Von der Lust, sich sehr verschieden auszudrücken – ein Nachruf auf den Komponisten Alfred Koerppen


(nmz) -
Anfang Juli musste sich die Hannoveraner Kunstmusikszene von einem ihrer bedeutenden Protagonisten verabschieden. Alfred Koerppen, heute der Allgemeinheit vor allem für seine Chormusik bekannt, hat wie kein zweiter die musikalische Neuaufstellung der Nachkriegszeit in Hannover geprägt. Von Beginn an konnte er die Entwicklung der „neuen Musik“, jener „Stunde Null“, wie er sagte, in der Musik mitverfolgen, sich mit ihr auseinandersetzen, sie kritisieren.
30.08.2022 - Von Patrick Erb

Am 16. Dezember 1926 in Wiesbaden geboren, erhielt der angehende Komponist ab dem sechsten Lebensjahr beim Vater, selbst als Kapellmeister in Wiesbaden tätig, Klavierunterricht. Von 1939 bis 1945 besuchte er das Musische Gymnasium in Frankfurt, dessen Schulleiter Kurt Thomas Koerppen in Musiktheorie und Komposition unterrichtete und maßgeblichen Einfluss auf dessen musikalische Prägung ausübte – in diesen Jahren entstanden auch die ersten Kompositionen. Im Herbst 1945 trat er eine Organistenstelle an der St. Antonius-Kirche in Frankfurt an, ergänzt durch private Lehrtätigkeiten. 1947 siedelte er dann nach Hannover über, um an der Landesmusikschule, der späteren Hochschule für Musik, Theater und Medien, „Tonsatz“ lehren zu können. Hannover sollte von da an sein geographischer Fixpunkt bleiben.  

Alfred Koerppens Œuvre erstreckt sich über eine weite Spannbreite: Neben der Instrumentalmusik, darunter symphonische wie kammermusikalische Werke, schuf er Werke für das Musiktheater, Liederzyklen und schließlich auch eine bedeutende Menge an weltlicher und geistlicher Chormusik. Die Klangsprache ist sehr ausdifferenziert. „Die Lust, sich sehr verschieden auszudrücken, gehört zum Charakterprofil Koerppens“, drückte es einmal der Präsident des Deutschen Musikrates und Kenner der Arbeiten seines Laureaten, Richard Jakoby, in einer Festrede für diesen aus.

Koerppen war mitnichten ein Komponist, der viele Stilrichtungen gleichzeitig zu bedienen versuchte, erst recht niemand, den man unter dem Begriff Eklektizismus hätte generalisieren können und sollen. Er verzichtete nach eigenen Worten „auf das verführerische Angebot des Avantgardisten“ und überließ die Aufgabe des „Bürgerschrecks“ anderen. Alfred Koerppen konnte sich immer wieder aufs Neue an traditionellen Formen und Tonalitäten erfreuen – viele seiner Lieder für A-Capella-Chor muten nach dem ersten Höreindruck wie romantische Stilkopien an – sich gleichzeitig aber auch in innovative, moderne Affekte hineinversetzen. Die breite Hörerschaft zunächst fordernde, schwer zugängliche Musik ist dabei kein Selbstzweck um des Eklats willen, sondern immer nur gezieltes Ausdrucksmittel.

Ein Aspekt im Leben des Tondichters beeinflusste das musikalischen Schaffens allerdings wie kein anderer: das Verhältnis zum Glauben, zur Religion. Koerppen, der von sich selbst sagt „auf dem Gebiet der Theologie bin ich ein Dilettant“, hat wohl wie kein zweiter sich der Frage nach dem Verhältnis von Kunst zur Religion und der Bedeutung und der Zukunftsperspektive der Kirchenmusik gestellt. Er erkannte den Erneuerungsbedarf der christlichen Kirchen, deren Ratlosigkeit gegenüber der sich verlierenden gesellschaftlichen Maßstäbe und die daraus resultierenden Bestrebungen nach kirchenmusikalischen Erneuerungen früh und mahnte die kirchlichen Institutionen an, „sich zu der tausendjährigen Tradition zu bekennen, von dem regelrechten Schatz an Meisterwerken zu profitieren und nicht der Selbstaufgabe entgegenzublicken“.

Diesem streitbaren Urteil blieb Koerppen sein Leben lang treu: Zu den ersten großen Kompositionen gehörte ein 1951 niedergeschriebenes, szenisches Oratorium „Der Turmbau zu Babel“  für Solisten, gemischten Chor und Orchester, wie auch die „Missa pro fidei propagatione“ aus dem Jahr 1952; bis in spätere Lebensphasen hinein, kamen unzählige Sakralwerke hinzu, immer mit der stilistischen Verspieltheit, die dem Publikum wie auch der kirchlichen Gemeinde viel zumutete, diese auch gerade dadurch immer ernst nahm.

„Was wollen Sie in Hannnover? Von hier aus macht man keine Karriere“, urteilte der dort gebürtige Carl Dahlhaus kurz vor Koerppens neuer Lebensphase in der niedersächsischen Landeshauptstadt. Er sollte nicht recht behalten: Alfred Koerppen blieb und zählte zu den Gründungsmitgliedern der neustrukturierten Hochschule für Musik, Theater und Medien, an der er von 1964 bis zu seinem Ruhestand im Jahr 1991 eine Professur für Komposition und Musiktheorie innehatte, unzählige Studenten unterrichtete, als Senatsmitglied „unzähligen Universitätspräsidenten das Leben schwer aber auch leicht gemacht hat“ und dessen Neubau er mit keiner Festmusik, sondern einer musikalischen Parabel auf die Vergeblichkeit des menschlichen Strebens, dem Stück „Stadtwappen“ nach einem Text von Franz Kafka, gebührend einweihte. Seine „Ortsfestigkeit“, wie er es nannte und kritisch betrachtete, konnte er durch seine starke Bindung zu Italien lockern: 1960 erhielt der Komponist den mit einem einjährigen Stipendium in der Villa Massimo verbundenen Rompreis. Ein Jahr darauf siedelte er sich mit seiner Ehefrau, der Violinistin Barbara Boehr, in Sezze (Latium) an, von da an das Domizil in den Semesterferien, in denen man sich dem Komponieren widmete. Vieles sollte in späteren Lebensjahren noch dazukommen, unter anderem ehrte ihn das Land Niedersachsen jeweils mit dem Niedersachsenpreis (1983) und dem Verdienstkreuz am Bande (2007). Am 5. Juli 2022 ist Alfred Koerppen nach kurzer, schwerer Krankheit in Burgdorf bei Hannover verstorben.

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