Die Emotionen unter der Oberfläche – Frank Hilbrich inszeniert Verdis „Don Carlo“ in Bremen


(nmz) -
Vorgestern gab es im Stadttheater Bremerhaven stehende Ovationen für „Macbeth“ von Giuseppe Verdi und gestern im Theater Bremen für „Don Carlo“, die erste Inszenierung des leitenden Regisseurs des Musiktheaters Frank Hilbrich. Deutet das in diesen Zeiten auf eine neue Aktualität Verdis hin, der sich in seinem Opernwerk leidenschaftlich einsetzte für die Menschen, die an den politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen regelrecht zerschellen? Vielleicht.
20.09.2022 - Von Ute Schalz-Laurenze

Hilbrich jedenfalls ist OpernbesucherInnen, die auch die Produktionen der umliegenden Städte wie Oldenburg, Hamburg, Bremerhaven und Hannover besuchen, bekannt aus Hannover als ein Regisseur, der Kindheits- und Generationengeschichte der ProtagonistInnen in den Charakteren mitreißend, überzeugend und vor allem emotional zeigt.

So war schwer was los am Hof Philipps II., eigentlich ein mittelalterlicher Königshof, der nur so strotzt vor steifer Etikette. Der König unterdrückt die flandrischen Provinzen und wird, wie alle anderen auch, Opfer der Inquisition. Schon das Bühnenbild markierte den Rahmen: Katrin Conna hatte über die ganze Bühne von rechts nach links und von oben nach unten in mehreren Etagen eine Bibliothek gebaut, in der sich Vergangenheit und Zukunft abspielte und die immer wieder neu bestückt wurde von einem obdachlos gekleideten Mönch, der sich später als Karl V herausstellte.

Die Kostüme (Alexandre Carazzola): zeitlos, modern und auch ein bisschen historisch. Philipp in einem schicken schwarzen Mantel, Carlos im Anzug oder Hemd, Posa in Jeans und weißem Hemd mit studentischer Umhängetasche. Hilbrich treibt jede so formal angefangene Szene in verzweifelte, ängstliche, wütende, aggressive Verhalten, die immer auch körperliche Aktivitäten zur Folge haben. Mal schlägt Elisabeth auf Carlos ein, mal zeigen uns Carlo und Posa innige Umarmungen, mal treffen Betroffene weinend zusammen, mal darf auch ein gnadenloser Realismus sich Raum machen, wenn durch die Inquisition den zum Feuertod Verurteilten die Zähne ausgebrochen werden. Deswegen muss Hilbrich auch keinen erklärenden und deutenden Firlefanz bieten, der dem Publikum häufig Rätsel aufgibt.

Marco Letonja und die Bremer Philharmoniker präsentieren Verdis geniale und so anrührende Partitur in einer Intensität und Tiefenschärfe, die über fast vier Stunden Spielzeit keine Sekunde nachlässt – wie die Szene auch. Innerlich und äußerlich vorwärtstreibende Tempi und sehr schöne Soli – wie das Cello in Philipps großer Einsamkeitsarie im viertenAkt – entsprechen in jedem Augenblick der Szene. Auch die SängerInnen selbst machen die Aufführung zu einem überregionalen Ereignis, dem man sich viele BesucherInnen wünscht. Allen voran Patrick Zielke in seinerseits Debutrolle als Philipp II, der – auch klangschön – eine ergreifende Studie von Einsamkeit und Macht zeigt. Dann – neu im Ensemble – die Südafrikanerin Sarah-Jane Brandon als Elisabeth mit wunderbar sehnsüchtigem Gesang als tief verletzte Elisabeth, Luis Olivares Sandoval als todunglücklicher Carlo, sehr charakteristisch und gut geführt sein Tenor. Ein weiterer Neuzugang im Ensemble: der polnische Bariton Michal Partyka als tobender Posa, der seinen Zorn auf das spanische Regime und seine Liebe zu Carlo und ebenso zur flandrischen Unabhängigkeit stimmlich wie darstellerisch spannungsgeladen rüberbringt. Weiter sind zu nennen der ukranische Bass Taras Shtonda als unerbittlicher Großinquisitor, dessen Körper in sein parkinsonkrankes Großinquisitor-Korsett gepresst ist und Natalie Mittelbach, die als karrierekranke, aber am Ende gütige Fürstin Eboli wichtige Akzente in der Inszenierung setzt. Ein vielbejubelter Abend für einen rundherum gelungen Einstand Frank Hilbrichs.

  • Weitere Aufführungen: 24. (18 Uhr) und 30.9. (19 Uhr), 16. (15.30), 22. (18 Uhr)  und 31. 10. (18 Uhr), 13. (15.30) und 20.11. (18 Uhr), 3. (19 Uhr), 10. (18 Uhr) und 16.12 (19 Uhr).

Das könnte Sie auch interessieren: