Der Komponist spricht: Dieter Schnebels leichtfüßige Gänge durch „Utopien“ bei der Münchner Biennale


(nmz) -
Ein Wink mit dem Wischmob: Unterm Vorhang lugt er hervor und kehrt gleich einmal sämtliche Befürchtungen beiseite, Dieter Schnebels „Utopien“ könnten unter ihrer philosophischen Last erdrückt werden – und das Publikum mit ihnen. Stattdessen lädt der 84-jährige Komponist mit seiner Arbeit für die Münchner Biennale zu einem Spaziergang durch sein Denken und sein musikalisches Schaffen der letzten Jahrzehnte ein.
18.05.2014 - Von Juan Martin Koch

In fünf „Gänge“ hat Schnebel zusammen mit Co-Librettist Roland Quitt sein „musikalisches Kammertheater“ gegliedert. Um nichts Geringeres als die paulinische Trias Glaube – Hoffnung – Liebe geht es dabei, wobei dem Glauben und der Hoffnung auch ihre negativen Gegenstücke zur Seite gestellt werden. Weitere Elemente der Collage bilden vier „Zwischenstücke“ mit Textausschnitten von René Descartes, Thomas Morus, Joseph Conrad und anderen. Den titelgebenden Ausgangspunkt bildet der in der Einleitung zitierte Ernst Bloch. Bei ihm studierte Schnebel in Tübingen, sein „Geist der Utopie“ und sein „Prinzip Hoffnung“ prägten den evangelischen Theologen, der zeitweise als Pfarrer und Religionslehrer tätig war, ebenso stark wie die Begegnung mit dem Werk John Cages.

Es sind die Neuen Vocalsolisten Stuttgart (ohne Countertenor Daniel Gloger), die Schnebel in der Muffathalle auf die existenzielle Reise schickt. Einzeln oder gemeinsam gehen, hüpfen, tänzeln, stolpern, wanken und kriechen sie in Matthias Rebstocks Inszenierung – mit feinem Witz nimmt er die im Stück angelegten Elemente absurden Theaters auf – um einen Bühnenwürfel herum. Diesen Utopos, diesen Nicht-Ort, bespielen sie zunächst zögerlich, um die begrenzenden Vorhänge nach und nach herunterzureißen.

Das Spektrum ihrer Ausdrucksmöglichkeiten reicht dabei von der Sprechstimme über die in Schnebels „Maulwerken“ und anderen vokalen Bahnbrechern erschlossenen Lautgebiete bis hin zu ätherisch schönem Ensemblegesang, ohne dass enzyklopädische Vollständigkeit angestrebt wäre. Das kleine Instrumentalensemble spielt mit seinem unprätentiös grundierenden, von Kai Wanglers Akkordeon geprägten Material einerseits auf Weill’sche Songsphären, andererseits auf die politisch aufgeladene Musik der 1970er-Jahre an. Matthias Englers Schlagwerk entwickelt sich dabei vom rhythmisch unabhängigen Widerpart zum Pulsgeber und Klangmaler an den Malletts, Theo Nabicht erkundet mit Ausflügen von der Bassklarinette ans Saxophon kleine Freejazz-Inseln, Geigerin Yumi Onda und Cellistin Zoé Cartier vereinen sich zwischenzeitlich zu einem amourösen Duo.

Die von Schnebel angekündigten Verweise auf die Musikgeschichte (Wagner, Schubert u.a.) hat er so gut versteckt, dass sie sich – bis auf den kleinen „Freude, schöner Götterfunken“-Walzer – nicht in den Vordergrund schieben. Diese instrumentale Zurückhaltung (bis hin zu arg dürftigen Strecken) gibt dem Stück zusammen mit den vielen gesprochenen Passagen immer wieder den Charakter von Schauspielmusik. Um so prägnanter setzen sich die mehr oder weniger geschlossenen Ensemblenummern ab: Das renaissancehaft sich wiegende Lied aus Sebastian Brants „Narrenschiff“, die wankende Prozession mit „Ave Maria“ und „De Profundis“, der von den Sängern einander abwechselnd vorgetragene Ausschnitt aus Joseph Conrads Erzählung „Die Lagune“ und schließlich, gegen Ende, ein wunderbares Liebesduett: Sarah Maria Sun und Martin Nagy modifizieren mit beinahe übereinander gelegten Mündern den Stimmklang des jeweils anderen, bevor Schnebel selbst – immer wieder ist er mit Einspielern als Sprecher in badischem Predigertonfall präsent – das „Dies irae“ ankündigt, dem Sängerin Sun mit einem „Du kommst schon noch“ antwortet.

Gleichzeitig wirkt das alles wie aus der Zeit gefallen und mitunter auch ein wenig harmlos. Der Publikumsreaktion nach zu urteilen hatte man sich von diesem Alterswerk wohl doch etwas mehr erwartet. Utopisches Musiktheater hat Schnebel der Biennale damit sicher nicht beschert, auch nicht ein sein gesamtes Schaffen krönendes „Opus Summum“. Dafür aber immerhin die heiter-gelassene, höchst kurzweilige Retrospektive eines Komponisten, der niemandem mehr etwas beweisen muss. Retrospektive? Vielleicht doch nur ein Zwischenfazit, schließlich kündigt der Komponist in einer Zuspielung mit Hölderlins „Hyperion“ an: „So dacht ich. Nächstens mehr.“

Weitere Vorstellungen: 18., 19. Mai, Muffathalle, München; 29., 31. Mai, 1. Juni, Konzerthaus Berlin; 4. Juni, Theaterhaus Stuttgart

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