Drunter, drüber und nach vorn – Festivalbericht zu aDevantgarde 2019


(nmz) -
Levin Handschuh berichtet von der 15. Ausgabe des Festivals aDevantgarde, das vielerorts in den Untergrund ging, aber auch über den Dächern Münchens Raum, Klang, Ästhetik und Zeit miteinander verband. Ein großes Unternehmen als Abenteuer-Urlaub für den Kopf.
09.06.2019 - Von Levin Handschuh

Die Avantgarde und der Untergrund gehören zusammen: Seit bald 80 Jahren gehen die Kunstschaffenden, die sich nicht an der Generierung des sogenannten Mainstreams beteiligen, zur Präsentation ihrer Arbeit sprichwörtlich „in den Keller“, in den Untergrund: In leerstehenden Lagerräumen, U-Bahn-Tunneln und Bunkern entstand mit der Subculture eine Bewegung, deren Vorliebe für den künstlerischen Untertagebau Pate für ihren Namen stand. Verborgen und unerhört blieb diese alternative Szene jenseits der großen Konzerthallen und Stadionauftritte außerhalb des Wahrnehmungsradius eines Großteils der Bevölkerung, „The mainstream comes to you, but you have to go to the underground“ sagte Frank Zappa dazu. Vielleicht zieht es diese Künstlerinnen und Künstler wegen der Namensnähe zu den Untergrundbewegungen der Widerstandsgruppen in den vergangenen Kriegen in die Gewölbe unter den Straßen, vielleicht ist es auch das „Subversive“, das Unterlaufen er treffend entgegengesetzt-genannten Hochkultur, dass sie am tieferen Stockwerk interessiert, eines lässt sich klar sagen: Im Untergrund blickt es sich leichter in den Abgrund — und der war im Gegensatz zu seinem „Bruder von oben“, dem „göttlichen Funken des Genies“, schon immer Teil des künstlerischen Schaffens.

Nun zog es das diesjährige aDevantgarde-Festival auch hinab, runter in den ehemaligen Braukeller des Unionsbräu im Münchner Stadtteil Haidhausen, deren heutiger Namensgeber selbst mit seiner herausgestreckten Zunge ein Sinnbild für die anarchische Kraft der (in seinem Fall wissenschaftlichen) Avantgarde ist: Die Rede ist von Albert Einstein, die Keller nennen sich „Einstein Kultur“. Überhaupt sollte der ikonische Charakterkopf samt Zunge mehrfach Thema des aDevantgarde-Festivals werden, stellte Cornel Franz, einer der Diskurspaten des Festivals, doch die künstlerische Frage, ob die Zunge Einsteins sich nicht auch im Cover der Rolling Stones wiederfinden würde (zwar lautet deren offizielle Version, dass die Zunge von der Göttin Kali inspiriert wurde, doch ist es hier letztlich die Assoziation die zählt).

„Drunter/Drüber“

In diesen Kellern beschreiben die Festivalleiter Alexander Strauch und Markus Lehmann-Horn zusammen mit dem aDevantgarde-Verein München den Ansatz „Drunter/Drüber“ in bescheiden-selbstironischer Art als ein musikalisches Durcheinander, da in diesem Jahr nicht ein einzelner Konzertmacher das Programm verantwortet, sondern gleich sechs: Strauch und Lehmann-Horn selbst, Samuel Penderbayne, Christian Dieck, Arash Safaian und Bernhard Weidner, alle ihres Zeichens Komponisten. Zwar wird sich im Programm explizit von ideologischen und sozialen Implikationen des Titels distanziert, doch bestätigt man natürlich, dass Musik immer politisch sei, „da sie doch so schön von uns erzählen kann und uns so gut kennt“, wie Prof. Franz in einem der Konzerte konstatiert.

Musikalische Bandbreite aktueller Zustände

Es ist nur konsequent, dass Strauch und Lehmann-Horn ausgewählte Konzerte auch auf den Erdboden (ins MUCCA und das Schwere Reiter) legen oder ganz darüber hinaus in die höchsten Stockwerke der Bayerischen Akademie der Schönen Künste schicken, inklusive Blick auf die Dächer Münchens. Das Publikum erlebt die musikalische Bandbreite aktueller Zustände des vielfältigen und diversen Musikschaffens des beginnenden 21. Jahrhunderts in immer wieder neuen Wahrnehmungssituationen — und genau diese machen in Zusammenhang mit dem abwechslungsbetonten Programm den besonderen Reiz dieses mittlerweile 15. aDevantgarde-Festivals aus!

