Diedrich Diederichsen: Anteil der Pop-Musik am Ende des „Ostblocks“ 1991 gering


(nmz) -
Der Eiserne Vorhang war nicht schalldicht. Pop-Musik aus den USA und auch aus Deutschland war im „Ostblock“ extrem beliebt. Könnten die flotten Rhythmen sogar die politische Wende vorangetrieben haben?
27.12.2016 - Von dpa, Wolfgang Jung

Kurz bevor Sowjetpräsident Michail Gorbatschow im Dezember 1991 abtrat, empfing er die deutsche Band Scorpions („Wind Of Change“) im Kreml. Westliche Pop-Musiker sehen die Audienz vor 25 Jahren gerne als Beweis, dass ihre Lieder zum demokratischen Wandel beigetragen haben. Das sei aber abwegig, sagt der Experte Diedrich Diederichsen (59) im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur in Moskau.

Frage: Kann westliche Pop-Musik zum Ende des „Ostblocks“ geführt haben?

Antwort: Nein, aber sie könnte dafür verantwortlich sein, dass man die Konsumkultur des Westens für eine Kultur der Freiheit gehalten hat. Das ist zwar weitgehend ein Missverständnis – aber nicht nur. Pop-Musik hat die Versprechen der Warenwelt gerne viel zu ernst genommen. Diese Naivität hat aber auch dazu beigetragen, dass diese Versprechen überhaupt erst als politische wahrgenommen werden konnten. Das kam auch im Osten gut an. Direkte Kausalbeziehungen sind natürlich abwegig. Es sei denn, man folgt dem bekannten Bonmot der Chaostheorie, dass der Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien einen Tornado in Texas auslösen kann.

Frage: Der Musikkritiker Artemy Troitski sagt, in der Sowjetunion galt sogar „You're my Heart you're my Soul“ von Modern Talking als politisch.

Antwort: Herz und Seele sind ja auch sehr politisch. Am weitesten gehen bei dieser Erzählung regelmäßig die Chronisten der tschechoslowakischen, so genannten „Velvet Revolution“, die inklusive Vaclav Havel behaupten, dass Velvet Underground als direkte Inspiration für die Bewegung gedient haben – was man sich bei deren Musik nicht wirklich vorstellen kann. Das ist aber wie immer bei Pop-Musik vor allem ein Rezeptionsphänomen. Wenn etwas einerseits sehr stark, andererseits sehr fern ist, kann man eine Menge hineinlesen und -empfinden. Die empirischen Velvet Underground hatten mit postsozialistischen Lockerungen nichts am Hut.

Frage: Liegt es an der Sprache, dass westlicher Pop international viel erfolgreicher ist als etwa Pop aus Osteuropa?

Antwort: Ob das heute noch so ist? Früher lag es an der Anzahl der Beteiligten, der dichten internen Kommunikation und auch daran, dass Englisch für Nichtmuttersprachler immer ein bisschen zu verstehen ist. Versteht man es zu genau, macht es keinen Spaß mehr. Das Hauptgeschäft der Pop-Musik-Rezeption – Ergänzen, Ausschmücken, Projizieren – funktioniert am besten mit halbverstandener Sprache.

ZUR PERSON: Diedrich Diederichsen gilt als einer der wichtigsten deutschen Poptheoretiker. Der am 15. August 1957 in Hamburg geborene Autor lehrt an der Akademie der bildenden Künste Wien.

 

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