Die Maerzmusik 2009 präsentierte „Altes“ und Neues aus Ost und West


(nmz) -
Das Motto „Reduktion – Struktur – Dekonstruktion“ der diesjährigen Maerzmusik wirkt trocken und abstrakt. Aber Matthias Osterwold, der Künstlerische Leiter dieses Berliner Festivals für aktuelle Musik, schlug damit eine Brücke zwischen West und Ost, zwischen der „alten“ Avantgarde der USA und jungen Komponisten aus Russland und angrenzenden Staaten.
30.03.2009 - Von Albrecht Dümling

Die einen sind am Beginn ihres Weges, die anderen blicken zurück – etwa auf das erste Auftreten von John Cage 1958 bei den Darmstädter Ferienkursen, das für beträchtliches Aufsehen sorgte, wie Dieter Schnebel in einer persönlichen Ansprache zur Festivaleröffnung bezeugte. Zur Komplexität der bis dahin dominierenden seriellen Schule bildete die Musik von Cage einen denkbar großen Kontrast, was zu einer „Epochenzäsur“ (Metzger) führte.

Die sechs jungen Komponisten aus Moskau, Petersburg und Minsk, Dmitri Kourliandski, Boris Filanowski, Sergej Newski, Anton Safronov, Alexei Sioumak und Valery Voronov, die sich 2005 zur Structural Resistance Group (StRes) zusammenschlossen, beziehen sich zwar nicht auf solche Vorbilder. Trotz unterschiedlicher ästhetischer Anschauungen erstreben aber auch sie einen Neubeginn und wehren sich vehement gegen akademische Traditionen; in ihrem Manifest lehnen sie sogar die Wahrung jeder Tradition ab.

Der hochtönende Anspruch eines „strukturellen Widerstands“ hat, das ließ ein Podiumsgespräch im Jüdischen Museum erkennen, auch marktstrategische Gründe: er soll der Gruppe unter den noch ungewohnten kapitalistischen Verhältnissen Gehör und Finanzierung verschaffen. Mit der Einladung nach Berlin ist dies den sechs Russen zunächst gelungen. Aber nur wenige ihrer Kompositionen, etwa „c.lair“ und „Polka“ von Alexei Sioumak und „Blindenalphabet“ von Sergej Newski, vermochten zu überzeugen. Komplexere eigene Wege schlugen die Tadschikin Farangis Nurulla-Khoja und der Usbeke Artjom Kim ein.

Als noch sehr vital und beweglich erwiesen sich die mehr als drei Jahrzehnte älteren Amerikaner Steve Reich, Ben Johnston, Alvin Lucier, Christian Wolff und Robert Ashley, die durch ihr persönliches Erscheinen für einen Publikumsandrang sorgten. Die ebenso perfekte wie vitale Wiedergabe von „Drumming“ durch das Ictus Ensemble sowie die Uraufführung eines Double Sextet vermochten das Publikum zu fesseln. Ben Johnston und Christian Wolff wurden für ihre Streichquartette gefeiert. Das weitgehend tonale Streichquartett (1950) von Cage war in Verbindung mit den nur leicht verfremdeten „Zehn Fränkischen Tänzen“ seines deutschen Nachfolgers Walter Zimmermann zu erleben. Robert Ashley, der Schöpfer von Fernsehopern im Rap-Stil, faszinierte auf seine eigene Weise. Als allzu naiv-schlicht erwiesen sich dagegen die Klangexperimente von Alvin Lucier.

Auch Kurtags „Kafka-Fragmente“ (in einer szenischen Version mit Salome Kammer und Carolin Widmann) bringen ein reduziertes Tonmaterial zu verdichteter Aussage. Keinerlei solche Beschränkungen hatte sich dagegen Beat Furrer in seinem komplexen Konzert für Klavier und Ensemble auferlegt, welches Nicolas Hodges fabelhaft virtuos zusammen mit dem Genfer Ensemble Contrechamps spielte.

Ein weiterer Festival-Glanzpunkt jenseits der Reduktionsthematik war die Orchestertrilogie „…auf…“ (2005-2007) des in Berlin lebenden Franzosen Mark Andre, in der Philharmonie uraufgeführt vom SWR-Orchester unter Sylvain Cambreling. Verschiedene Orchestergruppen waren über den Raum verteilt, um in Verbindung mit Elektronik wirkungsvolle Übergänge zwischen metaphysisch deutbaren Klangzuständen vorzuführen.

Trotz unterschiedlicher künstlerischer Leistungen erwies sich Berlin in diesen Tagen wieder einmal als eine Drehscheibe zwischen West und Ost.

[Ein ausführlicher Festivalbericht folgt in der Mai-Ausgabe der nmz]
 

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