Denkanstöße zur Aufarbeitung des inklusiven Flickenteppichs Deutschland


(nmz) -
Das italienische Schulsystem war in den 70er- und 80er-Jahren des letzten Jahrhunderts in vielem Vorbild für das heutige deutsche System der Inklusion. Eine halbwegs funktionierende Umsetzung eines inklusiven Unterrichts behinderter Schüler in der Regelschule blieb in der Praxis jedoch weit hinter den gesetzlichen Vorgaben zurück. Auch wenn diese Lücke heute nicht mehr so weit klafft, haftet dem italienischen System bis heute das Image an, ein bildungspolitisches Sparmodell zu sein, indem es sich vor einer differenzierten Sonderbeschulung drückt.
03.12.2019 - Von Andreas Kolb

In Deutschland stellt sich das völlig anders dar: Ein hochdifferenziertes und relativ gut ausgestattetes sonderpädagogisches Schulsystem wurde durch die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention sowie der Road Map for Arts Education (beide aus dem Jahr  2006) radikal modifiziert und reformiert. Mit Folgen, deren Auswirkungen bis heute nur in Teilen absehbar sind.

Die wissenschaftliche Aufarbeitung vielfältiger Inklusionspraxen hält mit dem Tempo der Inklusionsumsetzung kaum Schritt. Diese Lücke versucht der vorliegende, von Ina Henning, Sven Sauter und Katharina Witte herausgegebene Sammelband zu schließen. Seine Entstehung verdankt er einer gleichnamigen Tagung, die am Februar 2018 an der Pädagogischen  Hochschule Ludwigsburg im Rahmen eines Verbundprojektes Lehrerbildung PLUS stattfand. Die Herausgeberinnen sammeln und systematisieren inner- und außerschulisches Expertenwissen aus dem Feld inklusiver kultureller Bildung.

15 Autorinnen und Autoren nähern sich von Seiten der Kunst, Sonderpädagogik, Musikerziehung, Therapie und Wissenschaft dem Thema inklusiver kultureller Bildung. Vier dieser Annäherungen seien hier exemplarisch herausgegriffen. Jürgen Oberschmidt, Professor für Musikpädagogik an der PH Heidelberg, leistet mit einem „Ernüchterungsartikel“ eine wesentliche Hilfe, um als praktizierender Pädagoge die Diskrepanz zwischen verordneter Utopie und nicht immer gelingender Umsetzung auszuhalten. Anstelle von Frustration setzt er ein augenzwinkerndes Prinzip Hoffnung, das Perspektiven aufzeigt, wie Musikunterricht gestaltet werden müsste, damit Inklusion gelingen kann.

Elisabeth Braun schöpft aus ihrem immensen Erfahrungsschatz als Professorin und Kulturarbeiterin und setzt auf die Kraft des konkreten Beispiels, wenn es darum geht, Rahmenbedingungen inner- und außerschulischer Inklusion abzustecken. Für Braun ist der Weg das Ziel: Inklusion entsteht zunächst im individuellen Bemühen der einzelnen Akteure und im Erwerben inklusiver  Handlungskompetenzen am konkreten Projekt und nicht „top down“.

Irmgard Merkt, bis 2014 Professorin für Musik an der Fakultät Rehabilitationswissenschaften der TU Dortmund, spricht in ihrem Beitrag von einer „freundlichen“ Grenzziehung zwischen Musikunterricht, sonderpädagogischer Förderung und Musiktherapie: Transfereffekte können ihrer Überzeugung nach eine sinnvolle Begegnung zwischen den tradierten Systemen Schule und Therapie ermöglichen.

Die Herausgeber Ina Henning, Sven Sauter und Katharina Witte haben die Vorträge und Referate nicht nur in die Kapitel „didaktische Fragen“, „Strukturen“ und „Reflexionen“ gegliedert und durch eine Einführung erschlossen, sondern sind auch selbst mit Fachbeiträgen zu ihren Forschungsgebieten vertreten. Sie stehen für die Sparten Bewegung und Tanz, Kunst und Theater. Gerade in seiner fächer- und spartenübergreifenden Anlage kann der Sammelband dem Musikpädagogen und –vermittler sowohl Anregungen für seine Praxis geben, als auch Denkanstöße zur wissenschaftlichen Aufarbeitung des inklusiven Flickenteppichs Deutschland.

  • Ina Henning, Sven Sauter, Katharina Witte (HG.): Kreativität grenzenlos!? Inner- und außerschulische Expertisen zu inklusiver kultureller Bildung. transcript Pädagogik, ISBN 978-3837643503, € 29,99

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