Dialog mit dem Publikum: Ausstellung „Bach & Beethoven“ im Bach-Museum Leipzig


(nmz) -
Die Kabinett-Ausstellung 2021 des Bach-Museums Leipzig konnte aufgrund der Pandemie nicht wie geplant am 27. März, sondern erst Mitte Mai eröffnet werden. Sie thematisiert im Beethoven-Jahr dessen künstlerische Verehrung für den Thomaskantor, vor allem aber die Entwicklung zu einem Komponisten-Kult mit paralleler Repertoire-Etablierung durch Musikverleger und Musikliteratur: Exponate und Ausstellungsparcours reihen Dokumente von Bausteinen eines bürgerlichen Musikwesens, die bis heute den internationalen Klassik-Betrieb prägen.
05.06.2020 - Von Roland H. Dippel

Kabinett-Ausstellung und persönlicher Dialog mit dem Publikum: Eigentlich kann man sich darüber freuen, dass die Pandemie solche Kommunikationsmöglichkeiten wieder in den Vordergrund rückt. Ab dem Pfingstwochenende lädt das Bach-Museum Leipzig regelmäßig freitags und sonntags zu Führungen ein. Die jeweils 30-minütigen Vorträge finden aufgrund des Infektionsschutzes im Hof des historischen Bosehauses statt und sind auf 15 Teilnehmer begrenzt. Eine telefonische Anmeldung wird empfohlen. Der große Zustrom für die Kabinett-Ausstellung des Bach-Museums, ermöglicht durch eine großzügige Förderung der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, bleibt aufgrund des abgesagten Bachfestes 2020 und der deshalb fehlenden internationalen Musiktouristen wohl aus. Trotz des magischen Teasers „Bach & Beethoven“ – und darunter Beethovens Zitat: „Wahre Kunst ist unvergänglich.“.

Erlesene Originaldokumente und eine didaktisch exzellente Darstellung von Beethovens Bach-Verehrung mit Hörstation, zu der man eigene Kopfhörer zum Hygieneschutz mitbringen soll, machen den Besuch wie in den letzten Jahren lohnend, selbst wenn das Ausstellungskonzept sich vor allem als intellektuelles Gerüst erweist. Auch der Kuratorin Henrike Rucker sind keine neue Materialien über den zweiwöchigen Besuch Beethovens in der Messestadt 1796 untergekommen. Dennoch ist das Band zwischen Beethoven und Leipzig stark, die Bezüge zwischen dem Thomaskantor Bach und den ihn verehrenden Beethoven aufschlussreich.

Im Leipziger Gewandhaus gelangten Beethovens Tripelkonzert (1808) und sein fünftes Klavierkonzert (1811) zur Uraufführung, Verbreitung erfuhren Beethovens Werke maßgeblich durch die Leipziger Verleger Breitkopf & Härtel sowie Hoffmeister und Kühnel. Paradoxerweise gelangte die erste Beethoven-Ausgabe (1888) früher zum Abschluss als die Bach-Ausgabe der Bach-Gesellschaft (1899). Schade, dass einige Stationen der frühen Leipziger Beethoven-Rezeption nicht näher dokumentiert sind, etwa die Aufführung des „Fidelio“ durch die von der im Leipziger Musikleben als Veranstalterin, Interpretin und Multiplikatorin agierende Livia Frege (1818-1891). Sie, die ein Engagement an der Berliner Hofoper zugunsten ihrer Ehe nach nur einem Jahr beendete, sang nicht nur das Sopran-Solo in der ersten Leipziger Aufführung von Bachs h-Moll-Messe (1856), sondern auch die Titelpartie in der auf Privatinitiative forcierten Aufführung von Beethovens „Fidelio“ im Uraniatheater unter der musikalischen Leitung von Albert Lortzing. Die Etablierung Beethovens ereignete sich maßgeblich in Kreisen um das Ehepaar Schumann und den Gewandhauskapellmeister Mendelssohn.

Zwei Hauptanliegen verfolgt die Kabinett-Ausstellung neben den verschwenderisch ausgebreiteten Legitimationen für den Nimbus der Musikstadt Leipzig: Sie resümiert die wachsende Bedeutung Beethovens für die Etablierung eines Repertoire-Kanons im bürgerlichen Musikwesen neben Mozart und Haydn, welche seit 1800 mit wöchentlich 1000 Exemplaren durch die in Leipzig erschienene Allgemeine Musikalische Zeitung intensiv propagiert wurde. In Hinblick auf Beethoven gehört der sonst in Leipzig eher peripher gewürdigte E. T. A. Hoffmann zu den maßgeblichen Autoren der ersten Stunde.

Das Ende der Ausstellung markiert ein Appell, Musik der Vergangenheit nicht auf dem Sockel schöner Verklärung zu entschärfen, sondern in ein verantwortliches gesellschaftliches Handeln zu integrieren. Anlass war das Interview mit Igor Levit in „Der Tagesspiegel“ vom 29. Dezember 2019, in dem der jüdische Pianist den politischen und emotionalen Einfluss der telefonischen Morddrohung an ihn vor einem Konzert in Süddeutschland und der erschütternden Mordkatastrophe in Halle auf seine Interpretationen artikuliert. „Welterbe verpflichtet.“


  • Bis 30.08.2020 / Di bis So 11–18 Uhr – Bach-Museum Leipzig / Thomaskirchhof 15/16 – www.bachmuseumleipzig.de – Eigene Kopfhörer mitbringen (Hygieneschutz)!   

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