„Mensch—Ding—Klang“

Begonnen wird gleich mit einem „Sonderkonzert“, einer Kooperation mit dem Ensemble Blauer Reiter, das sich unter der musikalischen Leitung Armando Merinos dem Thema „Mensch—Ding—Klang“ widmet. Das Programm baut sich dabei um Werke des italienischen Komponisten Pierluigi Billone auf, zu hören sind ebenfalls Arbeiten von Ulrich Kreppein, Isabel Mundry und Volker Nickel. Im Zwischengespräch stellt Billone die Idee zur Debatte, dass Klang dann zu Musik wird, wenn er mit Intention gesendet wird. Es kommt auf den Rahmen an. Hörerinnen und Hörer fühlen sich wie in einem Labor, in dem ein musikalischer Frankenstein aus Gegenständen erzeugten Klängen entsteht. Das Zusammenspiel von Mensch und Ding ergibt Klang, dem das Senden den Status von Musik gibt.

„follow the music!“

Am zweiten Tag geht es hinauf in die Hallen der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, die dortigen Klänge entstammten allesamt Streichinstrumenten: Bereits im Treppenhaus wurde man von den Klängen eines Cellos (Cellist: Graham Waterhouse) nach oben gelockt, „follow the music!“, das Konzert selbst wurde vom Quartetto Maurice bestritten, das Uraufführungen von Philipp C. Mayer und Alexander Strauch sowie bestehende Werke von Marco Stroppa und Chia-Ying Lin präsentierte. Die durch die hohen Fenster in den zusätzlich durch Lüster erhellten Saal hereinscheinende Abendsonne stellte den größtmöglichen Kontrast zum vorausgegangenen Untergrund-Konzert dar: Natürlich muss Musik auch für sich stehen können, doch hier wird deutlicher denn je klar, dass es auch auf die Hörumgebung ankommt. Sowohl die Festlichkeit der Münchner Dachgeschosse als auch die rohe Kraft der Untergründe versetzen die Hörerinnen und Hörer in jeweils völlig andere Situationen und ermöglichen ein intensives Musikerleben.

„HotSpots“

Uraufführungen von Aart Strootman, Meredi, Christian Dieck und Christoph Reiserer sowie Werke von  Samuel Penderbayne und Moritz Eggert waren am Mittwoch beim Konzert „HotSpots“ zu erleben: Zusammen mit dem Filmregisseur Benedikt Schwarzer verfolgte Konzertmacher Dieck das Punktuelle in der Musik, den Beat. Rund um den beeindruckenden Percussion-Aufbau des Schlagzeug-Solisten Konstantyn Napolov schwebten Bilder Schwarzers, die den Beat mit Bewegung und assoziativen Eindrücken vervollständigten. Moritz Eggert, der als Pianist Teil des Konzertes war, erörterte im Zwischengespräch die Geschichte des Pulses in der Musik und ergänzte mit spannenden Einblicken in die kompositorische Konzeption von Rhythmen den treibenden Höreindruck des Publikums. Direkt im Anschluss folgte ein zweites Konzert, jedoch mit Hörplatzwechsel: Zusammen mit dem trugschluss e.V. wurde das Ensemble Decoder aus Hamburg in einer der Hallen des MUCCA präsentiert: Die Gedanken zum Raum wurden hier sinnlich weitergedacht, auf im ganzen Saal verteilten Paletten sitzend erlebte das Publikum Werke von Leopold Hurt und Hannes Seidl, die von Beamer-Projektionen begleitet und vervollständigt wurden. Höhepunkt des Konzertes war sicher die eindrückliche Feedback-Performance für vier Mischpulte.

„Der neue Hoagartn“

„Der neue Hoagartn“ von Konzertmacher Alexander Strauch verwandelte am Donnerstag die Einstein’schen Keller plötzlich in ein surreales Festzelt: Begrüßt durch von musikalischen Irritationen begleiteten Jodlern und dem Duft von (kostenfreiem) Schweinebraten fanden sich die Besucherinnen und Besucher plötzlich als Teil einer Festgesellschaft wieder, Bierbankgarnituren füllten den Raum, ein in der Ecke sitzender Stammgast (Cornel Franz) gab nachdenkliche Hoagartn-Philosophie zum Besten, als sei er direkt René Daumals „La Grande Beuverie“ entsprungen. Stimmungsvoll-abwechslungsreich präsentierte sich ein Programm mit Werken von Markus Muench, Johannes X. Schachtner, Harry Partch, Alexander Strauch, Beatrice Ott, Christoph Reiserer und Jake Bellissimo, letzterer bat die Anwesenden in der Abschlussnummer zum Mitsingen, die musikalische Gemeinschaft musizierte gemeinsam. Auch an diesem Abend folgte mit Bernhard Weidners Konzertprogramm „Utopia 1919: Dichterrepublik“ ein zweites Projekt: Jan Müller-Wieland vertonte Ernst Toller, Helga Pogatschar einen neuen Text von Nora Gomringer, Johannes X. Schachtner einen von Norbert Niemann und Bernhard Weidner zum Abschluss Gustav Landauer. Das von Schachtner dirigierte Ensemble Zeitsprung tauchte mit Mezzosopran Florence Losseau und Sprecher Stefan Hunstein in den revolutionären Untergrund von 1919 ab — viel passender kann ein Inhalt kaum zum Ort sein.

