Ein wirklich teuflisches Spiel – Tomo Sugao inszeniert Gounods „Faust“ am Theater Bielefeld


(nmz) -
Tomo Sugao, der 1979 im japanischen Sapporo geborene Opernregisseur, macht schon seit etlichen Jahren international als kreativer Mensch auf sich aufmerksam. In der deutschsprachigen Theaterszene präsentierte er Inszenierungen unter anderem in Zürich, am Mainfranken-Theater Würzburg („Nixon in China“ und „Götterdämmerung“) und zuletzt im vergangenen Jahr in der Oper Dortmund seine Sichtweisen auf Puccinis „Turandot“ und „Madama Butterfly“. Seine jüngste Produktion, Charles Gounods „Faust“, feierte am vergangenen Wochenende am Theater Bielefeld Premiere. Eine bemerkenswerte Lesart, wie unser Autor Christoph Schulte im Walde meint.
03.03.2020 - Von Christoph Schulte im Walde

Gut, dass die Freiheit der Kunst rechtlich garantiert ist. Sonst käme womöglich jemand auf die Idee, das Theater Bielefeld zu verklagen. Denn mag das Treiben dort auf der Bühne auch noch so bunt und spaßig gemeint sein: der Schabernack von Horror-Clowns (außerhalb von Theatermauern) ist justiziabel und wurde in der Vergangenheit bereits mehrfach zur Anzeige gebracht, Geldstrafen verhängt, sogar Haftstrafen auf Bewährung!

Der Bielefelder Mephistofeles indes bewegt sich jenseits möglicher Sanktionen, wenngleich er als zentrale Figur in Charles Gounods „Faust“ jede Menge Unheil anrichtet. Als Horror-Clown hat er es auf die Seele des alt gewordenen Doktor Faust abgesehen, die dieser ihm auch bereitwillig verspricht. Im Gegenzug gewinnt Faust seine Jugend zurück. Und schon ist der Pakt mit dem Teufel besiegelt.

Es ist ein wirklich teuflisches Spiel, das Regisseur Tomo Sugao da entfacht. Nur vordergründig gewinnt man den Eindruck, es ginge um Zirkus, um Maskerade, um zynischen Spaß. Nein, auch auf der quietschbunten Bühne mit glitzernden Vorhängen und jeder Menge funkelnden Lichts geht es um Existenzielles, um Leben und Tod. Und natürlich um Marguerite, die tragische Gestalt, die für Faust selbst dann noch Liebesgefühle hegt, als er sie schon längst verlassen hat und sie mit ihrem Baby allein zurückbleibt.

Der Goethe-Stoff ist sattsam bekannt, auch Gounods viel gespielte Erfolgsoper, die im Bielefelder Haus zuletzt vor 17 Jahren unter dem originalen Titel „Marguerite“ gezeigt worden ist. Aber so, wie Tomo Sugao die Geschichte nun liest, hat sie wohl selten jemand erlebt. Drei unterschiedlich große rechteckige Portale bestimmen die Bühne. Sie lassen sich in- und auseinander fahren wie einst die von Bauhaus-Architekt und-Designer Marcel Breuer entworfenen Satztische. Die Profile sind mit Leuchten ausgestattet wie Schminkspiegel in der Theatermaske. Oder der Portikus im Innenraum eines Zirkuszeltes. Das Ganze ruht auf einer Drehbühne, die eine weitere Dimension von Bewegung gestattet. Und Bewegung gibt es in dieser Inszenierung jede Menge. Vor allem Yoshiaki Kimura meistert da ganz besondere Herausforderungen. Als Horror-Mephistofeles ist er ständig präsent, ständig in Action, dirigiert das Geschehen, wirbelt durch alle fünf Akte – eine nachgerade athletische physische Leistung, mal ganz abgesehen von der künstlerisch-schauspielerischen. Kimura macht das auf atemberaubend tolle Weise und singt darüber hinaus auch noch ganz fantastisch, oft umwuselt von seinen stummen, aber höchst vitalen Geistern, Horror-Gestalten wie er selbst. Auch Marguerite, die Unschuld vom Lande in biederem Kleidchen und ziemlich unmöglicher Brille, bekommt Geister an die Seite gestellt, die ihr gleichen und Faust das gemeinsame Kind tot vor die Füße werfen. Es ist die Walpurgisnacht. Sie führt in den Abgrund, Mephistofeles schaut als Beherrscher auch dieser Szene von oben herab.

Sugaos Ansatz, eine Grusel-Story zu erzählen, geht stimmig auf. Man erlebt sie vordergründig als höchst animierende bunte Unterhaltung mit lauter Effekten, man hält aber auch immer wieder den Atem an und ist angesichts der Brutalität der Ereignisse konsterniert. Was am Ende etwas nervt: das unablässige Verschieben der drei Portale. Was in keinem Moment nervt, sondern fast drei Stunden lang wirklich beglückt, ist die Leistung des gesamten Personals: der fabelhaften Solisten, des Chores (samt Extrachor), den Mitgliedern von E-Motion als tanzende DarstellerInnen der Geister, der Bielefelder Philharmoniker unter Leitung ihres GMD Alexander Kalajdzic. Neben dem schon genannten Yoshiaki Kimura als Mephistofeles – zweifellos der Star in dieser Inszenierung – müssen Daniel Pataky als Faust und Dusica Bijelic als Marguerite unbedingt lobend Erwähnung finden. Sie machen im Verein mit allen übrigen Akteuren aus Gounods „Faust“ ein tief beeindruckendes Erlebnis. Dazu gehören in diesem Fall ganz explizit auch all diejenigen Theatermenschen, die hinter und neben der Bühne diese Produktion stemmen. Der Aufwand an Personal, Technik, auch an Kostümen, Requisiten und Lichtregie ist immens – er hat sich voll und ganz gelohnt!


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