Lust und Freude geweckt haben. Othmar Schoecks „Penthesilea“ gab in der vorigen Saison einen in der Inszenierung von Günter Krämer mit Iris Vermillion in der Titelpartie höchst gelungenen Vorgeschmack auf ein Wiedersehen mit Paul Hindemiths Oper „Cardillac“ am Ort ihrer Uraufführung.
17.03.2009 - Von Michael Ernst

Die hat Regisseur Philipp Himmelmann nun in der Ursprungsfassung von 1926 in Dresden herausgebracht, übrigens zum ersten Mal seit dem von Publikum und Presse eher abgelehnten und somit nach wenigen Aufführungen rasch wieder abgesetzten Opernerstling Hindemiths.

Respekt gilt nicht nur dem Bemühen, diesen expressionistischen Dreiakter um eine eher schwarz-romantische Novelle von E.T.A. Hoffmann wiederzubeleben, sondern sich mit der gewählten Fassung auch einer Verfügung des Komponisten zu widersetzen. Der ist seinem „Cardillac“ 1948 in Venedig wiederbegegnet und muss schwer enttäuscht gewesen sein, hat das Ganze überarbeitet und verlangte, fortan nur mehr die 1952 in Zürich herausgekommene Version aufzuführen. Im Grunde handelt es sich da aber um zwei verschiedene Werke, also sollte es nur recht und billig sein, auch die kantigere Urschrift immer mal wieder erklingen zu lassen. Wiedergutmachung hat sie auch ganz speziell verdient, galt sie doch über „Tausend Jahre“ als „entartet“.

Im Dresden von heute hat sich Generalmusikdirektor Fabio Luisi dieser Aufgabe angenommen und die Sächsische Staatskapelle nahezu aufnahmereif durch die Klippen der Partitur, aber ebenso über lyrische Passagen gesteuert. Mit einem sehr dominanten Orchesterklang hat er es freilich manchem Solisten schwer gemacht, sich Gehör zu verschaffen. Für den exzellent einstudierten Chor gab es derlei Probleme nicht, auch nicht für Markus Marquardt in der Titelpartie des Cardillac. Ausschließlich ihr wird ein konkreter Name zuteil, der Rest der Besetzung bleibt eher entindividualisiert als Tochter, Offizier, Goldhändler, Kavalier, Dame und Führer bezeichnet.

Cardillac ist nicht irgendein Goldschmied, er ist der ungekrönte Künstlerkönig unter den Juwelieren von Paris. Das wissen die Liebhaber seiner Kunst, das wissen auch jene, die sich derlei Pretiosen nie werden leisten können. Ein besonderer Ruch umweht ihn, da seinem Schaffen eine Blutspur folgt. Alle Erwerber von Cardillacs Schmuckwerk leben nach dem Kauf nicht mehr lang, werden – selbstredend ohne den Schmuck – ermordet aufgefunden. Dass es nicht ein minderbemittelter Liebhaber ist, dem es nach den teuren Unikaten dürstet, sondern der begnadete Juwelier höchstpersönlich, ahnt niemand. Er selbst wird es dem entrüsteten Volk von Paris gestehen, quasi ein tödlicher Rückzug ins Offene, nachdem ein weiterer Mord, ausgerechnet am künftigen Schwiegersohn, der für Cardillacs Tochter Brautschmuck erwarb, gescheitert ist. Ein anderes Paar ist mitten im Liebesakt, dessen Lust nicht zuletzt dank goldigen Gaben sichtbar angestachelt worden ist, erstochen worden. Für die Rückholung seiner Künste schlüpft Cardillac in Monsterkluft, was einerseits natürlich an „Jekyll & Hyde“, andererseits deutlich an Heath Ledger erinnert. Der geoutete Held wird auf offener Szene gelyncht und klammert bis zuletzt nicht etwa an der Tochter, seinem „Besitz“, sondern am Gold, der „Seele meiner Seele“. Und schon rasch stilisiert die Masse den Ausnahmemenschen zum Heroen.

Mehr als genug Stoff also, die eineinhalb Stunden spannend zu inszenieren. Sollte man meinen. Spannend und faszinierend bleibt, was aus dem Graben und von der Bühne ins Ohr geht, eindrucksvoll auch die Chorkostümierung mit gewaltigen Vermeer-Abbildern. Dessen „Dame mit dem Perlenohrring“ passt ja auch, irgendwie. Sagt aber ebensowenig wie die teils unmotivierte Choreografie über Verführbarkeit von  Massen aus, schon gar nichts zum erotischen Machtrausch des in seinem Schaffen zerrissenen Künstlers. Die damit eng verbundenen Fragen der Moral von Außenseitern erschließen sich nur im sachlich spröden Text, den Librettist Ferdinand Lion verfasste.

Himmelmann hat gemeinsam mit Bühnenbildner Johannes Leiacker, dem ein schön spiegelndes, aber kühles Juwel gelang, und Bettina Walter, deren Kostüme nachhaltig fein fürs Auge sind, ganz klar die Ästhetik bedient, kaum aber die Psychologie. Was fehlt, ist die sichtbare Grundidee zur Wiederbelebung dieses einst verpönten Werkes. Das hinterlässt, allem Premierenjubel zum Trotz, deutliches Unbehagen.

Der kraftvolle Bariton von Markus Marquardt, die enorme Leistung von Evelyn Herlitzius, die sie in ihrer leider allzu kurzen Szene als Dame beweist, tilgen diesen Eindruck nicht. Auch nicht das exzentrische Wesen der Tochter (Anne Gabler), nicht der biedermännische Goldhändler (Michael Eder), der Gaddafi-Verschnitt Matthias Hennebergs als Führer oder die Typisierungen von Rainer Trost als Kavalier und Oliver Ringelhahn als Offizier. Musikalisch allesamt ohne Makel, was anderes dürfte sich die Semperoper auch gar nicht leisten. So schwingt dieser Produktion vor allem der frühe Hindemith-Klang nach und bleibt die Vorfreude auf mehr Moderne-Fortune, wenn Dresden sich im Juni an Hans Werner Henzes „L’Upupa“ wagt.

Nächste Aufführungen:
18., 21. und 23.3.2009, dann erst wieder 19., 22. und 24.2.2010

 

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