Die Kunst zu erben – Was wird aus der Boulez-Villa in Baden-Baden? Eine Erkundigung vor Ort


(nmz) -
Vor einem Jahr starb Pierre Boulez in Baden-Baden. Die prägende Persönlichkeit des französischen Musiklebens im letzten Drittel des letzten Jahrhunderts und einer der großen Dirigenten auf dem internationalen Parkett hinterließ einen umfangreichen Nachlass – Partituren, Manuskripte, Tonträger, Manuskripte, Korrespondenzen – und Liegenschaften. Eine von ihnen befindet sich in Baden-Baden, wo sich der Komponist und Dirigent 1959 aus Protest gegen die französische Algerien-Politik und aus Verärgerung über die Kulturpolitik des zuständigen Ministers André Malraux niederließ. Jetzt steht die Villa, in der sich immer wieder und gerade auch zuletzt der Lebensschwerpunkt von Boulez befand, zum Verkauf.
10.01.2017 - Von Frieder Reininghaus

Damit kündigt sich wieder einmal eine Nagelprobe für die Gedächtnis-Kultur an. Da sich gewisse Parallelen zur Diskussion um den Erwerb des Thomas Mann-Villa in Pacific Palisades/L.A. und deren Erhalt als Gedächtnisort für deutsche Exil-Literatur abzeichnen, war es wohl ganz sinnvoll, sich die Immobilie aus der Nähe anzusehen und sich vor Ort nach den Optionen für ihre Zukunft erkundigen.

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Die Kapuzinerstraße, nicht weit vom Alten Baden-Badener Bahnhof und vom heutigen Festspielhaus entfernt auf halber Bergeshöhe gelegen, ist eine Sackgasse. Wer weiter hinauf will, muss zu Fuß gehen. Unter hohen alten Bäumen liegt die Villa aus dem späten 19. Jahrhundert, in der Pierre Boulez 1959 Quartier nahm, als er seine Zusammenarbeit mit dem Orchester des Südwestfunks intensivierte. Boulez erwarb das Anwesen nach und nach ganz: 550 qm Wohnfläche auf vier Etagen, zwanzig Zimmer, erlesen möbliert; dazu 4.000 qm parkartiges Gelände am Nordhang. Hier entstand ein erheblicher Teil des kompositorischen Œuvres. Um dessen Zukunft hat sich der Meister nicht bekümmert, jedenfalls – da unmittelbare Nachkommen nicht vorhanden sind – keine Vorsorge für die weitere Konservierung und  Pflege getroffen (z.B. durch die Gründung einer Stiftung).

Eine steile Zufahrt führt zur Haustür. Dort steht, wie zufällig, der Neffe Boulez und friert ein wenig (eine besorgte weibliche Hand legt ihm eine Jacke um). Er fasst in knappen Worten den Standpunkt der Erbengemeinschaft zusammen (eine druckbare Stellungnahme lehnt er ab). Ein paar charmante und ironische Anmerkungen – es muss in der Familie liegen – kann er sich freilich nicht verkneifen: Dass sich das Gebäude als Konzertsaal nicht eigne, könne ich ja sehen. Man würdige seinen Onkel am besten, indem man dessen Musik in den Philharmonien spielt. Da hat er fraglos recht.

Derweilen wird ausgeräumt. Ein Faktotum trägt dies und jenes zu den PKWs mit französischen Kennzeichen. Die Erben sehen sich veranlasst, das Anwesen mit der exzellenten Aussicht zu verkaufen, um die in Frankreich für das Gesamterbe anfallenden Steuern zu bezahlen. Deren Satz liegt weit höher als in Deutschland. Verhandlungen mit dem französischen Staat, die Steuerforderungen durch die Überschreibung des Villengrundstücks abzugelten, waren nicht erfolgreich. Bis zum Sommer soll jetzt die Veräußerung über die Bühne gehen. Man wünsche keine mediale Aufmerksamkeit. Doch gerade die wird es wohl benötigen, wenn das Schmuckstück nicht an einen Investor unbekannter Provenienz abgegeben und einer ungewissen Zukunft ausgeliefert, sondern als Stätte des kulturellen Erbes genutzt werden soll.

