Der Gang des grünen Ampelmännchens Richtung Publikum – „Lohengrin“ bei den Bayreuther Festspielen


(nmz) -
Die Stadt Bayreuth will Richard Wagner als grünes Ampelmännchen in die Verkehrsampeln setzen. Wird dieser Beschluss realisiert, so war Neo Rauch als Ausstatter des „Lohengrin“ in Bayreuth geradezu prophetisch. Denn am Ende der Oper läuft anstelle des rückverwandelten Gottfried ein grünes Männchen mit grün glühendem Zweig über die Bühne. Ein Bericht von Peter P. Pachl.
28.07.2019 - Von Peter P. Pachl

Neo Rauch hatte im Vorjahr vor der Versammlung der Gesellschaft der Freunde von Bayreuth erklärt, dieses grüne Männchen sei ihm zwölf Jahre zuvor im Traum erschienen. Im kollektiven Unbewussten stehe es für die Reinkarnation.

Im zweiten Jahr einer Bayreuther Neuinszenierung, insbesondere angesichts der Möglichkeit, auch mit finanziellen Mitteln an dem im ersten Jahr erreichten Ergebnis weiterzuarbeiten, erweist sich zumeist die Qualität einer Bühnenneudeutung.

Im ersten Jahr erschienen die im Malersaal der Leipziger Oper gemalten Monumentalbilder von Neo Rauch als wandernde Projektionen noch innovativ. Sie hatten Rätsel in den Raum gestellt, doch diese sind im zweiten Jahr gelöst und haben an Zauber verloren. So etwa die Rückansicht auf einen Gassenbühnenraum mit einem mittelalterlich kostümierten lebenden Bild als Vorlage für einen Genreszene-Maler (im zweiten Bild des zweiten Aktes) oder die der Bayreuther Wandel-Dekoration der frühen Inszenierungen des „Parsifal“ verpflichtete gleitende Dekoration der nächtlichen Szene im ersten Bild des zweiten Aktes mit dem V-Effekt nicht zu einander passender Größenverhältnisse zwischen gemalter Blaukraut-Natur, Umspannwerk und handelnden Personen.

Inszenierung: Im zweiten Jahr bereits antiquiert

Im zweiten Jahr wirkt diese Neuinszenierung bereits antiquiert, denn nun dominiert die großenteils überaus statische szenische Umsetzung von Richard Wagners Romantischer Oper. Deren Dramaturgie und Gestaltung bleibt weit hinter dem zuvor Erreichten, in den Inszenierungen von Keith Warner und insbesondere von Hans Neuenfels, zurück. Das vorherrschende Blau erinnert an Wieland Wagners aus der Musik abgeleitete Wahl dieses Farbtons, die statische Personenführung im Jahr von Wolfgang Wagners 100. Geburtstag auch an dessen Inszenierung des „Lohengrin“.

Ein Grossteil des Publikums hat es offenbar gern, wenn möglichst laut gesungen und musiziert wird und wenn gleichzeitig auf der Szene möglichst wenig passiert. Dieser Teil der Besucher kommt bei der aktuellen Bayreuther „Lohengrin“-Inszenierung voll auf seine Kosten. Da stemmt Tomasz Konietzny die Partie des Telramund im Dauer-Forte und die als Ortrud für Waltraud Meier nachgerückte Elena Pankratova versucht es ihm gleich zu tun, ihn nicht nur mit einem Kabel einzuwickeln, sondern insbesondere mit Stimmgewalt. Ebenfalls neu in diesem Sommer ist die Interpretin der Elsa – doch bevor Anna Netrebko zum Einsatz kommt, gestaltet Camilla Nylund diese Partie; sie beherrscht sie einwandfrei, ist jedoch weder die reine Magd, noch die den Künstler durch ihre Nachfragen an den Rand seiner Existenz treibende Figur, mit der Richard Wagner das Publikum der Zukunft zeichnen wollte, aber auch nicht die angstvolle Ehefrau in der offenbar von ihr erhofften weißen Ehe der Brautgemach-Szene, und schon gar nicht die – hier dem großen Strich im dritten Aufzug zum Opfer fallende –Bereitschaft, den Mann doch noch körperlich zu besitzen.

Gesanglich großartig ist der in vorangegangenen Inszenierungen darstellerisch weit mehr geforderte Georg Zeppenfeld als König Heinrich. Keine Einschränkungen für Klaus Florian Vogt mit gefüllten Piani, der Fähigkeit zu Schwelltönen, trefflicher Intonation und einwandfreier deutlicher Aussprache in der Titelpartie. Das Orchester hingegen ist auch an diesem Abend mehrfach nicht zusammen und fast durchgängig viel zu laut. Doch offenbar gerade dafür wird Christian Thielemanns Dirigat bewundert, und Lautstärke und Rohheit springen aufs Publikum über, nach dem ersten Akt bereits mit Füßetrampeln.

Keine tiefer schürfenden Ergebnisse

Leider hat der im Vorjahr eingesprungene Regisseur Yuval Sharon keine tiefer schürfenden Ergebnisse herausgearbeitet und es zumeist auf den Tableaus vivants belassen. Noch immer kommuniziert beispielsweise Lohengrin mit der im Hintergrund der Szene liegend auf eine Leiter des Hochspannwerks gequetschten Elsa, indem er frontal ins Publikum singt.

Die mit abnehmbaren Mottenflügeln bestückten Solisten, die „Verschränkung der Motten mit futuristischen Flugobjekten als Metapher“ (Rauch), der á la „Harry Potter“ in der Luft stattfindende Kampf mit kindlichen Doubles, das Alles hat ebenso wenig an Plausibilität gewonnen, wie das Zentralgebäude der Stromgesellschaft, mit dem – laut Neo Rauch  vom Tarnkappenbomber übernommenen Signet, welches obendrein das „W“ von Wagner ebenso assoziieren soll wie das der Bayreuther Porzellanfabrik Walküre. Noch immer unfreiwillig komisch, wenn sich in der Miniatur-Ausgabe des Hochspannwerks das Fenster öffnet und Elsa rahmenfüllend hier ihren Gesang an die Lüfte anstimmt.

Als möglicherweise neu ist mit aufgefallen, dass der Heerrufer des Königs (Egils Silins) im zweiten Akt vom Herrenchor zu Boden gedrückt wird und dem Spießrutenluf nur mit Mühe entkommt. Vielleicht ein Bezug auf Richard Wagners revolutionären Aktivitäten, die verhinderten, dass der steckbrieflich gesuchte Komponist im Jahre 1850 der Uraufführung seiner Oper unter Franz Liszts Leitung in Weimar beiwohnen konnte.

Lohengrin, der hier dazu auserlesen ist, der Gesellschaft neue Energie zuzuführen, befreit jedoch die Chordamen im zweiten Akt nicht von ihren Handfesseln, fesselt aber seinerseits Elsa mit einem orangefarbenem Kabel an die Kraftstromspule.

Die anschließend ganz in Orange gewandete Elsa, der Lohengrin anstelle seines Schwertes als Erinnerungsstücke für den erwarteten Heimkehrer Gottfried eine orangefarbige Notfallbox als Tornister auf den Rücken geschnallt hat, empfängt nunmehr das grüne Ampelmännchen und akzeptiert es als Bruder. Gemeinsam mit ihm schreitet sie dem Publikum entgegen, als der Vorhang fällt.

Die Arbeit von Neo Rauch und seiner Frau Rosa Loy wurde zwar nicht als „Märchen für Erwachsene“ (Rauch) vom Publikum rezipiert, aber als ein Stimmenfest, wobei zu Recht auch wieder der großartige Bayreuther Festspielchor gefeiert wurde.


  • Weitere Aufführungen: 29. Juli, 3., 7., 11., 14. und 18. August 2019.

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