Der Mond ist aufgegangen …: Antonín Dvořáks „Rusalka“ als Märchenoper an der Oper Leipzig


(nmz) -
So viel Mond gibt es selten auf der Opernbühne! Aber wenn er schon so inniglich von Rusalka angesungen wird, dann darf er auch groß und funkelnd dicht überm Horizont vorüberziehen und leuchten. Kann sein, dass es Charon persönlich ist, der ihn da auf seinem Kahn befördert. Ein Pluto-Mond ist sogar nach dem mythischen Fährmann benannt. Ein bisserl merkwürdig fremd sieht der Mond schon aus mit seinen Lichtpixeln. Aber egal, denn wir sind sowieso im Es-war-einmal-Land. Da kann alles Mögliche passieren, ohne dass es einen Faktencheck überstehen muss.
05.12.2017 - Von Joachim Lange

Und wenn schon in diesem Märchen über die Nymphe, die sich in einen Prinzen verliebt, der aufs blondgelockte Langhaar unter der gezackten Krone für alle Tage genauso aussieht, wie er im Märchenbuche steht, eine leibhaftige Hexe vorkommt, dann darf auch Karin Lovelius als Jezibaba so aussehen, als würde sie den ganzen Tag nur entlaufene Kinder fettfüttern, braten und verspeisen. Und in einem Hexenhaus wohnen, das auf zwei Hühnerbeinen steht. Und geht. Und sich sogar aufrichten kann, dass den kleineren und größeren märchengeschulten Zuschauern im Saal vor Entzücken das Programmheft vom Schoss fällt, weil das allesamt aus dem russischen Märchen von der Hexe Baba Jaga kennen. Es ist eine Klasse für sich, was die Leipziger Techniker da für den Regisseur und Bühnenbildner Michiel Dijkema als Behausung für seine Jezibaba gebaut haben! Dazu kommt auch das, was Jula Reindell bei den Kostümen an Amphibischem bereithält. Der Wassermann trägt diesmal ebenso Rücken- und Schwanzflosse wie Rusalka zu Beginn, als sie noch unbeschwert im Wasser lebt und nur die Sehnsucht nach den Menschen hat. Doch als sie den Prinzen beim Baden erblickt, ist es um sie geschehen. Sie wünscht sich eine menschliche Seele und will die Liebe kennen lernen, hat aber keine Ahnung, auf was sie sich damit einlässt. 

Die Geschichte beginnt nebelumwabert und naturatmosphärisch an einem Gewässer im Irgendwo. Aus der holprig kahlen Uferlandschaft mit ihren Mini-Geysiren tauchen plötzlich drei merkwürdige Wesen auf. Magdalena Hinterdobler, Sandra Maxheimer und Sandra Fechner machen mit Spiellust aus den Waldelfen trollige Verwandte von Miss Piggy. Rosig mit riesigen Hängebrüsten, Schweineschnäuzchen und spitzen Ohren. Die Wirklichkeit von heute, wie der metzgernde Heger (Jonathan Michie) und sein Küchenjunge (quicklebendig vorwitzig: Mirjam Neururer) in ihrem tschechischen Kleinbus oder die aufgeregten Arrangeure des Festes auf dem Schoss, die mit Mikro und Equipment herumrennen, klopft immer mal in dieser Märchenlandschaft an und versucht einzubrechen. Sie hat aber letztlich keine Chance. So wenig wie Rusalka bei den Menschen. An denen kein gutes Haar gelassen wird. Wie auch, bei so einem Luder von fremder Fürstin. Katrin Göring ist aufgetakelt wie eine Kurtisane und ganz wortwörtlich mit einem Netz auf Männerfang. Sie hat bei dem recht wankelmütigen Weichei von Prinzen damit auch Erfolg, denn der hält das Schweigen seiner Liebsten, das er nicht begreift und auch nicht zu begreifen versucht, nicht lange aus. Am Ende zeigt sich (mit einem Bühnenknalleffekt von Verwandlung) die wahre Gestalt der fremden Fürstin. Hinter der großen Verführerin verbirgt ich niemand anders als eine Hexe…..

Die Bewohner der Naturwelt, die Rusalka nicht wieder aufnehmen, sind aber auch nicht besser als die Menschen. Sie geben ihr keine zweite Chance. Sie bittet nochmal die Hexe um Hilfe. Doch die verlangt das Blut des Prinzen! Doch das bringt Rusalka nicht übers Herz. Was musikalisch wie ein groß ausgemalter Liebestod im Tristan-und-Isolde-Format daher kommt ist auch hier im Grunde eine Katastrophe. Der Prinz ist mittlerweile zum Landstreicher heruntergekommen. Für ihn ist der Todeskuss, den er von Rusalka erbittet, tatsächlich eine Erlösung. Wenn sich der Vorhang senkt, legt die einsame und von Gott und der Welt verlassene Rusalka den Kopf auf die Brust des toten Prinzen. Wenn er zum Schlussapplaus wieder hochgeht, ist von ihm nur noch das Skelett zu sehen….

Das Loriot-Bonmot, dass Männer und Frauen nicht zusammenpassen, gilt offenbar noch mehr für Nymphen und Menschen. Dabei belässt es Dijkema im Grunde. Er hat die Geschichte gradlinig als Märchen erzählt. Hatte Stefan Herheim vor ein paar Jahren in Dresden (und vorher in Brüssel) hemmungslos seiner Lust zur Assoziation und Übertragung der Geschichte in die urbane, naturferne Gegenwart und den Blick in ein psychologierendes Voraus gefrönt, so zelebriert Dijkema mit ebensolcher Lust den Blick zurück. Ins Märchenhafte, Naturmächtige, nicht begreifbare Andere. 

Der Kapellmeister Christoph Gedschold schwelgt mit dem Gewandhausorchester und lässt sich auch musikalisch eher auf das zur Uraufführung (1901) gerade vergangene Jahrhundert der Romantik und Wagners ein. Er nimmt die Musik Dvořák als Echo des 19. Jahrhunderts in den böhmischen Wäldern und nicht so sehr als Vorläufer von Janacek. Er trägt immer seine Protagonisten und den von Alexander Stessin einstudierten Chor auf Händen. Das durchweg überzeugende Ensemble wird angeführt von der mädchenhaft spielenden, und anrührend lyrisch singenden Olena Tokar als Rusalka, dem besonders in der Höhe standfesten (einzigen Gast) Peter Wedd als Prinz und dem mit fundierter Eloquenz aufwartenden Toumas Pursio als Wassermann. Am Ende: einhelliger vorweihnachtlicher Jubel für alle! 

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