Dunkel ist das Ende, ist der Tod – Uraufführung von „Le Silence des ombres“ von Benjamin Attahir in Brüssel


(nmz) -
Sage keiner, es gäbe nicht das speziell Französische in der Musik. Die neue Oper von Benjamin Attahir ist sehr französisch. Nicht nur, weil die dunklen Arkaden und Steintreppen der Uraufführungsinszenierung vor einer gewaltigen Mauer auch jener Ort sein könnte, in dem man „Pelléas et Mélisande“ aufführen könnte. Der 1989 in Toulouse geborene Franzose tut gar nicht so, als wollte er sich etwa von Debussy so weit entfernen, dass man dessen Einfluss, oder zumindest seine Rolle als Maß der Dinge, nicht mehr erkennen würde. Joachim Lange mit seinem Uraufführungsbericht.
26.09.2019 - Von Joachim Lange

„Le Silence des ombres“ ist seine erste Oper und nach Pascal Dusapins „Macbeth underworld“ die zweite der aktuellen Uraufführungen, mit denen Peter De Caluwe die aktuelle Brüssler Spielzeit eröffnet. Attahir hat am Konservatorium seiner Heimatstadt Violine und dann am Conservatoire de Paris Komposition studiert. Im Brüssler Schauspielhaus dirigierte er jetzt auch das Kammerorchester der La Monnaie Oper selbst. Diese Uraufführung dürfte seiner Karriere, die bislang mit zahlreichen Auszeichnungen, gewonnenen Wettbewerben und Aufführungen seiner Werke durch die Prominenz seiner Branche schon gute Fahrt aufgenommen hat, einen deutlichen Schub verleihen.

Der Doyen der deutschen Komponisten, Aribert Reimann (83), hatte sich vor zwei Jahren, gleichsam aus deutscher Sicht und mit der Gelassenheit des Altmeisters ebenfalls ein Triptychon von Maurice Maeterlinck (1862-1949) vorgenommen und dabei mit „Le mort de Titangiles“ und „Interieur“ zwei davon ebenfalls vertont. Sein junger französischer Kollege fügte jetzt als dritten Teil „Alladine et Palomides“ für seinen Erstling hinzu. Unterlief Reimann bei „L'Invisible“, seiner neunten Oper, die Erwartungen an die Expressivität, wie er sie im „Lear“ oder der „Medea“ entfesselt hatte, mit einem an Debussy erinnernden Mäandern und einer Melange von Poesie und Vokalisen, so erfüllte Atthair die gehegten Hoffnungen auf eine französisch inspirierte Opernnovität. Absolvierte Reimann den Ausflug in den Symbolismus (er hat sein Libretto selbst aus der Vorlage destilliert) in 90 Minuten, so brauchte sein Junger Kollege dafür reichliche drei Bruttostunden.

Attahir macht den großen belgischen Nobelpreisträger und Symbolisten mit den „Trois petits drames pour marionnettes“ (Drei kleine Dramen für Marionetten) zum Librettisten.

In „Le Mort de Tintagiles“ (Der Tod des Tintagiles) gelingt es den besorgten Schwestern Ygraine (Raquel Camarinha) und Bellangère (Clémence Poussin) nicht, das Leben ihres Bruders Tintagiles (Julia Szproch) vor der alten bösen Königin, deren Macht allen unerklärlich ist, zu retten. In dieser gespenstischen Schlossatmosphäre ist der Abend Pelleas und Melisande noch am nächsten. 

Im zweiten Teil müssen zwei Männer, der Alte und der Fremde, einer vermeintlich glücklichen Familie die Nachricht vom Tod einer Tochter überbringen. Da man durch das Fenster beobachten kann, wie glücklich und gleichsam ganz und gar bei sich selbst die Familie ist, zögern die beiden (wortreich) die Nachricht zu überbringen. Am Ende haben sie keine Chance, da eine Menschenmenge mit der Toten naht. 

„Alladine und Palomide“ schließlich komplettiert die Trilogie nach der Pause mit einer klassischen Liebes- und Eifersuchtsgeschichte. Hier hat sich der alte und eigentlich weise König Ablamore (Renaud Delaigue) in die junge Sklavin Alladine (Julia Szproch) verliebt. Die hat sich freilich in den Verlobten seiner Tochter Astolaine (Raquel Chamarinha), Palomides (Pierre Derhet), verliebt. Was natürlich nicht gut ausgeht. Die Flucht der beiden in eine Felswand, die sich hinter dem bis dahin meist verschlossenen Schlosstor märchenhaft auftut, bietet eines der opulentesten Traumbilder der Oper, die ansonsten oft etwas ausgestellt Statuarisches haben. Das hat allerdings den Vorteil, dass die bei Attahir fast leitmotivischen Erregungscrescendi glaubhaft zur Geltung kommen.

Nervöse Erregungszustände

Dass der Tonsetzer die Stimme als sein Lieblingsinstrument bezeichnet, verwundert nicht. Sein komponiertes Parlando verbindet sich im ersten („Le mort de Titangiles“) und im dritten Teil („Alladine en Palomides“) von Beginn an geschmeidig mit dem Text. Im Mittelteil „Interieur“ weist er dem gesprochenen (allerdings französisch, also per se musikalischen) Wort sogar eine Hauptrolle zu und tritt mit dem Orchester einen Schritt zurück in den Hintergrund. Hier wird das Geschehen vom Orchester „nur“ atmosphärisch grundiert, bleibt ihm aber emotional stets verbunden. Obwohl in allen drei Teilen der Oper nie ein Erregungsminimum unterschritten wird, ist die Verbindung zum Wort – im flotten Parlando – ebenso durchgängig und faszinierend erhalten. Sie bietet aber gleichwohl Abwechslung, vor allem aber ein aus den Geschichten immer wieder erwachsendes Crescendo der nervösen Erregungszustände. Das bereitet sich rhythmisch forciert auf das ganze Orchester aus, um dann beispielsweise die Melancholie des Cellos (im dritten Teil) zu ihrem Recht kommen zu lassen. 

Regisseur Olivier Lexa hat die drei Stücke in einer Ausstattung inszeniert, an der sich Studierende der Szenografie an der National School of Visual Arts in La Cambre erprobt haben. Sie versuchen über den Einheitsort hinaus mit dem Wiederauftauchen bestimmter Metaphern in den jeweils anderen Stücken (das projizierte Lamm Gottes, das dem berühmten Gemälde von Jan van Eyck entlehnt ist, die Krankenschwestern oder die vom Schnürboden einschwebenden Leuchten) auch optisch jenen Zusammenhang der Teile zu belegen, auf den die musikalische Sprache der Komposition, bei aller Eigenheit der drei Teile, erkennbar setzt.

Diese Uraufführung ist eine Koproduktion der La Monnaie Oper (und dem KVS) mit der Queen Elisabeth Music Chapel (Waterloo), Les Théâtres de la ville de Luxembourg, und dem Theatr Wilke – der polnischen Nationaloper Warschau. Allein damit ist schon mal eine gewisse Breitenwirkung und ein Nachleben nach der Uraufführung gewährleistet.


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