Die Wuppertaler „Unerhört!“-Konzertreihe will mit dem Nimbus des Elitären aufräumen


(nmz) -
Fast zeremonienhaft mutet es an, wie der Dresdener Posaunist Günter Heinz mit langem Bart und barfuß den Raum der Wuppertaler Sophienkirche durchschreitet und sich sogar phasenweise auf dem Kirchenboden hinlegt, während sein Partner, der Erlanger Orgelvirtuose Klaus Treuheit (naturgemäß) vom Spieltisch aus agiert. Konzert? Performance? Musik? Klangkunst? Auf jeden Fall findet in diesem Moment eine eigenwillige und auf ihre Art hochspannende Kommunikation statt! „Unerhört!“ nennt sich eine Konzertreihe, die seit 15 Jahren bestens im Musikleben der Stadt Wuppertal integriert ist.
18.07.2011 - Von Stefan Pieper

Ein solches Etikett ist auch bei der jüngsten Ausgabe dieser Veranstaltungen wörtlich zu nehmen: Wenn Günter Heinz seine Posaune und andere Instrument spielt und dabei manchmal in Einzelteile zerlegt, scheint sich der Klang immer weiter zu dekonstruieren. Da zerfallen die Töne und Flageoletts, gerinnen geräuschhafte Laute zu rezitativischen Gesten, als würde hier Sprache oder zumindest eine Art Lautpoesie stattfinden.

Klaus Treuheit hält auf der Orgel latent stationäre Sound-Flächen dagegen. Überhaupt weiß der Erlanger das englische Wort „Sound“ bei seinem Tun in jedem Moment wörtlich zu nehmen. Während der Pause kommt es zu einem kurzen Gespräch mit den beiden Musikern über das gerade Erlebte. Und das erhaltene Feedback fließt bei den beiden unmittelbar in die Gestaltung der zweiten Konzerthälfte ein: Nachdem Klaus Treuheit und Günter Heinz im ersten Teil vor allem die Gegensätzlichkeit betont haben, findet jetzt eine gegenseitige Annäherung des improvisatorischen Vokabulars statt – vor allem, wenn Treuheit auf der Orgel die nun lebhafter werdenden Gesten extrem reaktionsschnell fast Note gegen Note beantwortet.

Reibung genug ist auch in dieser Phase des Improvisationskonzertes vorhanden, denn jetzt besteht die Konfrontation zwischen dem rauen, oft geräuschhaft-brachialen Sound aus den diversen Blasinstrumenten von Günter Heinz und einer viel artifizielleren, oft sehr schwerelosen Klangwelt der Orgel, auf der Klaus Treuheit die Farben mischt. Zwei Charaktere, sie sich aufeinander einlassen, sich gegenseitig Angebote machen und sich durch intensive Kommunikation gemeinsam weiter entwickeln – das sind Interaktionen, wie sie gerade von Duobesetzungen verkörpert werden. Günter Heinz und Klaus Treuheit sind an diesem Abend auf jeden Fall eine produktive Einheit. „Wir haben diesen Raum nicht zum ersten Mal bespielt, denn der künstlerische Leiter Bernd Köppen hat uns schon früher hierhin eingeladen“, sagt der Erlanger Klangforscher auf den Tasteninstrumenten.

Bernd Köppen ist in der Wuppertaler Musikszene mit ihrem hohen Renommee in Sachen innovativer musikalischer Grenzüberschreitungen eine feste Größe. Auch der vorbildliche Sammelband über das Wuppertaler Jazzleben „Sounds like Whoopataal“ (hrsg. von E. Dieter Fränzel und der Jazz AGe Wuppertal) würdigt ausführlich den fast 60-jährigen Pianisten, Komponisten und Improvisator.

Klug wusste Koeppen seine berufliche Existenz als freier Jazzer abzusichern, als er 1995 eine Stelle als Organist in der Kirche annehmen konnte. Seine Bedingungen waren sofort klar: „Ich übernehme den Job nur, wenn ich einmal im Monat ein Konzert mit zeitgenössischer Musik oder freier Improvisation hier veranstalten kann“. Der Rest ist Geschichte. Wo sonst wird in einer Kirchengemeinde allmonatlich ein Konzert mit internationalen Künstlern auf die Beine gestellt, mit Uraufführungen der Neuen Musik, ambitionierten Aufführungen aus der musikalischen Moderne und immer wieder Improvisationskonzerten. Um alldem möglichst den Nimbus des Elitären zu nehmen, hat Koeppen eine allmonatliche Samstagsmatinee etabliert, wo ein Laufpublikum sich ganz unverbindlich auf grenzüberschreitende Hörabenteuer einlassen darf.

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