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(nmz) -
+++ Die deutsche Wirtschaft entdeckt den Festspielmarkt +++ Neben den Richard-Wagner-Festspielen soll das Festspielhaus nun auch in der restlichen Zeit genutzt werden +++ Die Ruhr-Triennale soll ab 2010 monatlich stattfinden+++ Gregorianischer Gesang muss revidiert werden +++ Non-Stop-Richard-Wagner-Festival +++ Passauer Hip-Hop-Gruppe „Laptop in der Lederhosn" +++
24.09.2008 - Von Theo Geißler

Hamburg. Die deutsche Wirtschaft entdeckt den Festspielmarkt. Bisher habe man Festivals ganz einfach nur mit Geld unterstützt. Festspiele hätten aber mittlerweile einen solch großen Marktwert, dass man nun zu weiteren Schritten bereit sei. So will der Kaffeeröster Tchibo den grünen Hügel in Bayreuth kaufen und in eine Rrrröstfrisch-Arena umwandeln. Für das Festspielhaus Baden-Baden interessiert sich als Factory-Outlet Mitsubishi, die Regensburger Thurn&Taxis-Festspiele werden demnächst Aldis Gloria heißen – mit dem Motto: „Wir sparen sogar an die Kunst“.

 Bayreuth. Neben den Richard-Wagner-Festspielen soll das Festspielhaus nun auch in der restlichen Zeit genutzt werden – und zwar mit monatlich wechselndem Programm. Der Januar ist Richard Strauss´ Oratorien-Schaffen gewidmet, der Februar den Opern von Brahms, im März gibt’s Singspiele von Mendelssohn-Bartholdy, im April Karl-Heinz Stockhausen-Musicals und so weiter. Der Mai bleibt der Karl-Lagerfeld-Winter-Kollektions-Präsentation vorbehalten. Bayerns Kunstminister Thomas Goppel bedankte sich für das – so wörtlich: hochmusikaffine Konzept -herzlich bei den verantwortlichen Beraterfirmen Roland Berger sowie Kienbaum und Partner.
 
Wuppertal - Essen: Die Ruhr-Triennale soll ab 2010 monatlich stattfinden. Das verkündete der Verantwortliche CEO der Wirtschafts-Kulturgemeinschaft Rhein-Ruhr Dieter Gorny im exklusiven 9Live-Interview. Durch die höhere Frequenz könnten deutlich höhere Umsätze erzielt werden, die der Aufgabe unserer Kreativ-Industrie als Rohstoff-Nutzung der Zukunft idealtypisch entspräche.
 
Rom. Gregorianischer Gesang muss revidiert werden. Das fanden zwei Musikwissenschaftler im Auftrag der Glaubenskongregation der römischen Kirche heraus. „Ursprünglich“, so die beiden 92- und 91-jährigen Forscher, „gehörte ein reichhaltiges Schlagzeugarsenal zum Bestandteil des gregorianischen Gesang – dazu gehörten Tomtoms, Gongs, Tabla sowie eine Kelchharmonika“ Was die alte Notenschrift in Neumen aufzeichnete seinen keinesfalls Tonhöhen gewesen, sondern eine Art Schlagzeugnotation, wie sie erst in der neuen Musik wieder eingesetzt worden ist. Der Gesang diente allein der Kommunikation der Musiker untereinander. Was wie heute als gregorianischen Gesang hören, sind allein die eigentlich unmusikalischen Spielanweisungen. „Das wäre so“, heißt es im Forschungsbericht, „als würde man bei einer Symphonie von Mahler nur die Spielanweisungen vortragen.“
 
Berlin – New York: Mit einer künstlerischen Gegenoffensive wollen Nike Wagner und Gerard Mortier auf ihre Niederlage bei der Nachfolge-Kür für Wolfgang Wagner reagieren. In Kooperation mit der Berliner Staatsoper und Daniel Barenboim gibt es ab Sommer kommenden Jahres das sechswöchige Non-Stop-Richard-Wagner-Festival, bei dem ohne Unterbrechung alle Werke des Komponisten an attraktiven Berliner Spielorten zur Aufführung kommen. So wird zum Beispiel fürs „Rheingold“ der Wannsee überdacht, für die „Walküre“ ist der Pavianfelsen im Zoo vorgesehen, „Siegfried“ spielt im KaDeWe und die „Götterdämmerung“ natürlich im Reichstag. „Wir haben das Konzept „Museumsnacht“ einfach weitergedacht und intelligent auf das Schaffen meines unermüdlichen Urgroßvaters übertragen“ – so Nike Wagner beim Presse-Brunch im Berliner Dom. „Und das ganz ohne Hintergedanken.“
 
Passau: Die bei der letzten Kommunalwahl drastisch reduzierte Stadtratsfraktion der Passauer CSU hat in der zeitgenössischen Musik das optimale Trägermedium zur Rückgewinnung alter Stärke ausgemacht. Ex-Kulturstadtrat Wilhelm Mixa, Präsidiumsmitglied des Deutschen Musikrates, will das populäre und integrative Potenzial neuer Musik als ultimatives Innovations-Signal nutzen. So konnte er Dieter Bohlen für die Uraufführung einer Pop-Toccata seines Fraktionsvorsitzenden an die Passauer Domorgel verpflichten. Ferner hat er an die Passauer Hip-Hop-Gruppe „Laptop in der Lederhosn“ den Kompositionsauftrag für eine Drei-Flüsse-Hymne vergeben. Sympathisch-bescheidener Titel: „Alles den Bach runter…“

 

Musik-Maximateror Dieter Gorny. Foto: Hufner