„Classic VS Classic“

Was wäre ein Underground ohne einen Club? Das fragte sich auch Arash Safaian und lud mit „Classic VS Classic“ in ein Setting der ganz besonderen Art ein: Völlig frei zu Kommen und zu gehen, wann man mochte, präsentierte das Ensemble Adapter ein umfangreiches, in vier Sets unterteiltes Programm aus Uraufführungen von Johannes Motschmann, Henrik Ajax, Kay Westermann, Joanna Bailie und weiteren Werken von Jo Kondo, Franco Donatoni, Márton Illés, Toru Takemitsu, Pall Ivan frá Eiðum, Petros Ovsepyan, Simon Løffler, David Brynjar Franzson, Simon Steen Andersen und Paul Frick. Wie in der Einführung von Reiner Nägele, Leiter der Musikabteilung der Bayerischen Staatsbibliothek, dargelegt, zeigte das Ensemble, dass klassische Musik nicht (wie oft im Alltag gedeutet) kanonisch zu verstehen ist, sondern sich auf den Vorgang des Musizierens selbst bezieht: Auch Neue und neueste Musik kann im richtigen Setting ein klassisches Club-Konzert werden. Wie jedoch die Komposition für mehrere Neon-Röhren, die in Deutschland nicht mehr erhältlich da verboten sind, in die Sammlung der Staatsbibliothek integriert und konserviert werden können, dazu muss Reiner Nägele noch forschen.

„I have the Moon“

Am Samstag brach dann die musikalische Anarchie aus: Konzertmacher Samuel Penderbayne lud vier Kolleginnen und Kollegen ein — Mischa Tangian, Genevieve Murphy, Claas Krause und Caio de Azevedo —, sperrte sich mit ihnen eine Woche lang in ein Haus in Grünewald ein und entwarf mit „I have the Moon“ ein Performance-Projekt, das vor absurd-komischen und scharfsinnigen Einfällen fast überladen war. Doch die Überforderung war Konzept, das Kollektiv präsentierte in einem einstündigen Fluxus eine Bandbreite von Ideen, die von einer kraftvoll-gewaltigen Dudelsack-Nummer bis zu einer fast an Andy Kaufman erinnernden Wurst-Walzer-Performance reichte. Spannend war, dass Penderbayne mit seinem Team das Anarchistische suchte und das Politische fand: Dieses von der Performance her gedachte Konzert war eine Ansage an das Publikum, wie sich im Nachgespräch mit Dramaturgin Christiane Plank-Baldauf herausstellte.

JAM – Orchestra +“

Den Abschluss des Festivals bildete Markus Lehmann-Horns mit dem Münchener Kammerorchester durchgeführtes Konzert „JAM – Orchestra +“. Uraufführungen von Nicole Lizée, Jesper Nordin und Lehmann-Horn selbst sowie ein bestehendes Werk von Michael Gordon ließen das Ensemble auf elektronische Welten treffen: Und so wie Orpheus (seine Bedeutung für das Festival machte Cornel Franz in seinen Texten mehrfach klar) wieder aus der Unterwelt hochstieg, kamen auch die Hörerinnen und Hörer für dieses letzte Konzert auf der Erdoberfläche — genauer gesagt im Schwere Reiter — wieder zusammen. Lehmann-Horn zeigte dabei, dass bei der Kombination von Elektronik und Orchester nicht zwangsläufig eine Partei den Kürzeren zieht, wie es in der populären Musik sowie der Filmmusik oft vorkommt, sondern durch präzise Komposition und Klangabstimmung eine unerhörte Symbiose entstehen kann. Und womit sollte ein „Drunter/Drüber“ besser enden, als mit einer Zusammenkunft?

Abenteuer-Urlaub für den Kopf

Das 15. aDevantgarde-Festival war wie ein Abenteuer-Urlaub für den Kopf: Viele Stimmen, quasi ein polyphones Programm, sorgten für ein Höchstmaß an musikalischer Abwechslung, entführte im klug kurratierten Zusammenspiel mit Setting und Raum in ungewöhnliche Hörsituationen für unerhörte Töne. Das Festival bewies, dass das Hochkarätige nicht durch Höhenflüge in großen Konzertsälen entstehen muss, sondern seine Kraft auch aus dem subversiven Potenzial von zeitgenössischem Programm in erfrischender Abwechslung, präsentiert in heim(e)lichen Räumen zieht. Es gibt sie noch, die oft totgesagte Avantgarde — sie brodelt unter unseren Füßen. Der Ort ist nunmal schon auch wichtig.

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