Dreieckige Schreckenskammern – Katharina Wagners Neuinszenierung von „Tristan und Isolde“ in Bayreuth


(nmz) -
Katharina Wagner ist mit dieser Inszenierung ein echter Wurf gelungen. Die eigenwillig faszinierende Lesart in einer Macht- und Schreckens-Endzeit trifft auf ein sehr hochwertiges musikalisches Niveau, obgleich Christian Thielemanns sehr breite Interpretation nicht mit dieser Inszenierung zusammenspannt, sondern sich quasi immer wieder konterkarierend zu behaupten trachtet. Die Bayreuther Festspieleröffnung wurde zu einem runden Erfolg.
26.07.2015 - Von Peter P. Pachl

Katharina Wagner siedelt die Handlung in einer Un-Zeit an. Anstelle eines Schiffes ein skurriles, dreieckiges Treppenlabyrinth in Escherscher Raum-(Un-)Logik, mit wegkippenden Stiegen und Rampen „auf der Fahrt“. Tristan ist permanent auf der Flucht vor Isolde, die ihn immer wieder zu umarmen und küssen trachtet, die Erzählungen, Nachfragen und Wieder-Erzählungen als ein Psycho-Terror einer ersehnten, nicht eingelösten Liebesbeziehung. So entfällt das Trinken des Sühnetrankes gänzlich. Jene Musik, die im Original die körperlichen Veränderungen der beiden durch den Trank zeichnet, dient hier als entschlossene und bewusste Annäherung, gegen alle Konventionen und Möglichkeiten zusammen zu gehören und folgerichtig gießt das Paar den Trank, den Isolde in einem Fläschchen im Dekollete verwahrt hatte, aus: Beide gießen ihn über ihre Hände – und entschließen sich, zu leben.

Der zweite Akt spielt in einem hermetisch ummauerten, dreieckigen Gefängnis- und Folterkammer-Raum, in welchen Brangäne und Isolde gefesselt und brutal eingepfercht werden. Die scheinbaren Fluchtleitern an den Wänden bersten beim Versuch, diese zu betreten, die runden Gefängniszellen sind kinetisch, können sich aufrichten und dienen dem Liebespaar schließlich als Messer um sich die Pulsadern beider Arme aufzuschlitzen.

Die „Neid’sche Wache“ ist in dieser Inszenierung nicht Brangäne, sondern die gelb gewandete Kamarilla Markes, die mit Suchscheinwerfern den Liebenden in der Gefängniswelt die Nacht zu nehmen trachtet. Mit einem Tuch improvisiert Isolde ein schützendes Zelt, das von den Liebenden mit Sternen bestückt wird.

Den Zwiegesang „O sink hernieder, Nacht der Liebe“ bringen Beide mit dem Rücken zum Publikum, auf der Wand zwei Videos, die sie individualisiert beim Weg durch einen Endlostunnel zeigen. Im gleißenden Licht der hereinstürmenden Marke-Welt werden Tristan, wie einem zum Todesschuss Verurteilten, die Augen verbunden und Melot, unverkennbar Tristans schwuler, eifersüchtiger Freund, drangsaliert und quält Isolde. Marke, im Pelz und mit Cowboyhut, will Tristan mit einem Springmesser töten – und das besorgt dann am Ende des Aktes Melot (Raimund Nolte) für ihn.

Im dritten Akt liegt Tristan am vorderen rechten Bühnenrand, umgeben von Grablichtern und fünf Getreuen, darunter der Hirt mit einer der klassischen Schalmei nicht unähnlichen, langstieligen Lilie, und Kurwenal mit einem Grabkreuz. In Tristans Fiebervisionen leuchten im Bühnenraum diverse Lichtdreiecke mit Doubles der Isolde auf: darin versinkt die ersehnte Isolde entweder, oder sie verliert buchstäblich ihren Kopf, blutet aus dem Schädel oder fällt wie ein Schemen in sich zusammen. Und eine den todwunden Tristan mit der Hand stereotyp in ihr hermeneutisches Dreieck herbeiwinkendes Double gemahnt an Tristans zweite Isolde, die Isolde Weißhand bei Gottfried von Straßburg, in Wagners Vorlage.