Die Umnutzung der Badener Villa aus dem Geist von Pierre Boulez hat sich ein Initiativkreis zum Ziel gesetzt. Dem Vernehmen nach wird er u.a. von Musikern des SWR-Orchesters unterstützt. Im Schulterschluss auch mit der Stiftung der Berliner Philharmoniker, insbesondere aber mit regionalen Kulturanbietern wie dem ZKM Karlsruhe, den Musikhochschulen in Karlsruhe, Freiburg und Trossingen sowie mit dem nach wie vor mit einem Standbein am Ort angebundenen Südrestrundfunk will die Initiative Voraussetzungen dafür schaffen, dass die Villa künftig als „Künstlerhaus“ genutzt werden kann: als Residuum für jüngere Komponisten, die schon etwas vorzuweisen haben und denen der Rücken für die Optimierung der Arbeit freigehalten werden soll.

Die schöne mäzenatische Idee hat freilich noch zwei kleine Haken. Zum einen muss der oder müssen diejenigen, die künftig die Villa nutzen, sie zuvor erwerben. Als Kaufpreis wurden 2,8 Millionen Euro genannt. Und dann sind da noch die Folgekosten. Da kann es schon mittelfristig um sehr viel höhere Summen gehen.

Selbstverständlich wurden zuerst die Öffentlichen Hände ins Spiel gebracht. Die zuständige Stelle der Baden-Württembergischen Landesregierung soll eine gewisse Bereitschaft signalisiert haben, sich an den laufenden Kosten einer „Akademie Boulez“ zu beteiligen, nicht aber am Erwerb. Zunächst am Zuge wäre da die Stadt. Doch deren Verantwortliche stöhnen wohl schon über die Lasten, die mit dem Festspielhaus eingebrockt wurden. Selbst wenn die Kommune eine Gedenkstätte für ihren Ehrenbürger mitfinanzieren wollte, hätte sie das Problem, hierfür Mittel bereitzustellen – und dies kurzfristig bis zum Sommer.

Zuvor allerdings müsste schon ein schlüssiges Nutzungskonzept entwickelt werden. Gegen die (ausschließliche) Verwendung der Räume für mehr oder weniger zurückgezogene Schreibarbeit spricht, dass auch in Baden-Württemberg auf Schloss Solitude bei Stuttgart eine solche Einrichtung bereits existiert. Und: dass die Förderung der ins Auge gefassten Personengruppe ohnedies bereits sehr engmaschig ausfällt, zugleich das Ankurbeln der Produktion von KomponistInnen mit Ärmelschonern oder weißen Krägelchen ja auch wieder Folgekosten zeitigt. Da es für ernste neue Kammermusik und deren größere Schwestern keinen hinreichend einträglichen freien Markt gibt, müssen Aufführungen allemal subventioniert werden (direkt und/oder indirekt).

Um zumindest auch als Pilgerstätte und Museum zu funktionieren (und gewisse Einnahmen zu erzielen), müsste die Immobilie aber erheblich und kostenaufwendig umgestaltet werden (und verlöre die Aura). Sie würde dann womöglich arbeiten wie z.B. das Schönberg-Center in Wien, in dem zugleich wissenschaftliche Forschungs- und Editions-Aufgaben, Konzerte und Ausstellungen organisiert werden. Das sind nur bedingt erbauliche Aussichten: Dass ständig neue Themen, kleingliedrige Tagungen und Mini-Ausstellungen kreiert werden müssen, um den Meister „im Gespräch zu halten“ – Boulez als Briefschreiber, Boulez als Fotograf, Boulez als Gärtner, als Familienvater, als Steuerzahler etc. Da wäre noch das Ergiebigste, an Boulez als Sympathisanten und Propagandisten der Kulturrevolution zu erinnern, der 1967 „eine ganze Menge Rotgardisten importieren“ wollte, um einen restaurativen Kulturbetrieb aufzumischen.

Derweil ist ungewiss, wie es mit dem musikalischen Vermächtnis weitergeht: Es erweist sich im laufenden Konzertbetrieb als ziemlich sperrig. Selbst die dem Namen nach bekanntesten Arbeiten sind alles andere als marktgängig. Wollte man da eine „Nachfolge“ ankurbeln, müssten wohl eher aufgelassene Fabrikhallen in Nachbarschaft von sozialen Brennpunkten akquiriert werden, in denen eine gärende Produktivität sich austoben kann.

Dass die Boulez-Erbepflege ausgerechnet durch eine drängende Immobilienverkaufs-Frage in Bewegung gebracht wird, erscheint alles andere als glücklich. Aber als Ironie der Geschichte, die den Nachlass des Fabrikantensohns aus Montbrison ereilt. Gerade die feine, auf Modernisierung des Kulturlebens eingestimmte Grundierung jedoch könnte andere Vermögende mit Kunstfortschrittssinn jetzt aus der Reserve locken. Es ist nicht zwingend, dass das Boulezsche Anwesen an einen russischen Spekulanten geht. Eine kreative Lösung ist gefragt.

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