Die Mädchen und der Tod: Kris Defoorts „The House of the Sleeping Beauties“ in Brüssel


(nmz) -
Der Komponist Kris Defoort, ausgebildet als Barock- und als Jazz-Musiker, wurde zu Beginn des Jahrzehnts durch eine mit cross-over-Musik versehene Video-Kammeroper bekannt: „The Woman Who Walked into Doors“. Da ging es, wie in der zugrunde liegenden Novelle von Roddy Doyle, um die Rekonstruktion von Erinnerungen und Bewusstseinsformen einer jungen Frau aus der irischen Unterschicht, die von einem Kiez-König gewalttätig unterworfen wurde; nach dem gewaltsamen Tod dieses Typen dämmert sie aus dem Alkoholismus herauf, legt Gründe ihres kurzen Glücks und langen Elends offen.
13.05.2009 - Von Frieder Reininghaus

Nun hat Defoort am großen Haus der Brüsseler Nationaloper ein zweites Modell experimentellen Musiktheaters zu einem brisanten Thema vorgestellt – wiederum arbeitete er mit dem Librettisten und Regisseur Guy Cassiers zusammen. Das Duo dramatisierte den Roman „Die schlafenden Schönen“ von Yasunari Kawabata (1899–1972), der 1994 posthum veröffentlicht wurde. Yasunari, Nobelpreisträger des Jahres 1968, beschrieb drei nächtliche Besuche eines gealterten Herrn in einem speziellen Etablissement, in dem Greise jeweils nächteweise das Bett mit betäubten sehr jungen Mädchen teilen können, mit diesen jedoch keinen sexuellen Kontakt haben dürfen.

Die japanischen Reflexionen und Traumberichte wurden der Einfachheit halber ins Englische gebracht, im Théâtre de la Monnaie auf Flämisch und Französisch als Obertitel eingespielt (sie sind also wohl für jedermann in ihrer ganzen Tragweite und Grenzwertigkeit nachvollziehbar). Auf den tiefgestaffelten Bildebenen erscheinen die sexuellen Anregungen stets dreifach: in Gestalt der als Traumfigur auftauchenden vorzüglichen Sopranistin Barbara Hannigan, per Video-Großaufnahmen von Haut und schönen Körperformen auf einer rückwärtigen Projektionsfläche sowie, darüber angesiedelt, leibhaftig durch die in Laken gehüllte, sich wälzende und sich mühende stumme Darstellerin. Was sich im wirklichen Leben in der Horizontalen abspielt, setzt sie hoch artistisch in die Vertikale um – die Zuschauer sehen ihre bewegte und bewegende Bett-Tätigkeit gleichsam von oben.

Der Alte erscheint gespalten in zwei Persönlichkeiten (Schauspieler und Bariton) – zusammen sind sie Yoshio Euguchi. Den macht die Heimleiterin mit den Usancen des Hauses vertraut. Am Ende der drei kurzen Nächte kocht und serviert sie ihm jeweils Tee – und nur da kommt etwas schlurfende Bewegung in den kontemplativen Handlungsverlauf. Es sind drei Nächte, in denen der alte Herr natürlich ins Nachdenken über sich, sein Leben und Sterben gerät. In den ersten beiden Nächten befällt ihn die Lust, die Regeln zu verletzen. Es treibt ihn, das neben ihm liegende tief schlafende Kind zu entjungfern, später ein anderes zu würgen. In der dritten Nacht wird er mit dem Tod einer – wohl nicht durch Fremdeinwirkung, sondern durch eine Überdosis Schlafmittel verstorbene – jungen Frau neben sich konfrontiert.

Die Leiche wird (pardon Mademoiselle!) auf belgische Weise diskret entsorgt. Ob die Mädchen mit ihrer Einwilligung zu Diensten liegen, wird vom Regisseur Guy Cassiers und Kris Defoort nicht thematisiert. Die Obszönität der Altmännerphantasien wird durch den ruhigen Ästhetizismus der Produktion aufgefangen. Wenn kompositorisch die Aura der Barockmusik beschworen wird – und dies geschieht mit genüsslicher Gründlichkeit –, dann scheint dieser egomanische Hedonismus ganz in rechter Ordnung.

Auffallend ist nicht nur hinsichtlich der schöngeistigen Anverwandlung altmeisterlicher Satztechniken die Parallelität des Erfolgsrezepts der neuen Kurzopern von Defoort zu dem der noch etwas kürzer und knapper gehaltenen „Proserpina“ von Wolfgang Rihm, die eine Woche zuvor zu Beginn der Schwetzinger Festspiele uraufgeführt wurde. Während Defoort auf die von einem kleinen Damenquartett grundierte Wechselwirkung von Männer- und Frauenstimme und wohldosierte orchestrale Kontraste setzte, beließ es Rihm bei einem ausladenden Sopran-Solo und kleinem Frauenchor in schier ungetrübt schöner Klanghülle. Beide neue Kammeropern zeichnen sich durch Handlungsarmut aus: Die eine ist Frauenklage, die andere Altmännersorge. Sensible Wege beschreiten beide.

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