Bogen

Die Vanitas dieser Vorgänge schlägt einen Bogen zu Lars von Triers Film „Melancholia“ (der als Musik ebenfalls „Tristan und Isolde“ verwendet) und erinnert auch an von Triers Konzept der Dunkelheit in seinem detailliert geplanten, aber dann nicht realisierten Konzept des „Ring“ für Bayreuth. Mit Isoldes Ruf nämlich wird es ganz dunkel. Marke und seine Mannschaft stehen als gelbes Dreieck rechts im Raum, während der bereits als Leiche dekorierte Tristan von Isolde wieder frei gelegt wird. Nachdem Kurwenal, der Hirt (Tansel Akzeybek), der Steuermann (Kay Stiefermann) und zwei namenlose stumme Getreue inmitten der Reihen des gelben Dreiecks gefallen sind, löst sich die Marke-Formation auf. Tristan wird auf ein schwarzes Sterbebett gehievt, Isolde setzt sich neben den nochmals aufgerichteten Geliebten, aber mit den letzten Takten zieht Marke sie hinter sich her. Tristans Leiche bleibt allein.

Die kinetischen bühnenrealistischen Räume, die unerwartete Horrorvisionen zulassen, wurden von den Bühnenbildnern Frank Philipp Schlössmann und Matthias Lippert realisiert. Kostümbildner Thomas Kaiser hat das Liebespaar zeitlos in Blautönen gewandet, deren Diener Brangäne und Kurwenal bräunlich-grün mit Blaustich, Marke und seine Männer in Senfgelb.

Gesungen wird auf sehr hohem Niveau. Einen im Ansatz so leicht singenden, partiesicheren und allen dramatischen Ausbrüchen gewachsenen Tristan wie Stephen Gould hat man lange nicht gehört. Kraftvoll und sympathisch überzeugen Iain Paterson als Kurwenal und Christa Mayer als Brangäne mit dramatischer Stimmkultur und intensiv im nuancenreichen Spiel. Georg Zeppenfeld als Marke gelingt der Chiasmus von balsamischem Gesang und abgrundtiefem Handeln. Nach einer einvernehmlichen Trennung von Anja Kampe ist als Isolde kurzfristig Evelyn Herlitzius eingesprungen, die parallel bei den Münchner Festspielen die Elektra gestaltet. Die Herlitzius ist eine großartige Darstellerin, die wohl alle Erfordernisse der Regisseurin erfüllt und auch im wunderbaren Zwiegesang des zweiten Aktes allen Erwartungen gerecht wird. Aber im ersten Aufzug gab es massive rhythmische Probleme, im zweiten und auch dritten Aufzug misslang so mancher Spitzenton oder unterblieb.

So mischten sich in den überwältigenden Schlussapplaus für die Herlitzius auch einige Buhrufe – und auch für Christian Thielemann. Der hatte sehr breit dirigiert, das musikalische Treibhaus des Vorspiels zum dritten Aufzug fein ausziseliert, bei Brangänes Wachgesang mit ungewöhnlichen dynamischen Staffelungen verblüfft, aber – im Gegensatz zu seinem großen Vorbild Furtwängler – Schwärze und Tiefe der Nacht nicht wirklich auslotet. Der Dirigent zeigte sich ein paar mal zu oft vor dem Vorhang – im Gegensatz zur Regisseurin, die sich mit ihren Mitarbeitern und 18 Statisten nur einmal auf der Bühne verneigte, dabei aber ausschließlich Zuspruch erntete.

  • Nächste Aufführungen: 2., 7., 13., 18. und 23. August 2012.

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