Eine Institution des deutschen Jazz – Michael Naura wird 80


(nmz) -
Auf Bitte des Fotografen setzt sich Michael Naura noch einmal an sein Klavier und spielt Jazz. „Du bist ein guter Typ, das sehe ich sofort“, sagt Naura. In der Nachkriegszeit war er einer der erfolgreichsten Jazzpianisten in Deutschland, er gehörte zu den besten Jazzmusikern – neben Albert Mangelsdorff, Heinz Sauer, Ernst-Ludwig Petrowsky und dem Vibrafonisten Wolfgang Schlüter. Eine zweite Karriere – bedingt auch durch eine Erkrankung, die ihn zum Pausieren zwang – machte er im Hörfunk. Von 1971 bis 1999 leitete er ebenso sachkundig wie scharfzüngig die NDR-Jazzredaktion.
18.08.2014 - Von dpa, Markus Scholz, Matthias Hoenig

Am 19. August wird Naura 80. „Wir feiern mit der Familie und engen Freunden zuhause, nichts Großes, aber es wird einen Diavortrag mit humorvollen Fotos eines befreundeten Arztes geben“, sagt seine Frau Christina.

Die Gesundheit macht Naura zu schaffen. Von einer Herzerkrankung hat er sich aber erholt. „Es stand Spitz auf Knopf“, berichtet seine Frau. Seit 30 Jahren leben beide zusammen, sie hilft ihm im Alter. Er trägt Schmuck von ihr, eine Kette, dazu an den Händen wuchtige Ringe.

Seinen Humor hat Naura nicht verloren, macht sogar manches Späßchen mit seinem Krückstock.    

Ihr Zuhause ist ein altes Bauernhaus in der Siedlung Hollbüllhuus in Nordfriesland. Die gemütlichen, fast museal wirkenden Räume sind mit alten Möbeln und Accessoires im Bauernstil gestaltet. An den Wänden hängen Bilder im nordfriesischen Stil. Lange hat Naura auch selbst gemalt und gezeichnet, die vielen Bilder in seinem Arbeitszimmer zeugen davon.

Naura, 1934 in Memel (heute Klaipeda/Litauen) geboren, kommt als Sechsjähriger mit der Mutter nach Berlin. Hier studiert er Philosophie, Soziologie und spielt nebenher Klavier. Die Musik verdrängt die Wissenschaften. 1953, mit 19 Jahren, gründet er in Berlin das Michael-Naura-Quintett; 1956 Umzug nach Hamburg. Im Jazzkeller in den Colonnaden spielt die 1962/63 zur besten deutschen Band gewählte Formation jahrelang sechs Nächte die Woche.

„Es war schlimmer als Bergbau, schlimmer als Untertage-Arbeit“, berichtete Naura einmal. Die Nächte in verqualmten, alkoholisierten Räumen forderten ihren Tribut. Von 1963 bis 1966 musste Naura pausieren. Die besten Jazzer Deutschlands taten sich zu einer Benefizvorstellung zusammen, um ihm zu helfen, die Kosten für die Behandlungen aufzubringen. Das hatte es in der deutschen Jazzgeschichte nie zuvor gegeben.

1966 begegnet Naura dem Lyriker Peter Rühmkorf. Die Zusammenarbeit unter dem Stichwort „Jazz und Lyrik“ zeigt vielfältige Früchte. Als Leiter der NDR-Jazzredaktion produziert, organisiert, schreibt, sammelt er und macht weiterhin auch Musik.

Seine Kritiken sind sprachlich brillant, können aber auch herb ausfallen. „Kaum ein kritisches Wort im Jazz (…) besitzt mehr Gewicht“, schrieb einmal die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“.

Am Geburtstag würdigen sowohl NDR Kultur als auch NDR Info Naura in Beiträgen. NDR Info bringt darüber hinaus zwei weitere Sendungen – am 22. August (22.05-23.00 Uhr) das Jazz Special „„Radio ist Klang“ zu Michael Nauras 80. Geburtstag“ und am 23. August (20.15 – 21.00 Uhr) „Jazz Klassiker: NDR Aufnahmen mit Michael Naura“. „Mit seiner ausdrucksstarken Stimme gab er seinen Worten im Radio einen hohen Wiedererkennungswert. Facettenreich und intuitiv sprach er ins Mikrofon, mal sanft berührend, mal provozierend“, hebt der NDR hervor.

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