Die Seele auf dem Ton – Gaetano Donizettis „Lucia di Lammermoor“ am Theater Bremen


(nmz) -
Seit dreißig Jahren gab es in Bremen Gaetano Donizettis „Lucia di Lammermoor“ (1835) nicht mehr. Dabei ist das „Dramma tragico“ die berühmteste „Bel Canto“-Oper überhaupt, gehört also irgendwo in jeden ambitionierten Spielplan. Das geht aber nur, wenn man die drei Hauptrollen wirklich besetzen kann, wie es jetzt in Bremen fabelhaft gelungen ist. Mit Nerita Pokvytyté als Lucia, Birger Radde als Enrico und Hyojong Kim als Edgardo singen im Bremer Ensemble herausragende Bel Canto-Stimmen. Bel Canto: die italienische Gesangstechnik, die heute wieder das A und O aller Gesangkunst ist, verlangt, dass die Seele auf dem Ton liegt.
31.01.2018 - Von Ute Schalz-Laurenze

Hans Heinz Stuckenschmidt hat einmal gesagt: „In Gesangsopern wie der Lucia hat der Regisseur keine große Aufgabe, aber auch keinen leichten Stand“. Paul Georg Dittrich, der nach zwei sehr klugen Inszenierungen von Bergs „Wozzeck“ und Berlioz' „Damnation de Faust“ nun zum dritten Mal am Theater Bremen arbeitet, transportierte die Schauergeschichte aus dem 16. Jahrhundert weg von einer wirklichen Historie in Fantasiewelten, die die Frage nach der wahren Liebe erneut zu stellen vermögen. Unter dem nicht aushaltbaren Druck des Bruders soll Lucia einen einflussreichen Mann heiraten, was die Familie vor dem politischen und finanziellen Ruin bewahrt. Lucia, längst verliebt und versprochen dem Erzfeind der Familie Edgardo, ermordet den Bräutigam in der Hochzeitsnacht, verfällt dem Wahnsinn und stirbt. Edgardo folgt ihr. 

Fantasiewelten

Dittrich baute diese zwei Welten als gegensätzliche Fantasiewelten: futuristisch, maschinell, geisterhaft ist Lucias Herkunft: Menschen sind das nicht, alle sind gegen alle und besonders einer macht zweifelhafte Karriere: der Geistliche Raimondo, der nach dem Tod aller zu so einer Art Guru mutiert. Lucias Gegenwelt spielt im beschützenden Wald, eine Wanderbühne ist aufgebaut, in und vor der Lucia ihre Wahnwelt konstruiert (Bühne und Kostüme von Pia Dederichs und Lena Schmid).

Da gibt es schöne Bilder: die (stumme) Existenz von Lucias Eltern, die Existenz von Lucia und Edgardo als Kinder. Der ungeliebte Bräutigam kommt im Goldmantel aus der Luft gefahren und nimmt Lucia mit. Wenn sie nach dem Mord wieder herunterkommt, hat sie schon den Glasharmonikaspieler bei sich, der ihre anschließende Wahnsinnsarie begleitet. Ein Duett Lucias und Enricos singt Enrico aus dem 2. Rang, was seine „Argumente“ in Lucias Wahrnehmung als Fantasie ausweist. Im zweiten Teil hängen alle an Marionettenfäden, auch Edgardo. Insgesamt lässt Dittrich den Anforderungen des aberwitzig schönen Gesanges allen Raum, wären da nicht die Videos, die sich derartig in die Szene drängeln, dass sie als ein schwer erträglicher Widerspruch zum Sinn der Musik daherkommen: am schlimmsten in Lucias Wahnsinnsarie. Es werden Striche und böse Masken gekritzelt, nicht nur im Hintergrund, sondern sogar über die Gesichter. Dabei hatte gerade diese Szene eine einzigartige, bestechend schöne Voraussetzung: Lucia allein mit der ihre Seele darstellenden Glasharmonika, deren Part sonst meist von einer Flöte realisiert wird.

Pokvytyté bot eine wunderbare selbstbewusste Lucia, die mit ihrem Gang in den Wahnsinn über ihr Leben entscheidet und unvergesslich singt: schwer genug gegen die immer noch präsente Leistung der Maria Callas, die mit mehreren Aufnahmen diese Oper wiederentdeckte. Auch Birger Radde als Enrico versteht es, seinen mitreißenden Gesang in den Dienst seiner kaputt-wütenden Persönlichkeit zu stellen. Hyojong Kim, der ganz alleine den dritten Akt beherrscht, begeisterte als Edgardo und Christoph Heinrich als schleimiger Raimondo versah seine ambivalente Rolle mit vielfältigen Zwischentönen. Louis Olivares Sandoval „glänzte“ wie sein Goldmantel.

Dass die Musik einen so mitreißenden und in ihrer emotionalen Wucht überzeugenden Eindruck hinterließ, dafür ist auch maßgeblich der Dirigent Olof Boman mit den Bremer Philharmonikern verantwortlich. Boman, Barockspezialist und Bel Canto-„Fan“, brachte nach „Maria Stuarda“ zum zweiten Mal ein Donizetti-Feuer ohnegleichen. Begeisterter Applaus mit einigen Buhs für die Regie.

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