Den Verhältnissen auf den Zahn gefühlt – Neues Musiktheater von und mit Peter Eötvös an der Frankfurter Oper


(nmz) -
Eine Reiseoper für das Ensemble Modern. Schon lang bestand der Wunsch. Jetzt, im dritten Anlauf, hat es geklappt. Zum Erfolgsstück von Erfolgsautor Roland Schimmelpfennig hat Wunschkomponist Peter Eötvös eine Musik­theater-Adaption des „Goldenen Drachen“ geliefert. Klein, kompakt, schnell, schrill, mit einem apotheotischen Ende. Sechzehn Musiker, fünf Sänger für achtzehn Rollen. Eine Aufgabe. Vor allem für künftige Regiekünstler, die zu sortieren vermögen und Distanz wahren.
01.07.2014 - Von Georg Beck

Winzig soll sie sein, eng soll es zugehen in der Küche des „China-Vietnam-Thai-Schnellrestaurant“. Also hat Elisabeth Stöppler die Räume auch eng gemacht, hat sich von Hermann Feuchter die Bühne mit Requisiten und Wohlstandsgerümpel voll stellen lassen. Was allerdings erst einmal Probleme schafft und vorderhand keine löst. Vor allem nicht für die fünf Darsteller, die zuzüglich zum Stress eines permanenten Rollenwechsels, abenteuerlich anzusehende Hindernisläufe zu absolvieren haben. Und dann ist da zum anderen eben auch noch ein Publikum, das geraume Zeit damit beschäftigt ist, zu sortieren: Wer ist wer? Inklusive der Gretchenfrage: Was ist was? Denn die letal ausgehende Zahnoperation der vier Imbiss-Köche am fünften Koch, dem Neuen, dem Kleinen, dem, der eigentlich nur seine Schwester sucht – dieser hilflose Hilfsdienst mit der Rohrzange ist ja doch Reflex, will Schimmelpfennig sagen. In diesem Fall auf das Elend prekärer Beschäftigungsverhältnisse mit Migrationshintergrund. Andererseits ganz stark, am eiternden Zahn die Schattenseite der Globalisierung bloß legen.

Über solcherart harten ökonomischen Kern hinweg zu inszenieren, wie in Frankfurt geschehen, führt zwangsläufig in die Klamotte. Ohne Not stürzt sich die Regie in die Verkleidung, lässt die Sänger-Herren Hans-Jürgen Lazar und Holger Falk wie in Wilders „Some like it hot“ als grotesk aufgetakelte Stewardessen auftreten, womit die von Schimmelpfennig wie von Eötvös so geschätzte distanzierte Haltung auf der Theaterbühne, gewissermaßen das brecht’sche Moment des Ansagens, Verstellens, Vorspielens untergeht in Travestie, Hysterie, Comedy. Den frisch gezogenen, durch die Luft fliegenden, im Suppenteller der Flugbegleiterin landenden Zahn mit allen Fingern verfolgen zu lassen, hat notwendig etwas Linkisches. Fliegen kann er doch nur, weil ihn der stete Aufwind von Eötvös’ Bläsersatz trägt. Ideal besetzt mit dem Komponisten am Pult, der seinem Ensemble dank präziser Zeichengebung über alle Klippen hilft.

Apropos. Dass die Frankfurter Koproduktion aus Städtischer Oper und Ensemble Modern die dramatische Substanz des Stücks da und dort freilegt, ist vor allem den Leistungen der Darsteller zu danken. Immerhin werden im „Goldenen Drachen“ nicht nur Zähne gezogen. Es ist eine Kette der Leiden, die hier erzählt wird. Was Menschen bereit sind, anderen anzutun, zeigt der glasklare Schlüssellochblick der Autoren in die Wohnungen über dem Asiaten-Imbiss. Auch dort geht es eng zu. Vor allem menschlich. „Die Wohnung ist zu klein für drei“ dekretiert der „Mann über sechzig“, was uns Hans-Jürgen Lazar auf beklemmende Weise nahe bringt. Ein Schrei und schon ist die Liebe aufgekündigt.

Zwei Szenen weiter eine andere Parallelerzählung. Die alte Äsop-Fabel von der Grille und der Ameise kommt im Tonfall eines Sado-Folterkellers daher. Eine Schreckenszene, für die Eötvös das ganze Orchester ran nimmt. Da sind Bläser und Streicher, die sich auf Sforzato-Schlüsse zustottern und da ist irregulär tremolierendes Blech, das durch dynamische Wechselduschen flattert. Und eine Hedwig Fassbender mit weitem Registerzug zwischen großer Oper und scharfkantigem Sprechen. Die dramatischen Höhepunkte des Abends.

Die singulär bleiben in einer Inszenierung, die vor dem Ernst dieses tieftraurigen Stückes ausweicht, um die empörende Bodenlosigkeit der Verhältnissse in Klamotte zu betten, in Groteske zu überführen – damit es nicht so weh tut. Doch, das kennen wir ja: Wenn die Betäubung nachlässt, kommt der Schmerz erst richtig raus. Dann hilft auch kein Trostpflaster mehr. Eines wie es uns die Regie am Ende anbietet, unzufrieden mit dem phantastischen Realismus der Vorlage, die den Leichnam des kleinen Kochs durch alle Meere und den Gelben Fluss zurück in seine chinesische Heimat treiben lässt, wo er froh ist, „wieder zuhause zu sein“. In Frankfurt fährt die Bühne zurück. Der Goldene Drache, das Lichter-Tier, das so tapfer gewacht hat, versinkt. Zurück bleiben die Kantilenen des schmeichelnden Soprans von Kateryna Kasper im weißen Festgewand der Kun-Oper. Apotheotisches Finale. Noch einmal darf der Tod als Erlösungsversprechen in Szene gehen. Kennt man vom Kino und von Wagner.

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