Digitale Orchidee – Richard Wagners „Parsifal” an der Opera du Rhin Strasbourg


(nmz) -
Eine manchmal übertriebene Assoziationsflut des Regisseurs Amon Miyamoto kennzeichnet die „Parsifal“-Interpretation an der Opera du Rhin Strasbourg, sängerisch und musikalisch klappte vieles sehr gut. Georg Rudiger mit seinem Bericht.
28.01.2020 - Von Georg Rudiger

Eine unheilbare Wunde, ein gefallener Ritter, eine verfluchte, doppelgesichtige Frau – kaum eine Oper ist derart mit Bedeutung aufgeladen wie Richard Wagners Bühnenweihfestspiel „Parsifal“. Jeder bedarf der Erlösung. Und Parsifal, der am Ende die Heilung bewirkt, hat selbst schwer zu tragen an seiner Vergangenheit. Der japanische Regisseur Amon Miyamoto fügt an der Straßburger Rheinoper zur komplexen Geschichte noch eine weitere Ebene hinzu, indem er Parsifal einen gleich gekleideten Jungen (Mathis Spolverato) gegenüberstellt, der mal beobachtend, mal aktiv ins Geschehen eingreifend den knapp fünfständigen Abend begleitet.

Das Kind betritt mit seiner Umhängetasche schon beim Vorspiel die Bühne, wenn es seine betende Mutter, die sich entkleidet und nackt auf die Couch legt, plötzlich bedroht und davonläuft. Die Gralsburg ist in Straßburg ein Museum über die Menschheit (Bühne: Boris Kuclicka). Hier schlendert der Junge über die Drehbühne durch die einzelnen Räume, ehe er in der Gemäldegalerie auf Gurnemanz trifft, der mit seinen langen Haaren und dem weiten Gewand so aussieht, als sei er gerade einer der vielen Kreuzigungsszenen entsprungen (Kostüme: Kaspar Glarner). Religion ist hier nur noch im Museum ausgestellt und zur Kunst geworden.

Aber Miyamoto bleibt nicht bei einer einheitlichen Bildsprache. Die Enthüllung des Grals inszeniert er als brutalen Aderlass auf dem OP-Tisch, damit der schon halbverweste Titurel (mit mächtigem Bass: Konstantin Gorny) wie auch die anderen verletzten Ritter das lebensnotwendige Blut trinken können. Spektakuläre Videos zeigen die Erde in Vogelperspektive (Bartek Macias) oder führen das Publikum gleich ins Weltall. Und immer wieder taucht an entscheidenden Stellen ein Affe auf, der laut Regisseur für die Reinheit der Natur und damit auch Parsifals stehen soll. Außerdem geistert die Mutter des Kindes gelegentlich mit der Taschenlampe durch die Kulissen. Ganz am Ende versöhnt sie sich mit ihrem Jungen. Und der kleine folgt nicht dem großen Parsifal und dem lockenden Affen in den Zauberwald. Er ist erwachsen geworden.

Assoziationsflut

Mitunter übertreibt es Miyamoto mit seiner Assoziationsflut und den rätselhaften Arrangements. Das heterogene Nebeneinander erschließt sich nicht immer. Dafür sorgt die musikalische Umsetzung für Klarheit. Dirigent Marko Letonja braucht ein bisschen, bis das Orchestre philharmonique de Strasbourg den Abend wirklich gestalten kann. Der heikle Unisono-Anfang missrät, die Mischung der Register ist im ersten Aufzug noch nicht optimal. Aber das Orchester findet nach und nach zu einer größeren Suggestionskraft. Letonja führt mit Übersicht und großer Differenzierung. Nie muss ein Sänger forcieren, um gehört zu werden. Die großen Klangmassierungen im ersten und dritten Aufzug steuert der Chefdirigent mit der notwendigen Vorsicht – nur die elektronischen Glocken entfalten keine Atmosphäre.

Die Klarheit der musikalischen Interpretation äußert sich auch in der vorbildlichen Textverständlichkeit der Solisten. Ante Jerkunica ist als Gurnemanz ein in allen Höhen und Tiefen souveräner Erzähler, der die langatmigen Monologe belebt. Markus Marquardts Amfortas hat Dramatik und Fundament, gelegentlich aber zu viel Vibrato. Christianne Stotijn ist eine darstellerisch präsente, stimmgewaltige Kundry mit enormer Tiefe, deren Mezzosopran in der Höhe jedoch an Souveränität verliert. Simon Baileys Klingsor hat enorme lyrische Qualitäten. Wie überhaupt der zweite Aufzug in Klingsors Zauberschloss mit Überwachungszentrale, digitaler Orchidee und den befleckten Blumenmädchen auch szenisch große Wirkung entfaltet. Mit dem belgischen Tenor Thomas Blondelle besitzt die Produktion zudem einen großartigen, lyrisch grundierten Parsifal voller Leuchtkraft und Wärme. Großer Jubel am Ende für Musik und Regie.

  • Weitere Vorstellungen: Straßburg/Opéra: 29.1, 1./4./7.2., jeweils 18 Uhr, Mulhouse/Filature: 21.2., 18 Uhr, 23.2., 15 Uhr. Karten unter www.operanationaldurhin.eu

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